Und wenn alles besser wäre…? Das haben sich die sieben städtischen Museen 2026 gefragt und präsentieren die Geschichte der Nürnberger Utopien nun in einer großen gemeinsamen Ausstellung. Im Stadtmuseum Fembo-Haus versammeln sie architektonische Entwürfe und anregende Ideen zur Gesellschaft, Kunstwerke, Spiele und vieles mehr. Wohin das alles führt? Das erklärt Thomas Eser, Direktor der Museen und Mit-Kurator.
Herr Dr. Eser, die Nürnberger Utopien sind nach „1945 in Nürnberg“ im vergangenen Jahr das nächste Gemeinschaftsprojekt der Museen der Stadt. Wie kam es dazu?
Die Idee der Zukunftsentwürfe ging mir schon lange im Kopf herum. Das Thema haben wir vor anderthalb Jahren in einer Klausurtagung besprochen und sind ins Brainstorming gegangen. Um das utopische Gemeinschaftsprojekt umzusetzen, war Schwarmintelligenz gefragt, denn ich kenne nicht alle Bestände und Sammlungen unserer Museen. Die Spanne ist ungeheuer groß, sie reicht von den Kunstsammlungen bis hin zur Erinnerungskultur des 20. Jahrhunderts.
Alle Museen tragen zu der Ausstellung bei. Was hat Sie am meisten erstaunt?
Vor allem die Objekte. Zu Utopia gibt es viele Begriffe und Ereignisse, an die man theoretisch denken kann – aber Museen wollen ja immer etwas zeigen. Wir haben, Sie ahnen es, viel Anschauliches gefunden unter anderem im Museum Industriekultur und der Grafischen Sammlung.

G. Bodo Boden: Nürnberg 2000. Beitrag zum Wettbewerb „Künstler sehen Nürnberg in der Zukunft“ im Jubiläumsjahr des 500. Geburtstags Albrecht Dürers 1971. Bildnachweis: Museen der Stadt Nürnberg, Grafische Sammlung
Unter anderem werden die Pläne zur Untertunnelung des Burgbergs vorgestellt, die Ideen der Frauenrechtlerin Helene von Forster und das Kaufhaus „Schocken“ als Utopie der Moderne. Ist die Vielfalt Programm?
Wir haben oft diskutiert: Wie breit verstehen wir Utopie als Begriff, wie flexibel sind wir mit Nürnberg als Ort und schauen auch auf die Region. Im Kuratoren-Team, zu dem mit mir Alexander Schmidt und Anne Sophie Schneider gehören, haben wir sehr unterschiedliche Beispiele gefunden und können die Vorstellung vom besseren, idealen Leben nun tief ausloten.

Nikolaus Österlein: Das Burgbergtunnelprojekt, Handzeichnung, 1914. Bildnachweis: Stadtarchiv Nürnberg (A 7/II Nr. 297)
Ein Beispiel ist Bernhard Kellermann, ein Fürther Schriftsteller. 1913 erschien sein Science-Fiction-Roman „Der Tunnel“, bei dem es um den Bau eines unterirdischen Tunnels zwischen Europa und Amerika geht.
Kellermann ist so ein Fund! Er ist zwar Fürther, aber es gibt durchaus eine Verbindung zu Nürnberg, denn hier hat Kellermann die Kunstgewerbeschule besucht. Vor allem steht seine Tunnelphantasie für den Drang nach schneller Erreichbarkeit der ganzen Welt. Es scheint ein menschlicher Urwunsch zu sein, wie auf dem Raumschiff Enterprise mit einem Fingerschnipp an einen anderen Ort zu gelangen. In Zeiten des Umbruchs ist der technische Fortschritt das Symbol einer besseren Zukunft.
Sind Sie froh, dass eine der Utopien nichts geworden ist?
Nürnberg war im Nationalsozialismus Ort der bis heute existenten Utopie, es könne eine Welt geben, in der genetisch nur eine „Rasse“ lebt – also eine Welt, in der das Andere konsequent ausgesondert ist, und dies wäre dann eine bessere Welt. Diese eugenischen Ideen lassen sich theoretisch bis auf Darwin zurückverfolgen. Aber in Nürnberg sind sie 1935 als „Nürnberger Rassegesetze“ praktisch erlassen und dann von den Nationalsozialisten mörderisch umgesetzt worden. Das wird auf immer mit Nürnberg verbunden sein. Das beantwortet Ihre Frage zwar nur halb, aber immerhin hat sich die NS-Utopie einer tausendjährigen „Rassenreinheit“ nicht verwirklicht.

Heinz Schmeißner: Skizze für das Gauforum Nürnberg 1941. Bildnachweis: Stadtarchiv Nürnberg (10/59 Nr. 185 6)
Auch architektonisch wollten die Nationalsozialisten die „deutschesten aller deutschen Städte“ großflächig umgestalten. Albert Speer plante noch nach Kriegsbeginn eine neue Aufmarschstraße quer durch die Südstadt bis zum Altstadtkern und ein Gauforum, das den Abriss der Marienvorstadt bedeutet hätte. Eine schlimme Vorstellung. Können Sie eine Lieblingsutopie dagegensetzen?
Am besten gefällt mir das Aquarell von Michael Mathias Prechtl, in dem sich Wolf und Lamm umarmen. Eine philosophische Utopie, die vielleicht unerreichbar ist und womöglich auch nicht wünschenswert. Aber mir liegt – bei aller Pragmatik – daran, dass wir es uns zumindest nicht verbieten lassen, dieses Miteinander des Ungleichen zu erhoffen.

Michael Mathias Prechtl: Das Utopische Prinzip Hoffnung. Titelillustration zu Thomas Morus: Utopia, 1986. Bildnachweis: Stadtmuseum Amberg (Gefördert durch die Kulturstiftung der Länder, Sig. P 54, NL MMP)
Eine zweite Utopie ist die „barrierefreie“ Erreichbarkeit allerlei angenehmer Dinge ohne lange Umwege. Hans Sachs hat sie im Nürnberger Gedicht vom „Schlaraffenland“ schon 1530 beschrieben, der Bildhauer Jürgen Weber sie mit dem „Narrenschiff“-Brunnen nahe der Museumsbrücke ironisch mitten in die Stadt hineingestellt. Der Kühlschrank kann zwar nicht immer randvoll mit sehr feinen Dingen sein – aber vielleicht sollte man zumindest als Teil-Utopie verwirklichen, häufiger den Genuss im Kleinen zu feiern.
Aus Ihren Beispielen wird klar: Utopia ist ein Riesenthema. Wie nähert sich die Ausstellung?
Wir fangen mit Thomas Morus an, soviel Bildungsarbeit darf sein: Der englische Staatsmann hat mit seiner Schrift „Utopia“ vor 500 Jahren die perfekte Insel beschrieben – und beweist damit, dass utopische Ideen von Anfang an immer auch humorvoll gesehen wurden. Wir enden mit einer Utopie der Gegenwart: dem grünen, verkehrsfreien Nürnberg, in dem Palmen wachsen.

Ideal einer Soziokultur in weitgehend autonomer Selbstverwaltung im KOMM (heute Künstlerhaus): Aufnahme aus einem Fotoprojekt von Künstlerin Heidi Thompson über Menschen im KOMM, 1980. Bildnachweis: Heidi Thompson (Vernon/ Kanada)
Und dazwischen?
Dazwischen gliedern wir thematisch: Das gute Leben, das Miteinander der Geschlechter und der politischen Positionen – am Beispiel des Kommunikationszentrums Komm – werden präsentiert. Auch die Frage, wie Nürnberg städtebaulich ideal organisiert sein kann, wird gestellt. Wollen wir die moderne Stadt mit Hochhäusern und technischen Lösungen oder pflegen wir das liebenswerte, nostalgische Nürnberg? Das wurde immer wieder und wird auch heute diskutiert. Man darf sich dazu überlegen: Ist eine Utopie immer radikal und deshalb unerreichbar? Oder ist ihre Umsetzung möglich? Zählt eine utopische Idee genauso zur geschichtlichen Leistung wie eine pragmatische und eine verwirklichte?

Softwarepaket der S.u.S.E. GmbH (heute SUSE S.A.). Bildnachweis: Museum Industriekultur, Foto: Martin Ammon
Glauben Sie, dass Utopien auch heutzutage noch interessant sind?
Man darf Utopien nicht nur künstlerisch oder politisch denken. Wir haben zum Beispiel einen Beitrag zu Technik aus Nürnberg: Die Entwickler von Linux verfolgen mit ihrer Open Source Software die Utopie der digitalen Souveränität. Abgesehen davon sind die Zeiten, in denen reine Pragmatik angesagt ist, wohl um. Ich meine, wir können uns gern mehrere Utopien leisten, privat wie politisch. Wir sollten überhaupt als Ziel anstreben, immer den Utopie-Check zu machen – ganz nach Robert Musil: Wenn etwas noch nicht möglich ist, heißt das nicht, dass es nicht in Zukunft möglich sein wird.

Das Kurationsteam Dr. Thomas Eser, Anne Sophie Schneider M. A., Dr. Alexander Schmidt (v. l. n. r.) im Innenhof des Fembo-Hauses. Foto: Astrid Weißmann-Weigel
Und wenn Sie selbst eine Utopie entwickeln dürfen: Wie werden die Nürnberger Museen 2050 aussehen?
Das Schöne an Utopien ist, dass es keine Denkverbote gibt. Es gibt eine große, freie Startbahn: also Vollgas! Wenn sie nach meiner Vorstellung für 2050 fragen, stelle ich mir vor, dass der Besuch unserer Museen kostenfrei ist, dass sie 24 Stunden an 365 Tagen des Jahres geöffnet haben und dass alles im Museum zusammen mit der Stadtbevölkerung entwickelt worden ist.
Informationen zur Ausstellung „Und wenn alles besser wäre… Eine Geschichte der Nürnberger Utopien“


