Im September 1526 machte Albrecht Dürer seiner Heimatstadt Nürnberg ein außergewöhnliches Geschenk: Er übergab dem Rat zwei großformatige Tafeln mit den vier Aposteln Johannes, Petrus, Paulus und Markus. Die Stadt dankte dem Künstler mit 100 Gulden und seiner Frau Agnes mit zwölf Gulden. Im Rathaus erhielten die Bilder einen Ehrenplatz. Die Stadt hatte bereits Objekte als Geschenke erhalten, doch war diese Stiftung der Beginn der Sammlungstätigkeit – man brachte danach noch die zwei Kaiserbildnisse in das Rathaus – und damit begann vor 500 Jahren die Geschichte der Kunstsammlungen der Stadt Nürnberg.

Probestück des Lorenz Hess: Das Innere des großen Rathaussaales zu Nürnberg mit vielen Figuren, 1629. Bildnachweis: Museen der Stadt Nürnberg, Gemälde- und Skulpturensammlung
Schon bald kamen weitere Werke hinzu. Seit 1596 mussten Maler, die in Nürnberg als Meister arbeiten wollten, ein Probestück abliefern. Die Bilder wurden im Rathaus aufbewahrt und ließen zunehmend die Entwicklung der Nürnberger Malerei über mehrere Generationen hinweg erkennen. Gesammelt wurden jedoch nicht nur Gemälde, sondern auch Skulpturen, Gold- und Silberschmiedearbeiten, Glasmalereien, Münzen und Medaillen, Möbel, Druckgrafiken und wissenschaftliche Instrumente. Viele dieser Objekte waren ursprünglich nicht für ein Museum bestimmt, sondern schmückten das Rathaus, dienten bei Festen oder erinnerten an bedeutende Personen und Ereignisse.
Die Sammlungsgeschichte ist zugleich eine Geschichte von Verlusten. Bereits 1627 musste Nürnberg Dürers „Vier Apostel“ an Kurfürst Maximilian I. von Bayern abtreten; heute befinden sie sich in der Alten Pinakothek in München. Weitere Werke wurden verschenkt, verkauft oder fürstlichen Sammlungen überlassen. Besonders einschneidend waren der Kunstraub während der französischen Besetzung 1801 und die Veränderungen nach dem Übergang Nürnbergs an das Königreich Bayern 1806.

Aus der Sammlung Hertel: Rembrandt Harmensz van Rijn: Selbstbildnis mit Harnisch. Bildnachweis: Germanisches Nationalmuseum, Foto: Dirk Meßberger
Im 19. Jahrhundert wuchs das Bewusstsein für die Bewahrung und öffentliche Präsentation des städtischen Kunstbesitzes, unter anderem angeregt durch die Zeit der Nationalstaatenbildung und das Bedürfnis nach einer Repräsentation von kollektiver Identität. Galerien entstanden unter anderem auf der Kaiserburg, in der Moritzkapelle, im Landauerschen Zwölfbrüderhaus und wieder im Rathaus. Schenkungen und Vermächtnisse erweiterten die Bestände. Von besonderer Bedeutung war die Sammlung des Kaufmanns Johann Jakob Hertel, aus der 1862 große Teile an die Stadt gelangten – darunter Gemälde, Glasmalereien, Münzen, Instrumente und mehr als 6.000 druckgrafische Blätter.
Ab 1875 wurde ein großer Teil des städtischen Kunstbesitzes dem Germanischen Nationalmuseum zur Aufbewahrung und Präsentation übergeben. Die Werke blieben Eigentum der Stadt; die enge Verbindung besteht bis heute. Unter Oberbürgermeister Dr. Hermann Luppe wurden die Sammlungen im frühen 20. Jahrhundert zudem gezielt um zeitgenössische Kunst erweitert. Mit Werken des Impressionismus, Expressionismus und der Neuen Sachlichkeit prägte er den Charakter der Sammlung nachhaltig.

Ankauf unter Dr. Hermann Luppe: Max Liebermann: Kartoffelbuddler in den Dünen bei Zandvoort, 1891. Bildnachweis: Museen der Stadt Nürnberg, Gemälde- und Skulpturensammlung
In der Zeit des Nationalsozialismus wurde neben Luppe auch der Direktor der Städtischen Kunstsammlung Fritz Traugott Schulz aus seinem Amt gedrängt und durch den städtischen Zeichenlehrer Emil Stahl ersetzt. Dieser sah seine Aufgabe in der „Säuberung“ der Sammlung von, als „entartet“ eingestufter Kunst. Viele Objekte sind dieser Aktion zum Opfer gefallen, andere wie die Kartoffelbuddler in den Dünen bei Zandvoort von Max Liebermann wurden damals eingetauscht. Im April 1933 veranstaltete Stahl eine Sonderausstellung mit dem Titel „Schreckenskammer“. Dies ist der Vorläufer der Wechselausstellung „Entartete Kunst“. Danach lag der Fokus auf der Organisation von Wechselausstellungen fränkischer Künstler. Trotz Auslagerung der Bestände während des Krieges, lief der Ausstellungsbetrieb bis 1944.

Aus dem Künstlerwettbewerb 1971: Walter Muhammad Malli: Nürnberger Veränderungen, 1971. Bildnachweis: Museen der Stadt Nürnberg, Grafische Sammlung
Nach Ende des zweiten Weltkrieges nahmen die Kunstsammlungen den Betrieb langsam wieder auf. Beispielsweise wurde 1971 die Grafische Sammlung gegründet, die heute Werke aus sechs Jahrhunderten umfasst. Seit 2013 sind sie sowie die Gemälde- und Skulpturensammlung unter dem gemeinsamen Namen „Kunstsammlungen der Stadt Nürnberg“ vereint. Hinzu kommen umfangreiche kulturhistorische Bestände, darunter Möbel, Goldschmiedearbeiten, Textilien, Gläser sowie Münzen und Medaillen.
Heute gehören wissenschaftliche Erforschung, Bewahrung und digitale Erschließung zu den zentralen Aufgaben. Seit 2004 werden die Erwerbungen vom Stadtarchiv auf möglicherweise während der NS-Zeit unrechtmäßig entzogene Kulturgüter untersucht. Eine umfassende Generalrevision und die digitale Inventarisierung erschließen die über verschiedene Standorte verteilten Bestände neu. Die seit 2006 verstärkt aufgebaute Datenbank umfasst inzwischen mehr als 48.000 Objekte.
Veranstaltungsreihe „500 Jahre Kunstsammlungen der Stadt Nürnberg“
Die Kunstsammlungen bei Google Arts & Culture


