Vor einhundertfünf Jahren, am 13. März 1921, wurde in Nürnberg durch den damaligen Oberbürgermeister Dr. Hermann Luppe (1874–1945) die Städtische Galerie feierlich wiedereröffnet. Dies nehmen die Kunstsammlungen der Museen der Stadt Nürnberg zum Anlass, um diese zu Unrecht vergessene Sammlung ins Gedächtnis zu rufen und der Öffentlichkeit – wenigstens zu einem kleinen Teil – bekannt zu machen.
Das Gemälde zeigt die Tochter der Künstlerin, Felizitas, im Alter von etwa einem Jahr (geb. 1917). Das kleine Mädchen sitzt in hellblauem Kleid auf einem weißen Kinderstuhl mit einem Spieltischchen davor. Viele Spielsachen sind hier aufgebaut, andere liegen auf dem Boden. Auf einem Stuhl links sitzen ein Teddybär und eine Stoffpuppe. Etwas verträumt schaut das Kind zur Seite. Das Bild lebt nicht nur aus seinem stimmungsvollen Motiv, sondern vor allem aus den kräftigen Farben und dem pastosen Farbauftrag. Beides steht dem Fauvismus nahe. Die hier als Kleinkind Dargestellte war übrigens selbst später als Malerin tätig (unter dem Namen Felizitas Köster-Caspar).
Maria Caspar-Filser¹, geboren am 7. August 1878 in Riedlingen, gestorben am 12. Februar 1968 in Brannenburg, studierte an den Kunstakademien Stuttgart und München und heiratete 1907 den Künstler Karl Caspar (1879–1956). Bereits zwei Jahre zuvor war das Paar nach Paris gereist und hatte starke Eindrücke der französischen Kunst gewonnen. Mehrere Italienreisen schlossen sich an. Maria Caspar-Filser war 1913 als einzige Frau Gründungsmitglied der Künstlergruppe „Neue Münchner Secession“. Als eine der ersten deutschen Künstlerinnen erhielt sie einen Professorentitel und lehrte an der Akademie der Bildenden Künste in München.
Mit ihrem Mann unterhielt sie freundschaftliche Beziehungen zu Paul Klee, Alfred Kubin, Alexej Jawlensky, Marianne von Werefkin, Hans Purrmann, Karl Schmidt-Rottluff und Karl Hofer. In der Zeit des Nationalsozialismus wurden ihre Werke und die ihres Mannes als „entartete Kunst“ diffamiert und aus den Museen entfernt.² Als ihr Mann von der Kunstakademie zwangspensioniert wurde³, zog sich das Paar nach Brannenburg am Inn zurück, in eine „innere Emigration“. Nach dem Krieg war Maria Caspar-Filser als Malerin aktiv bis zu ihrem Lebensende und beteiligte sich an Ausstellungen im In- und Ausland. Für ihre künstlerische Leistung wurde sie gewürdigt durch eine Reihe von Kunstpreisen sowie das Große Verdienstkreuz der Bundesrepublik Deutschland.
Stilistisch nahm Maria Caspar-Filser wie Karl Caspar Einflüsse des Impressionismus, des Expressionismus und der Fauves auf, aber auch etwa von Pierre Puvis de Chavannes und Hans von Marées. Starken Einfluss übten Bilder von Cézanne, van Gogh, Gauguin, Matisse, Manet, Pissarro, Sisley und Corinth auf sie aus, die sie in Ausstellungen sah. „In der Nachbarschaft zu Hans Purrmann reihte sie sich ein in die deutsche Matisse-Schule, ohne ihr unmittelbar anzugehören. Auch Cézanne schien sie noch stärker verpflichtet zu sein. Ähnlich wie Purrmann fühlten sich die Caspars dem Franzosen Pierre Bonnard verbunden – allemal den guten Koloristen also“, charakterisiert Müller-Mehlis diese Einflüsse⁴ und Smitmans fügt hinzu: „…tatsächlich ist ihre Farbpraxis der Bildtheorie der Nabis nahe, vielleicht überhaupt ihr Verständnis von Kunst.“⁵ Hinzuweisen ist hier auch auf den für die Künstler der Gruppe der Nabis typischen, engen Bildausschnitt. „Freilich gestaltet Maria Caspar-Filser 20 Jahre später als Bonnard und Vuillard […], so dass alles auch wieder anders ist, ohne Darstellung von Licht. Denn der Impressionismus liegt weit zurück und die Farbe selbst ist das Licht.“⁶ Das Aus-sich-heraus-Leuchten der Farbe wird an unserem Bild besonders augenfällig. Maria Caspar-Filser, in den 1920er Jahren berühmt⁷ und für die Nürnberger Kunstsammlungen angekauft, war eine große Koloristin und ist zu Unrecht heute fast in Vergessenheit geraten.
Detailangaben zu dem Gemälde:
Maria Caspar-Filser (1878–1968), Felizitas, 1918. Öl auf Leinwand, Bild: 92 x 95 cm; Rahmen: 108 x 112 cm. Signiert links oben, in Grün: M C F, undatiert.
Erworben am 4. 4. 1927 aus der „Frühjahrsschau Münchener Kunst Nürnberg 1927“ für die Städtische Galerie. Museen der Stadt Nürnberg, Kunstsammlungen, Inv.-Nr. Gm 0802. Restauriert mit Unterstützung der Ernst von Siemens Kunststiftung.
Literatur: Was macht das Kind in der Kunst? Ausst.-Kat. Städtische Galerie Rosenheim, Rosenheim 2000.
¹ Biographische Daten nach
– Thieme, Ulrich/Becker, Felix (Hrsg.): Allgemeines Lexikon der Bildenden Künstler von der Antike bis zur Gegenwart, 37 Bde., 1907–1950., Bd. 6 (1912), S. 121;
– Vollmer, Hans: Allgemeines Lexikon der Bildenden Künstler des 20. Jahrhunderts, 6 Bde. 1953–1970., Bd. 1 (1953), S. 402;
– Maria Caspar-Filser. Karl Caspar. Verfolgte Bilder, Ausstellungs-Katalog (Ausst.-Kat.) Städtische Galerie Albstadt, 28.11.1993 bis 16.1.1994, Albstadt 1993., S. 76–77;
– Ludwig, Horst: Bruckmanns Lexikon der Münchner Kunst 1993, Bd. 5, S. 144 ff.;
– Köster, Felicitas E. M.: Maria Caspar-Filser. Aus der Heimat in die Welt, in: Ausst.-Kat. Stiftung Hohenkarpfen/Ochsenhausen 2013, S. 8–13;
– Kampf um Sichtbarkeit. Künstlerinnen der Nationalgalerie vor 1919, hrsg. f. d. Nationalgalerie der Staatlichen Museen zu Berlin v. Yvette Desseyve u. Ralph Gleis, Berlin 2019, S. 126–127 (Y. Desseyve).
Ich danke Frau Felicitas F. M. Köster, Maria-Caspar-Filser-und-Karl-Caspar-Archiv, Brannenburg am Inn, für freundliche Hinweise.
² Es wurden wohl Werke beider in der gleichnamigen Münchner Schau gezeigt; Smitmans, Adolf: Die Vorgänge 1936/37, in: Ausst.-Kat. Albstadt 1993, S. 19–22.
³ Wirth, Günther: Nationalsozialismus und moderne Kunst, in: Ausst.-Kat. Albstadt 1993, S. 9–18, hier S. 17.
⁴ Müller-Mehlis, Reinhard: Karl Caspar, in: Ausst.-Kat. Albstadt 1993, S. 23–30, hier S. 29.
⁵ Smitmans, Adolf: Maria Caspar-Filser, in: Ausst.-Kat. Albstadt 1993, S. 31–36, hier S. 33.
⁶ Ebd.
⁷ Weiß, Konrad: Maria Caspar-Filser. Eine Studie zur Zeitkunst, in: Die Kunst. Monatshefte für freie und angewandte Kunst, der „Kunst für alle“ 44 Jg. (1929), Bd. 59, S. 297–304.




Barbara König
8 / 5 / 2026 | 13:58
Sie erhielt 1925 den Professorentitel für Malerei. Im Jahr vorher war Käthe Kollwitz bereits zur Professorin ernannt worden, im Fach Grafik.
Barbara König
8 / 5 / 2026 | 15:27
Korrektur: Kollwitz erhielt bereits 1919 den Professorentitel.
Andreas Curtius
11 / 5 / 2026 | 9:24
Vielen Dank für die Korrektur!