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29 / 10 / 2026

Ein Museum neu denken – wie geht das?

Es ist ein Aushängeschild Nürnbergs: das Dokumentationszentrum Reichsparteitagsgelände. Mit jährlich 300.000 Besuchern zählt es zu den großen Museen der Stadt. 2001 eröffnet, ist es seit 2020 grundlegend saniert worden. Die neu konzipierte Ausstellung bietet mehr Raum, einen weiter gefassten Hintergrund, neuen Methoden und Medien.

Imanuel Baumann, der Leiter des Dokuzentrums, blickt vom Schreibtisch aus auf eine Pinnwand. Etwa zwei Dutzend To-dos auf kleinen Kärtchen sind darauf festgesteckt, die von Mitte September bis zur offiziellen Eröffnung am 4. November noch erledigt werden müssen. Nicht viel Zeit! Einige Filme und Audio-Töne müssen noch erstellt werden, die „DOKUwall“, die als elektronisches Gästebuch die Kommentare der Besucherinnen und Besucher festhalten und präsentieren soll, muss noch ins Laufen kommen. Unter anderem.

Imanuel Baumann, Leiter des Dokumentationszentrums Reichsparteitagsgelände und der Abteilung Erinnerungskultur bei den Museen der Stadt Nürnberg. Foto: matthaeus photographer

So manchen „Bug“ – also Probleme bei der Wiedergabe der verschiedenen Audio-Stationen und Video-Sequenzen – haben die Museumsleute schon entdeckt und behoben. Jetzt ist ein Drehrad bei der Riefenstahl-Präsentation unbrauchbar, die Silikonfugen in den Rahmen einiger Präsentationsflächen haben in der Hitzewelle nachgegeben. Aber: Es läuft ja noch der Probebetrieb. „Wenn wir bei der Eröffnung unser Museum feiern, erwarten die Gäste, dass es funktioniert“, sagt Imanuel Baumann.

Testlauf für Führungsangebote

Deshalb wurden gleich mehrere Monate für die Probephase reserviert. Neben dem Aufspüren der technischen „Bugs“ sollten zum einen Organisationen wie das Kunst- und Kulturpädagogische Zentrum, Geschichte für Alle e.V. und das Menschenrechtsbüro ihre Führungsangebote für Gruppen und Schulklassen testen und kalibrieren können. Zum anderen wurden – stichprobenartig – Besucher befragt, und damit überprüft, ob das Konzept der Museumsmacher aufgeht. Das tut es.

Die neue Dauerausstellung informiert auch über die Nutzung des Reichsparteitagsgeländes in der Nachkriegszeit. Bildnachweis: Stadt Nürnberg, Foto: Christine Dierenbach

„Wenn Sie unser Ausstellungsbuch mit allen Texten und Abbildungen der Exponate sehen könnten…“, sagt Imanuel Baumann. Er hebt die Hand über die Tischkante und deutet eine dicke Mappe an. „Die große Leistung des Teams ist, dass wir so viel Inhalt so präsentieren, dass es keinen überfordert.“ Stattdessen gliedert die neue Ausstellung das komplexe Thema in sieben klare Kapitel, angefangen bei der Frage „Warum Nürnberg?“ und den Anfängen der nationalsozialistischen Bewegung in der ehemals freien Reichsstadt, bis zu der abschließenden Frage „Was nun, Nürnberg?“. Sie transportiert die Museumsbesucherinnen und -besucher aus der Nachkriegszeit in die Gegenwart und regt zu einer eigenen Stellungnahme an.

Aufforderung zur Meinungsbildung: Dem Museumsteam ist wichtig, die Relevanz der Erkenntnisse aus der historischen Forschung für heutige Generationen aufzuzeigen. Bildnachweis: Dokumentationszentrum Reichsparteitagsgelände

Neue Erkenntnisse der Wissenschaft

Wie es dazu kam? Im Team gab es – fast 20 Jahre nach der Eröffnung des Dokumentationszentrums Reichsparteitagsgelände 2001 und seinem immensen Erfolg – die Wahrnehmung, dass die Ausstellung „nicht mehr gut genug“ war. Sie entsprach nicht mehr den Bedürfnissen und den Rezeptionsgewohnheiten der Menschen. Und die Wissenschaftler im Team hatten neue Erkenntnisse zur Nutzung des Areals als Lager für Kriegsgefangene und Zwangsarbeiter gesammelt. Als Imanuel Baumann 2023 neuer Leiter des Dokuzentrums wurde, war der Prozess schon angelaufen und der Umbau inhaltlich wie architektonisch in vollem Gange.

Das Thema Zwangsarbeit wurde in die Dauerausstellung aufgenommen. Bildnachweis: Stadt Nürnberg, Foto: Christine Dierenbach

„Ich habe das Gefühl, ein permanenter Veränderungsmanager zu sein“, gesteht er. Zuvor hatte Baumann schon die Erweiterung des Memoriums Nürnberger Prozesse und die Umgestaltung des Saals 600, in dem 1945 der Hauptkriegsverbrecherprozess stattfand, mitkonzipiert und vorbereitet. Im Dokuzentrum nutzte er „die Chance, von außen darauf zu blicken“. Er änderte die Projektstruktur, achtete stärker auf Controlling. „Wir haben ein starkes Team, eine starke Projektleitung – aber es geht um Reduktion und man muss Entscheidungen treffen.“

Was zeigen wir? Und was zeigen wir nicht?

Denn es geht um viel Geld. Circa 28,7 Millionen Euro für den Umbau im und am Gebäude, mehr als sieben Millionen Euro für die Neukonzeption und -gestaltung der Inhalte – und viel mehr gute Ideen, als sich umsetzen ließen. Beispiel Methodendiskussion: „Wir haben sehr viel diskutiert, was zeigen wir und was zeigen wir nicht?“ Angefangen bei Bildern, die den Nationalsozialismus glorifizieren, bis zu Verbrechen und den Leiden der Opfer. Hier zu entscheiden, war am Ende Aufgabe des Leiters, ebenso wie das Vermitteln der Pläne zum wissenschaftlichen Beirat, in die politischen Gremien und die Öffentlichkeit. „Hier haben wir für jede Zielgruppe beschrieben, was wir tun und was wir erreichen wollen.“

Das Ergebnis: Auf einer „schnellen Spur“ erzählt die neukonzipierte Ausstellung vom Aufstieg der Nationalsozialisten und der Entrechtung der jüdischen Bevölkerung, von der Rolle der Propaganda, dem monumentalen Bauprojekt Reichsparteitagsgelände und der Errichtung von Lagern für Zwangsarbeiter und Kriegsgefangene – und vieles andere mehr. Eingestreut finden sich 41 Lebensläufe von Tätern und Mitläufern des NS-Regimes wie auch von den Opfern.

Geschichte wie einen Krimi erforschen

Völlig neu ist der methodische Ansatz, die „forensische Analyse“: Ausgehend von historischen Quellen richten die Museumsmacher die Lupe auf Fotos und Texte. Wie in einem Krimi fragen sie: Was finden wir vor? Wie kam es dazu? Welche Folgen zog dies nach sich? So werden die Besucher animiert, sich das Thema selbst zu erschließen.

Der Media-Guide ist ein wichtiges Element zur Vermittlung beim Gang durch die Dauerausstellung. Bildnachweis: Dokumentationszentrum Reichsparteitagsgelände, Foto: Carina Hampf

Zentrales Hilfsmittel ist hierbei der Media-Guide, der für jede Besucherin und jeden Besucher im Ticket inbegriffen ist. Das Gerät liest nicht nur die Ausstellungs-Texte vor, sondern spielt – vertiefend – an gekennzeichneten Stationen auch Originaltöne ab und setzt Videos in Gang. An den „My Choice“-Stationen können die Gäste ihre eigene Meinung einbringen. Das bedeutet viel Interaktion, die Ausrichtung überhaupt ist stark handlungsorientiert.

Stolz auf die Ausstellung und Lob fürs Team

„Ich bin stolz auf das Haus, auf die Klarheit der Ausstellung“, sagt Imanuel Baumann. Für sein Team hat er größtes Lob, für das „tolle Konzept und die hohe Motivation“. Aber verlangt nicht schon der Ort nach persönlichem, nach ideellem Einsatz? Stehen das Dokuzentrum, und mit ihm sein Leiter in Nürnberg, durch die einzigartige Vergangenheit nicht in besonderer Verantwortung?

„Ich glaube, dass wir dieser Verantwortung gerecht werden und bin überzeugt, dass wir mit unseren Mitteln alles ausgeschöpft haben“, sagt Baumann. Gleichzeitig blickt er sorgenvoll in die Zukunft: Wird es gelingen, die Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus aufrecht zu erhalten? So viele würden heutzutage fragen: „Reicht es nicht mal?“ Oder versuchen, die Diskussion auf Themen wie den Imperialismus umzulenken. Der Konsens des „nie wieder“ sei aufgebrochen, in einigen Bundesländern kämen als gesichert rechtsextremistische Parteien vielleicht bald wieder an die Regierung. „Werden wir das gesellschaftlich hinbekommen, dass wir aus der Auseinandersetzung mit den nationalsozialistischen Verbrechen und der Propaganda etwas Produktives für unsere Demokratie ziehen können?“

Lebendigkeit der Gegenwart schätzen

Imanuel Baumann beschäftigt sich schon (fast) sein ganzes berufliches Leben damit. Er promovierte über Kriminalwissenschaft und den Umgang mit Straftätern im 20. Jahrhundert, er hat in den Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora gearbeitet und in Baden-Württemberg die Geschichtsvermittlung im „Hotel Silber“, der ehemaligen Gestapo-Zentrale in Württemberg und Hohenzollern, aufgebaut.

Was bewahrt ihn – bei all dem Grauen und dem Wissen darum, was Menschen Menschen schon angetan haben – davor, zu verbittern? „Die Lebendigkeit der Gegenwart! Wenn ich zum Beispiel eine Führung mit Schülern mache, ist das oft schön und so erfrischend“, sagt er. „Und selbst, wenn ich Desinteresse wahrnehme, reizt mich das. Wie kann ich die Schüler catchen? Wie kann ich ihre Aufmerksamkeit gewinnen?“

Wird bis 2030 baulich gesichert und für die Besucherinnen und Besucher des Geländes erschlossen: die Zeppelintribüne mit dem darin befindlichen „Goldenen Saal“. Bildnachweis: Congress- und Tourismus-Zentrale Nürnberg, Foto: Kristof Göttling

Weitere Bausteine im Gesamtkonzept des Geländes

Das dürfte im neuen Dokumentationszentrum Reichsparteitagsgelände leichtfallen. Und bis 2030 sollen die geplanten weiteren Bausteine im Gesamtkonzept Reichsparteitagsgelände fertiggestellt werden: Der sogenannte Goldene Saal in der Zeppelintribüne und das Zeppelinfeld als begehbare Exponate. Der sanierte Bahnhof Dutzendteich wird Informationsraum genutzt und das Dokuzentrum erzählt die ganze Geschichte des Reichsparteitagsgeländes. Dazu kommt der Bahnhof Märzfeld, von dem aus jüdische Menschen aus Franken deportiert und wo Zwangsarbeiter angeliefert wurden. Als Erinnerungsort bezieht der Bahnhof nun auch die Geschichte der Opfer ein.

 

Am 4. November 2026 können Sie ab ca. 10.55 Uhr den Live-Stream des Festakts zur Eröffnung der neuen Dauerausstellung anlässlich des 25-jährigen Bestehens des Dokumentationszentrums Reichsparteitagsgelände verfolgen.
Zum Live-Stream


 

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