„Warum Nürnberg?“ Wer die am 22. Mai 2026 in den Probebetrieb gegangene neue Dauerausstellung des Dokuzentrums Reichsparteitagsgelände betritt, dem wird mit dieser Frage gleich eine Antwort darauf gegeben, was denn nun anders ist. Musste man beim Rundgang durch die seit Anfang 2022 geschlossene frühere Präsentation mehrere Räume durchlaufen, bis man nach vielen Basisinformationen über die NS-Zeit zu den Reichsparteitagen vorstieß, springt die Neukonzeption sofort an den Ort des Geschehens.
„Das ortsspezifische Erzählen und eine analytische Herangehensweise sind uns wichtig. Es war ja kein Zufall, dass Nürnberg „Stadt der Reichsparteitage“ wurde“, erklärt Melanie Wager, promovierte Historikerin und eine der drei leitenden Kuratorinnen der neuen Dauerausstellung „Nürnberg und die Reichsparteitage“. Der Ruhm der ehemaligen Reichsstadt als Deutschlands „Schatzkästlein“, die geeignete Infrastruktur und die in Franken früh erstarkte nationalsozialistische Bewegung boten beste Bedingungen. „Man kann so vieles am Beispiel Nürnberg erklären, das geht an wenigen anderen Orten“, ergänzt Peter Liszt, ebenfalls Historiker und wissenschaftlicher Mitarbeiter mit dem Forschungsschwerpunkt auf dem Thema „Das Reichsparteitagsgelände im Krieg 1939–1945“.
Bei der Eröffnung des Dokuzentrums vor 25 Jahren hatte man versucht, übergreifend auf nationaler Ebene eine Gesamtgeschichte zum Nationalsozialismus zu erzählen, auch Grundlagenwissen zu vermitteln. Doch die Aufmerksamkeitsspanne ist bei jedem Menschen begrenzt und so kam von Besucherinnen und Besuchern die Rückmeldung: „Bisschen viel Vorgeschichte!“ Zu der nach einem Vierteljahrhundert veralteten Forschungslage kamen ein nicht mehr zeitgemäßes Ausstellungsdesign und veränderte Sehgewohnheiten.
„Die Nationalsozialisten arbeiteten mit Bildern, die nach 1945 oft unreflektiert weiterverwendet wurden und in das kollektive Bildgedächtnis eingingen“, sagt Melanie Wager. Diese Aufnahmen tauchen zwar auf in der Schau, werden aber kontextualisiert, wie bei einer SS-Aufnahme von Häftlingen im Steinbruch des KZ Flossenbürg durch die Einfügung eines Zitats aus den Erinnerungen von Walter Adam über seine KZ-Haft dort: „Bis zum Abend war täglich eine Anzahl Häftlinge `fertig gemacht‘, das heißt, durch Steinschlag verletzt oder bei der Arbeit zusammengebrochen.“
Die einstudierten, wiederholten Gesten des Redners Adolf Hitler sind dargestellt und Szenen aus Leni Riefenstahls Propagandafilm „Triumph des Willens“ können von den Besucherinnen und Besuchern zerlegt unter verschiedenen Aspekten wie Schnitt, Kamera, Botschaft oder Musik analysiert werden. Lupen mit vergrößerten Details laden zum genauen Hinsehen ein – etwa zeigen auf einem Großfoto einen einzigen – mutigen – Mann, der sich verweigert, inmitten einer Masse von Hitlergruß zeigenden Arbeitern.
„Wir wollen persönlicher, individueller, menschlicher erzählen – Geschichte von Menschen für Menschen“, sagt Melanie Wager. Zugute kam den Ausstellungsmachern der Umstand, dass inzwischen viele Dachböden geleert wurden und eine Vielzahl von Privatfotos an das Dokuzentrum abgegeben wurden. „Durch diese Bestände bekommt man ganz andere Perspektiven als durch die Propagandabilder, der Blickwinkel ist weiter“, schwärmt Liszt. Herumliegender Müll und erschöpft zusammengesunkene Parteigenossen ermöglichen Blicke hinter die NS-Fassade. Die Gefahr, durch Künstliche Intelligenz gefälschte Bilder zu verwenden, umschiffte das wissenschaftliche Team des Dokuzentrums durch sorgfältige Recherchen. Kuratorin Wager: „Zu jedem Foto gibt es die Quellenangabe – wer möchte, kann sich somit selbst von der Echtheit überzeugen!“
Jüngere Forschungen offenbaren die umfangreiche Lagergeschichte des rund 16 Quadratkilometer großen Reichsparteitagsgeländes, der zuvor fast keine Aufmerksamkeit geschenkt wurde. „Erst zentraler Propagandaort, dann Ort der Juden-Deportationen, KZ-Außenlager, Zwangsarbeiterlager, Kriegsgefangenenlager, mit dem Bahnhof Märzfeld als Drehscheibe … das Gelände hat mehrere Zeitgeschichten“, erklärt Melanie Wager. „Es ist kein reiner Täterort mehr.“ Auf Negativstreifen einer Deportation ließen sich anhand von Deportationsnummern und -listen Menschen identifizieren, deren Schicksal sich teils nachverfolgen lässt.
„Gewalt spielte auf dem Gelände eine große Rolle“, sagt Peter Liszt. Den katastrophalen Bedingungen in den diversen Lagern, die sich in den Graden der verübten Grausamkeiten unterschieden, sind Opferbiographien gegenübergestellt. Die Einzelschicksale von jüdischen Bürgerinnen und Bürgern, Sinti und Roma, politisch Unangepassten und Euthanasieopfern machen das Ausmaß der Verfolgungen deutlich. Man blickt in die feinen Gesichtszüge des jungen Kriegsgefangenen Wladimir Poltawskij, der seinem kleinen Sohn in Russland noch einen Gruß zukommen lässt, bevor ihn die Gestapo „aussondert“ und erschießt. Und man lernt einen Nürnberger Jungen kennen, der in den letzten Kriegstagen als Flakhelfer ums Leben kommt. Nicht nur prominente Täter wie Hitler, Streicher und Speer, sondern auch einzelne, in Nürnberg für die Verbrechen Verantwortliche sind benannt. Porträts von harmlos in die Kamera blickenden Frauen, die als Lageraufseherinnen arbeiteten, machen sprachlos.
Medienstationen und übersichtliche Infografiken laden ein zur Vertiefung und manchen „Aha!“-Erlebnissen, etwa wenn man vor den im Stadtplan eingetragenen Orten der Zwangsarbeit in Nürnberg steht. „Zwangsarbeit war in der Stadt allgegenwärtig, in allen Lebensbereichen, in großen Unternehmen wie der MAN und Siemens ebenso wie in kleinen Betrieben und in der Stadtverwaltung. Man konnte es nicht nicht wahrnehmen“, betont Peter Liszt.
Ein weiterer großer Unterschied zur bisherigen Dauerausstellung: Die „Flachware“ wird ergänzt durch über 250 Objekte: Alben mit Zigarettensammelbildchen und Plaketten zu den jährlich von 1933 bis 1938 veranstalteten Reichsparteitagen, kleine Figürchen zum Nachspielen und ein Paar Stiefel mit den Nägeln, die nach dem Beschlagen der Sohlen den markanten NS-Sound auf dem Kopfsteinpflaster erzeugten. Besucherinnen und Besucher erwartet eine vielfältige Auswahl materieller Zeugnisse – die in bewussten Zusammenstellungen ihre Geschichte(n) erzählen. Vor allem für Exponate aus der NS-Zeit mussten sensible Präsentationsformen gefunden werden: Ein zum Transport ohnehin zerlegter Adler etwa liegt daher zerlegt in der Vitrine. Bewusst anders als Preziose präsentiert – Objekte der Erinnerung und der Dokumentation von Gewalt, beispielsweise die Scherben einer kleinen Vase aus Familienbesitz, die in der Pogromnacht am 9. November 1938 in einer Nürnberger Wohnung zu Bruch ging, oder kleine Anfertigungen von Kriegsgefangenen als Tauschobjekte für ein Stück Brot.
Die vier farblich voneinander abgesetzten inhaltlichen Zeitabschnitte kommen der Besucherorientierung zugute, meint Peter Liszt: „Helles Grün für die Zeit vor 1933, Petrol für die Jahre bis 1939, Blau für 1939 bis 1945 und anschließend Gelb bis zur Gegenwart erleichtern die Orientierung.“ Die im fensterlosen Backsteinbau der Kongresshallenruine eingerichtete Ausstellung wirkt hell und freundlich. „Wir möchten die Geschichte beleuchten und erklären. Die Besucherinnen und Besucher sollen sich im Dokuzentrum gerne aufhalten und informieren wollen“, meint Melanie Wager.
Und welche Themen in der Ausstellung berühren die beiden Wissenschaftler ganz besonders? „Oh, viele“, antwortet Melanie Wager und nennt dann doch Beispiele: „Die Fotoserie des Triumphzugs von Julius Streicher nach der lokalen Machtübernahme 1933 durch Nürnberg, Aufnahmen von den Verwüstungen in der Pogromnacht und von dem Abriss der Hauptsynagoge am Hans-Sachs-Platz …“ Für Peter Liszt sind es die großen Verortungen, die am meisten Eindruck machen: „Die ‚Großbaustelle Reichsparteitagsgelände‘ mit dem entgrenzten Bauen, der Überblick über die verschiedenen Lager zwischen 1939 und 1945 …“
Mit etwa 90 Minuten ist der zeitliche Aufwand für einen Rundgang veranschlagt. Aber auch eiligeren Gästen geben große Leitmotive und Überschriften wesentliche Erkenntnisse mit. Weitgehende Barrierefreiheit, etwa durch unterfahrbare inklusive Stationen und ein taktiles Leitsystem im gesamten Haus, wurde umgesetzt. Bis zur offiziellen Eröffnung im November kann im Testbetrieb nachjustiert werden, sollen Erkenntnisse etwa über den Einsatz der Medienstationen und die Besucherlenkung in die zweisprachig Deutsch-Englisch gestaltete Präsentation einfließen.
Die Kosten für die neue Dauerausstellung in Höhe von 7,4 Millionen Euro trug mit rund 3,7 Millionen zur Hälfte der Bund, je 1,85 Millionen Euro steuerten Freistaat Bayern und die Stadt Nürnberg bei. Bis zu ihrer Schließung hatten die frühere Ausstellung jährlich rund 300 000 Menschen besucht.
Dr. Melanie Wager ist wissenschaftliche Mitarbeiterin, Projektleiterin und leitende Kuratorin im Dokuzentrum Reichsparteitagsgelände. Ihre Forschungsschwerpunkte sind Nürnberg im NS, NS-Propaganda und „Der Stürmer“. Ihr Buch „‚Der Stürmer’ und seine Leser – Ein analoges antisemitisches Netzwerk. Zur Geschichte und Propagandawirkung eines nationalsozialistischen Massenmediums“ ist 2023 im Metropol Verlag Berlin erschienen.
Peter Liszt M.A. ist wissenschaftlicher Mitarbeiter und Kurator im Dokuzentrum Reichsparteitagsgelände. Sein Forschungsschwerpunkt ist das Reichsparteitagsgelände im Krieg.
Beide waren intensiv mit Ausstellungsgrafik, Textredaktion und Objekteinrichtung der neuen Dauerausstellung befasst.
Dokuzentrum Reichsparteitagsgelände, Bayernstraße 110, 90478 Nürnberg, geöffnet im Probebetrieb bis November 2026 von Montag bis Freitag 9-18 Uhr, Samstag und Sonntag 10-18 Uhr.
Neue Dauerausstellung „Nürnberg und die Reichsparteitage“








