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24 / 9 / 2018

„Es gab Fahrräder, die ein Motorrad sein wollten“

Das Museum Industriekultur widmet sich der Fahrradstadt Nürnberg

Alles ist schon mal dagewesen, und der Rausch der Geschwindigkeit sowieso. Wer sich mit der Historie des Fahrrads so detailliert befasst wie Matthias Murko, Leiter des Museums Industriekultur, weiß das. Seit 2003 zeigt die rührige Einrichtung an der Äußeren Sulzbacher Straße mit rund 30 historischen Fahrrädern die Meilensteine der Entwicklung dieses ersten individuellen Massenverkehrsmittels – eine Genese vom Lauf- über das Hoch- bis hin zum Niederrad.

Das Express-Sicherheitsrad von 1887, eines der ersten Hochräder.

Was kaum jemandem wirklich bewusst ist: „Nürnberg war die bedeutendste Fahrradstadt Deutschlands“, erklärt Murko. Zwar wurde das Gerät – in seiner frühen Hochradversion – zuerst in England produziert. Doch die Nürnberger hatten aufgrund ihrer historischen Kenntnisse in Sachen Metallverarbeitung schnell ein Faible für die neumodische Erfindung; an der Noris gab es eine entsprechend qualifizierte Arbeiterschaft und die notwendige Infrastruktur.

Carl Marschütz (links) mit seinen Hochrad-Sportsfreunden, 1887.

Erstes deutsches Fahrrad entstand in Neumarkt

Der wichtigste Wegbereiter des Fahrrades beim Sprung von England auf den Kontinent war Carl Marschütz. Er baute in Neumarkt in den 1880er Jahren das erste (kontinentale) Fahrrad nach britischem Vorbild − und gründete mutig in Nürnberg eine Verkaufsniederlassung: die Geburt der Hercules-Werke. Anfangs noch (teils gefährlich zu steuernde) Hochräder mutierten vom reinen Sportgerät durch immer neue technische Entwicklungen – 1884 etwa kam der Kettenantrieb auf – zum alltagstauglichen Niederrad. Bald konnte jeder ein Fahrrad fahren. Der Durchbruch kam Ende des 19. Jahrhunderts: Im Zuge der industriellen Revolution erwarben auch immer mehr Arbeiter ein relativ günstiges Velo, um ihren Arbeitsplatz zu erreichen – die geniale Erfindung setzte sich durch, denn U-Bahnen gab´s nicht, Autos in dem Sinne auch nicht.

Das Fahrrad als beliebtes Plakatmotiv der 1920er Jahre.

Firmen wie z.B. Hercules, Victoria, Sirius, Triumph oder Mars dominierten bald die Verkehrsszene; Nürnberg wurde in den 1900er Jahren zum Hauptproduktionsstandort in Deutschland. Hersteller von Saisonprodukten – wie etwa jene von Öfen − entdeckten zunächst das neumodische Fahrrad zur Auslastung ihrer Produktionskapazitäten. Bald allerdings lebten rund zehn Firmen speziell von der Fahrradherstellung – zahlreiche Zulieferbetriebe kamen hinzu. Die meisten von ihnen siedelten sich im Umfeld der Fürther Straße an (davon kündet heute noch die Fahrradstraße). Aus dem Nischen- war ein Massenprodukt geworden. Im Übrigen: Fast alle Nürnberger Zweiradfirmen waren bis in die 1930er Jahre in jüdischer Hand, sie bewiesen Kreativität, Risikobereitschaft, und sie erkannten die Zweirad- als Zukunftsbranche.

Den Wandel nicht erkannt

Der Wandel – und zugleich der Niedergang − trat ein, als die Pedalgeräte von den aufkommenden Motorrädern abgelöst wurden. Die fränkischen Unternehmen bauten meist beides; wer es sich in den 1920er Jahren leisten konnte, stieg allerdings aufs Motorrad um (etwa auf Zündapps „Motorrad für Jedermann“). Nicht des Preises, sondern der Motorisierung wegen: Die Geschwindigkeit obsiegte. Die hiesige Fahrradproduktion taumelte in eine Krise und erlebte erst nach dem 2. Weltkrieg noch einmal einen letzten Boom. 1958 waren aber dann (bis auf Hercules) die Zweiradhersteller aus Nürnberg verschwunden. Eine Entwicklung hatten sie nämlich – im Gegensatz zu Amerikanern, Italienern und Japanern − nicht erkannt: Aus dem ernsthaften Radfahren war, des entstehenden Motorradbooms wegen, längst eher ein Freizeit- und Sporttrend geworden.

Ein Express-Halbrenner, Baujahr 1900 – das Niederrad ist Alltags- und Sportfahrzeug. Foto: Erika Moisan

Solcherart Geschichte ist im Museum zu bestaunen: Ausgestellte Fahrräder dokumentieren den technischen Wandel (Kette, Gummireifen, Gangschaltung), ein historischer Laden zeigt allerlei Kurioses, gezielte Fachführungen bringen die spannende Historie den Besuchern näher. Matthias Murko, selbst begeisterter Mountainbiker, schreibt derweil als Co-Autor an einem Buch über die „Fahrradstadt Nürnberg“. Rund 250 weitere historische Räder stehen in seinem Depot, „der Ausstellungsplatz reicht einfach nicht“, meint er.

Und doch freut er sich: „Viele, die unserer Motorräder wegen kommen, erkennen rasch, dass das Fahrrad deren Vorläufer war.“ Auch das heutige E-Bike spiegelt das wider: Die Menschen wollten immer schon ´schneller´ werden.“ Tempo machen! Wunderbar ablesen lässt sich das am Beispiel des (im Museum gezeigten) ältesten Nürnberger Motor-Zweirades von Victoria − einem Rad also, das eigentlich ein Motorrad sein wollte: sieht noch aus wie ein Fahrrad, doch mit Motor und Kette, schnittig, schnell. „Nur durchgesetzt hat es sich nicht“, schmunzelt der Museumschef, „die Technik war für den Alltag einfach zu aufwändig, unzuverlässig und schwer handhabbar.“

Die Ähnlichkeit dieses ältesten erhaltenen Motorrades aus Nürnberger Produktion mit seinem Vorfahren, dem Fahrrad, ist unübersehbar. Foto: Helmut Bauer

Heute entpuppt sich Nürnberg durchaus wieder als Fahrradstadt; ein Beispiel ist die „Critical Mass“-Bewegung, die das Radfahren stärker in den Mittelpunkt des Cityverkehrs stellen möchte. Sie hat Gründerväter in Gedanken: Hercules etwa konzipierte schon in den 1970- und 1980er Jahren einen Vorläufer des E-Bikes – nur ein Massenprodukt wurde das damals (noch) nicht. Derweil sind die coolen Räder aus den 1950er und 1960er Jahren wieder Kult. Murko: „Wer sich all das anschauen will, ist Museum Industriekultur richtig.“

Informationen zur Führung „Die Zweiradhochburg Nürnberg“

Das erste serienmäßige Hercules-Elektrofahrrad wurde 1991 gebaut.


Bildnachweis für alle Fotos: Museum Industriekultur

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