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15 / 4 / 2019

Weltweit: Dieses „Heller“-Motorrad ist einmalig!

Das Museum Industriekultur freut sich über die aufwändige Wiederherstellung

„Ohne den Benzintank hätten wir das ‚Projekt Heller‘ wohl kaum umsetzen können“, strahlt der ehemalige Leiter des Museums Industriekultur, Matthias Murko. Und er weist extra auf den mattschwarzen, prägnanten 8-Liter-Behälter mit dem gelben Schriftzug der Firma „Heller“, der jenes Motorrad ziert, welches jetzt weltweit einmalig die Räume des Nürnberger Museums bereichert. 2018 wurde dieses Schmuckstück von seinem Besitzer Jochen Zarnkow sowie vom Fürther Restaurator und Trial-Fahrer Gustav Franke ans Museum übergeben. Feierlich, als Dauerleihgabe, inmitten reger Journalistenschar, voller Stolz.

Doch der Reihe nach, beinah wird´s romantisch: Der besagte Tank der Maschine lag nämlich ebenso wie zahlreiche andere Bauteile des einzigartigen Motorrads auf dem Dachboden des Enkels von Hans Heller, Kurt Sperber. Volle 30 Jahre lang, bis Motorradfan Jochen Zarnkow ihn besuchte und zahlreiche der Bauteile geschenkt bekam. Und bis beide Männer jener „Rappel“ packte, den nur Sammler, Enthusiasten und Verspielte kennen.

Die „Heller-Teile“ waren einst auf dem Dachboden eines Enkels des Firmengründers Hans Heller gefunden und aufgrund ihrer extremen Rarität als „Wrack“ im Motorradmuseum präsentiert worden.

Jenen „Rappel“, der aus Kleinem zu Großem führt: zu einer Idee, dem Willen zur Umsetzung und den richtigen Kontakten, die mit anpacken und helfen. Denn es gab „die Heller“ ja gar nicht mehr, oder besser: „eine Heller“. Als das gleichnamige brüderliche Unternehmen in der Nürnberger Gibitzenhofstraße etwa in den Jahren 1924-1926 die Pforten schloss (Gründer Hans Heller war mit nur 31 Jahren verstorben), verschwanden eben allerlei Motorradteile ungeordnet in Kellern, auf Speichern; auch Bruder Fritz hatte einen Großteil mitgenommen. Das erzählt der Enkel Sperber: „Es gab nur noch ein Katalog-Foto aus den 1920ern.“

Beschreibung zum „Heller-Motorrad“.

Und gut, dass sein Besucher Zarnkow wiederum Gustav Franke kannte: einen gelernten Auto- und Motorradmechaniker, den Zündapp-Werksfahrer, den zweimaligen „Trial“-Europameister, von wunderbarer Motorrad-Besessenheit infiziert. Bei der seine Ehefrau schmunzelnd die Augen verdreht: „Tag und Nacht hat er an der Heller-Maschine gehockt, ein Vierteljahr lang, ständig. Aber es hat sich gelohnt.“

Vor der wiedererstandenen Heller links Gustav Franke, ehemaliger vielfacher deutscher und europäischer Trial-Meister. Er hat die Heller wo Teile fehlten behutsam ergänzt und wieder aufgebaut. Daneben rechts der stolze Eigentümer und Zündapp-Experte Jochen Zarnkow.

Denn die Einzelteile gab Zarnkow an Gustav Franke weiter. Der baute die Maschine wieder zusammen, in mühseliger Fummelei – hatte der „Auftraggeber“ ihn doch gebeten, für ihn „mal eben eine Kleinigkeit zu machen“. Natürlich hatte Franke zugesagt. Welcher Motorrad-Liebhaber ließe sich das entgehen. Er habe sich ins Restaurieren „dann richtig reingesteigert“, lächelt Franke. Unter anderem waren der Rahmen noch da, der Sattel, der Gepäckträger, der Ständer, Kleinteile. Die Trittbretter musste er neu gießen, den Lenker selbst herstellen, biegen, anpassen. Zweigang-Getriebe, 65 Kilo schwer, Zweitakt-Motor, rasante 2,25 PS, und auf Wunsch, damals, mit gefedertem Sozius. So entstand das Fahrzeug neu, wie neu; es symbolisiert ja die Boomzeit aufkommender Motorräder in Deutschland.

Einige fehlende Originalteile konnten zwar im Laufe der Jahre gefunden werden, einiges musste allerdings zur Komplettierung nachgebaut werden wie beispielsweise die Elemente der Vordergabel.

Heute bekommt das wiedererstandene „Heller“-Motorrad natürlich einen Ehrenplatz im Museum, herausragend gewissermaßen über den weiteren 120 dort versammelten Maschinen. „Die alle im übrigen“, ergänzt Murko, „aus dem Raum Nürnberg stammen. Das ist natürlich ebenfalls einmalig.“ Das von Franke gebaute Zweirad ist ein Einzelstück − und ist nicht fahrtüchtig: keine Blinker, kein Kolben, die Bremsen nicht ausreichend. Es wäre heute eine Erstzulassung, fast 70 Stundenkilometer schnell. Aber, so Besitzer Zarnkow, „das ist nicht das Entscheidende; es geht uns nicht ums Fahren. Wir wollten etwas Besonderes wiederherstellen.“ Und die „Heller“, dafür verbürgt sich seinerseits der 80-jährige Bastler Franke, „sieht bis ins Detail so aus wie die Originalmaschine.“

Die Heller aus dem Jahr 1924 ist nun wieder komplett und hat einen dauerhaften Platz als prominentes Einzelstück im Motorradmuseum gefunden. Foto: Erika Moisan

Da freut sich auch Monika Dreykorn, es war ihr erster Pressetermin als neue Leiterin des Museums: „Es ist schön, gleich solch ein Exponat als erstes neues bewerben zu dürfen.“ Doch dann reicht sie den Stab weiter: „Lassen Sie die Details und Hintergründe Herrn Murko erklären, er ist hier der Spezialist für Nürnberger Motorräder.“ Und so haben sie an diesem Tag alle etwas davon: Besitzer, der Restaurator, Redakteure, Fotografen, Aussteller und später, das wissen sie alle jetzt schon, auch die Besucher des Museums an der Äußeren Sulzbacher Straße. Wann sieht man schon mal in einer sowieso einmaligen Sammlung ein solch wichtiges Stück Zeitgeschichte, vor allem ein so seltenes?

Die „Heller“ und andere historische Motorräder aus den Nürnberger Werkstätten können Sie auch bei einem Familiennachmittag für Motorrad-Fans besichtigen
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