Alles dreht sich ums Spielen. Das Spielzeugmuseum und das Deutsche Spielearchiv im Haus des Spiels stehen seit März 2026 unter der Leitung von Manuel Seitenbecher. Welche Eindrücke hat er gewonnen? Was bedeutet Spielen für ihn? Und wie will er die – zugegeben engen – Spielräume nutzen, um die Häuser attraktiver zu machen?
Zuerst aber muss eine andere Frage gestellt werden: Was verschlägt einen waschechten Berliner nach Nürnberg? Die Liebe, was sonst! Manuel Seitenbechers Lebensgefährtin stammt aus der Nähe von Erlangen und wollte – nach Jahren in Berlin – wieder zurück in ihre Heimat. „In Franken gefällt es mir sehr“, sagt Manuel Seitenbecher. 2021 war Umzug, er ging als Leiter der Studierendenverwaltung an die Technische Hochschule.
„Das Spielzeugmuseum ist beruflich gesehen ein Nachhausekommen für mich“, sagt Seitenbecher. In Berlin war der promovierte Historiker ab 2011 in der Zentral- und Landesbibliothek Berlin in wechselnden Funktionen für publikumsorientierte Angebote, Ausstellungen und die Entwicklung digitaler Verfahren zuständig. Von 2019 bis 2021 leitete er das Amt für Kultur und Weiterbildung in Pankow.

Manuel Seitenbecher ist seit März 2026 Leiter des Spielzeugmuseums und des Deutschen Spielearchivs. Foto: Jeanette Klinger
Visionär, Motivator und Pragmatiker
Es ist gerade diese Verbindung von kulturellem Schwerpunkt und intimer Kenntnis der öffentlichen Verwaltung, die wohl den Ausschlag gegeben hat: Mit Seitenbecher hatten sich zahlreiche weitere Frauen und Männer um die Leitung des Spielzeugmuseums beworben. Unter den Vorschusslorbeeren für den Kulturmanager finden sich im März auch die von Thomas Eser, dem Direktor der Museen der Stadt Nürnberg: „(Seitenbecher) ist Visionär, Motivator und Pragmatiker zugleich, also genau das, was unsere Häuser in der Karlstraße und am Egidienplatz jetzt und in Zukunft brauchen.“
Und jetzt, kaum sechs Monate in neuer Funktion, hat die Stadt Nürnberg Ende Juli eine Haushaltssperre erlassen. Nur noch das Nötigste darf beschafft werden, offene Stellen aber bleiben unbesetzt und an größere Bauprojekte ist nicht zu denken. „Ich kenne das aus Berlin“, sagt Manuel Seitenbecher gelassen, „und ich wusste, dass wenig Geld da ist.“ Als Pragmatiker überlegt er, was sich umsetzen lässt, und wird um Abstriche bei Veranstaltungen und größeren Ausstellungen nicht herumkommen.

Im Auftaktraum des Spielzeugmuseums schwebt eine Pferdchenwolke über einem großen ovalen Tisch. Foto: Johanna Sunder-Plassmann
Was nicht heißt, dass nichts stattfindet. Beispiel Spielzeugmuseum: Im traditionsreichen und überregional bekannten Museum erlebt Manuel Seitenbecher einen „wahnsinnigen Kontrast“ zwischen dem neu eingerichteten, hellen und einladenden Foyer und den drei Etagen darüber. Dunkle Teppiche, schwache Beleuchtung und viele alte Vitrinen lassen die Dauerausstellung an manchen Stellen ein wenig angestaubt wirken. Dazu kommt ein faktisches Defizit: Das Spielzeugmuseum besitzt zwar eine große Sammlung – fast 100.000 Objekte, davon über 3.000 in der Ausstellung –, die von der Antike bis in die 1980er und 1990er Jahre reicht, aber „danach haben wir fast nichts.“ Dabei sind gerade die Spielzeuge und Spielideen, die in den vergangenen 30 Jahren auf den Markt gekommen sind, ein wichtiger Anknüpfungspunkt für jüngere Besucher und Familien. „Damit habe ich als Kind gespielt – das berührt Menschen emotional und schließt sie auch für andere Inhalte im Spielzeugmuseum auf.“

Derzeit recht die Sammlung des Spielzeugmuseums bis in die 90er Jahre. Diese soll bis in die Jetztzeit erweitert werden. Bildnachweis: Spielzeugmuseum, Foto: Uwe Niklas
Das gute Fundament darf nicht wegbröckeln
Dass ein großer Umbau in nächster Zeit beginnen kann, scheint aussichtslos. „Wir können aber nicht warten und verharren“, argumentiert Seitenbecher. Noch ist das Spielzeugmuseum ein Besuchermagnet mit jährlich über 100.000 Gästen, es wird gut bewertet. Ein gutes Fundament, das nicht wegbröckeln soll, sagt Seitenbecher. „Die Frage ist: Was können wir tun, um an neuralgischen Punkten eine Verbesserung zu erreichen, ohne dabei unseren Sammlungskern und die Stärken der Ausstellung zu verlieren?“

Der Raum mit Zinnfiguren – unter einer Stuckdecke mit Rokoko-Ornamenten und feinen Vogeldarstellungen. Hier sollen neuere Objekte in die Präsentation integriert werden. Bildnachweis: Spielzeugmuseum, Foto: Uwe Niklas
Mit vorhandenen Ideen, Ressourcen und Kreativität soll die Dauerausstellung nach und nach aufgefrischt werden. Schon 2027 geht es los:
- Der Raum mit Zinnfiguren und Papiersoldaten wird um neuere Sammelfiguren und Tabletop-Spiele wie „Warhammer“ ergänzt. Hier schlagen Miniatur-Kämpfer die Schlachten des 41. Jahrhunderts, aber die Spieler „machen das Gleiche wie Kinder früher mit Zinnfiguren: Sie bemalen Figuren, sammeln sie und stellen Szenarien nach“.
- Der boomende Bereich von Lego und anderen Klemmbausteinen bekommt mit historischen und aktuellen Objekten und Aktionen seinen Platz.
- Der Puppenraum soll mittelfristig aufgelockert werden, indem die Zahl der Puppen reduziert, Objekte ausgetauscht und mehr Geschichten zu den Objekten erzählt werden. Auch der Raum wird einladender gestaltet.
Im Mittelpunkt dieser und künftiger Auffrischungen – alle im laufenden Betrieb und mit vorhandenen Mitteln – stehen drei Begriffe: Wiedererkennung, Storytelling und die Spielzeugstadt Nürnberg. Bei der Umsetzung zählt der neue Leiter auf die Erfahrung und Expertise seines Teams, das die Veränderungen mitentschieden hat und sie auch Hands-on umsetzen kann.
Generation Playmobil und Gameboy
„Natürlich“, sagt Manuel Seitenbecher, spiele er auch. 1982 geboren, ist er mit Lego, Playmobil, Carrera und Tipp-Kick aufgewachsen, war begeisterter Gameboy-Spieler. Und jetzt? Den Berliner Dom hat er aus Klemmbausteinen nachgebaut und zuletzt das kooperative Brettspiel „Dorfromantik“ gespielt, das 2023 zum Spiel des Jahres gekürt wurde. Er begeistert sich für „Caper Europe“, bei dem Diebesbanden durch europäische Großstädte ziehen. Der beste Gauner gewinnt!
Mit der neuen Tätigkeit hat sich Seitenbechers Verhältnis zum Spielen verändert, es ist in den Alltag gerückt. „Ich beachte spielerische Aspekte viel stärker und verfolge Themen aus der Spielewelt“, berichtet er. Dabei sehe er im Spielen eine große Chance auch für die Gesellschaft: Spielen verbindet Menschen, im Spiel werden Kreativität und Fantasie freigesetzt und auch wer verliert, geht die nächste Partie frisch an. Wichtige Fähigkeiten auch in der realen Welt.

Vortrag des Instituts für Medienpädagogik im Spielesaal. Durch die Aktivitäten des Deutschen Spielearchivs ist das Pellerhaus ein Ort für gemeinsames Spielen aller Altersgruppen, pädagogische Beratung sowie auch der wissenschaftlichen Forschung. Bildnachweis: Deutsches Spielearchiv
Dienstleister für Wissenschaft und Kultur
Die vielfältigen Kooperationen des Deutschen Spielearchivs mit der Wissenschaft – darunter die Technische Hochschule Nürnberg, die Universitäten Bayreuth und Augsburg – sind da Wasser auf seine Mühlen. „Inzwischen entdecken Museen auch anderswo, dass sie Ausstellungen mit Brettspielen anreichern können.“ Im Haus des Spiels am Egidienberg treffen Anfragen aus anderen Teilen Deutschlands und der ganzen Welt ein. Die Funktion als wissenschaftlicher und musealer Dienstleister mit einem Schatz von mehr als 40.000 Gesellschaftsspielen („wir sammeln alles, ohne Anspruch auf Vollständigkeit“) soll ausgebaut werden.

Eine Sammlung von 40.000 Spielen und viel Expertise sind im Deutschen Spielearchiv vereint. Bildnachweis: Deutsches Spielearchiv, Foto: Stefan Meyer
Doch auch im Haus des Spiels ist das Geld knapp. Öffentliche Veranstaltungen funktionieren nur, wenn sie „so selbstverwaltet wie möglich“ stattfinden, der große Traum einer kompletten Sanierung der früheren Stadtbibliothek im Pellerhaus und ihres Umbaus zum „Haus des Spiels“ liegt auf Eis. Ein Bistro war vorgesehen, eine große Eingangshalle und mehrere Veranstaltungsräume, Playlab und Coworking-Flächen inklusive.
Objekte durch Geschichten zum Leben erwecken
Schade, findet Seitenbecher. Andererseits lasse sich auch jenseits solcher Großprojekte vieles bewegen. Mehr Geschichten erzählen, die in den Objekten stecken. Oder eine Museums-App, die zu den Highlights in den Häusern führt. Ein spezielles Angebot für Kinder, mit dem sich ähnlich wie bei „Tiptoi“ von Ravensburger das Museum entdecken lässt. „Alles wird nicht funktionieren“, weiß Manuel Seitenbecher und ahnt, dass er gerade für neue Technologien auch externe Gelder wird einwerben müssen.
Gut, dass er gern Neues ausprobiert. Kürzlich hat er mit einem Influencer einen Spaziergang durch die Ausstellung im Spielzeugmuseum gemacht, der anderthalb Stunden im Live-Stream gesendet wurde. „Das war spannend, vor allem weil wir sehen konnten, wie die Community das live kommentiert und was sie begeistert.“ Die Jahre von 14 bis 29, das wissen Museumsleute, sind das schwierige Alter – junge Menschen haben da anderes im Kopf als Museum. Aber vielleicht kann man sie mit der richtigen Ansprache und besonderen Inhalten dennoch erreichen?
Social Media sind natürlich ein Thema. So hat Manuel Seitenbecher auf Instagram mit „Ein Blick. Ein Museum“ für das Spielzeugmuseum geworben. Im Reel sitzt er in der Sonderausstellung „Games Geschichten – vom Gesellschaftsspiel zum Computerspiel“ (noch bis 21. Januar 2027) vor einem großen Bildschirm, Controller in den Händen und Super Mario vor Augen. „Das ist leider nicht die Realität des Leiters des Spielzeugmuseums“, sagt er augenzwinkernd im Video. Vielmehr besteht sein Arbeitsalltag zum größten Teil aus Managementaufgaben, Führung und strategischer Planung.

Stand des Deutschen Spielearchivs auf der Spielwarenmesse. Mit seiner großen Sammlung ist das Archiv das „Gedächtnis der Spielebranche“ – und mit dieser in engem Kontakt. Bildnachweis: Deutsches Spielearchiv
Deutsche Spielzeugstadt im Mittelpunkt
Apropos strategisch: Über das Spielzeugmuseum und das Spielearchiv hat sich Manuel Seitenbecher für Nürnberg einiges vorgenommen. Die Stadt sollte ihre besondere Stellung als die deutsche Spielzeugstadt weiter ausbauen. Mit dem Spielzeugmuseum und dem Haus des Spiels mit Deutschem Spielearchiv, mit der Internationalen Spielwarenmesse, der Vedes AG (ursprünglich Vereinigung Deutscher Spielwarenhändler), dem Deutschen Verband der Spielwarenhersteller und international tätigen Unternehmen wie Bruder im nahen Burgfarrnbach konzentriert sich die Branche hier. „Nürnbergs Spielzeugtradition und -gegenwart ist eine Chance für die Stadt, ein positives Narrativ zu entwickeln“, sagt Seitenbecher und möchte dieses gemeinsam mit Vertretern von Spielwarenbranche und Politik ausbauen.



