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17 / 11 / 2021

Leicht, luftig, spielerisch

Der neu gestaltete Eingangsbereich des Spielzeugmuseums ist Schaufenster der neuen Gesamtkonzeption

Das Spielzeugmuseum macht sich auf den Weg. vor kurzem noch war Museumsleiterin Karin Falkenberg mit Bauhelm auf dem Kopf zu sehen, schon am 27.10.2021 hat das Haus mit einem komplett umgestalteten Erdgeschoss geöffnet. Der einladend und spielerisch gestaltete Eingangsbereich folgt dem neuen Konzept und ist damit Schaufenster für das geplante „emotionale Weltmuseum des Spiels“ in Nürnberg. Wie das funktioniert? Erklären wir in zehn Schritten.

1. Die Idee: Herkulesaufgabe und Herzensangelegenheit

Menschen spielen. In jedem Alter und überall auf der Welt. Seit Jahrtausenden schon. „Alles was Menschen im Leben tun, alle Handlungen geschehen zuerst im Spiel“, sagt Karin Falkenberg, die das Spielzeugmuseum leitet. Dieser allumfassende Ansatz soll sich im Haus und der Ausstellung spiegeln. Eine Herkulesaufgabe, denn Gründungsdirektorin Lydia Bayer war Sammlerin und hatte das 1971 eröffnete Haus als Sammlermuseum eingerichtet – geordnet nach Epochen und Materialien, die wertvollen Stücke hinter Glas zum Anschauen aufgebaut. Dem gebührt alle Wertschätzung, doch ist diese Auffassung eines Museums nicht mehr zeitgemäß. Für Karin Falkenberg ist die Umgestaltung und Neupositionierung auch eine Herzensangelegenheit.

Denn Spielzeug, Spiele und das Spielen sind viel mehr, sie laden ein zum Dialog mit der Welt. Sieben Erzählungen stimmen die Besucherinnen und Besucher im neugestalteten Erdgeschoss und Foyer darauf ein: Spielzeug ist Gefühl, es ist Fantasie und ein Antrieb der Welt. Es überdauert, ist – weil es Ideale spiegelt und erzieht – politisch und inzwischen auch Gegenstand der Wissenschaft. Spielzeug ist nicht zuletzt: Nürnberg.

2. Das Geld: alles geschenkt

Ein Museum von Grund auf umzukrempeln, es nach neuem Konzept zu gestalten und dabei die alten Schätze zu bewahren, aber gleichzeitig das Spielen möglich zu machen – das erfordert neben viel Energie auch Geld. 1,1 Millionen Euro haben Umbau und Umgestaltung gekostet. Finanziert wurden sie privat. Den Grundstock bildeten drei Erbschaften von Lydia Bayer, Margot Hundrisser und Ute Schmaja, ergänzt durch Mittel der Gerd-von-Coll-Stiftung, des Fördervereins Spielzeugmuseum und von Bürgerinnen und Bürgern der Stadt. „Das ist wirklich einzigartig, dass wir alle Sanierungs- und Renovierungsmaßnahmen aus eigenen Mitteln stemmen konnten“, sagt Karin Falkenberg. „Es zeigt auch, wie beliebt und fest verankert das Spielzeugmuseum in Nürnberg ist.“

3. Die Ausschreibung: Büro mit Sinn für Poesie gesucht

Bevor die Museumsdirektorin und ihr Team aber überhaupt an die Neugestaltung denken konnten, musste der Sanierungsstau behoben werden: Die Haupteingangstür war undicht, die Klimaanlage nicht mehr up to date, Decken und Böden waren verschmutzt und abgenutzt. Die bauliche Modernisierung übernahm das Hochbauamt der Stadt Nürnberg, Abteilung Kultur. Die Gestaltung des Innenraums wurde ausgeschrieben, sechs Büros um eine Bewerbung gebeten.

Über der mit Spielzeug nachgebauten Stadt Nürnberg schwebt ein Teddy. Er ist Teil der Geschichte „Spielzeug ist Gefühl“.

Den Zuschlag erhielt nach mehreren Runden das renommierte und international tätige Büro Sunder-Plassmann. „In der Endrunde sollten wir die Frage beantworten, wie wir uns das vorstellen: Spielzeug ist Gefühl“, erinnert sich Johanna Sunder-Plassmann. Sie hatte einen Teddy skizziert, der von einer Puppe gehalten wird und aus einem durch den Himmel fahrenden Spielzeugzug springt. Ihre Idee war nicht nur siegreich, „das ist auch genauso geworden“ und schwebt nun unter der Decke des Spielzeugmuseums.

4. Die Bestandsaufnahme: Von der Vitrinenlandschaft zur großen Geste

Anfang 2020 reisten Johanna Sunder-Plassmann und die Designerin Carlotta Werner zum ersten Mal nach Nürnberg, sammelten Raum-Eindrücke und tauschten sich mit Karin Falkenberg und dem Kuratorenteam aus. „Wir fanden diese komplette Umorientierung total spannend, die Idee: Spielzeug ist alles – im Kleinen.“

Gerade die Gestaltung des Foyers und des Auftaktraumes war eine Herausforderung, denn dort muss der Transit gelingen. Vom Ankommen – Orientierung, Ticket kaufen, Garderobe unterbringen – bis zur Einstimmung auf das Thema Spiel. „Bislang war alles verwinkelt und vollgestellt mit Vitrinen und Tischen. Wir dagegen wollten einen großzügigen Raum, der viele Sitzgelegenheiten bietet und mit einer großen Geste einlädt: Alle Menschen spielen, alle sind willkommen.“

Blick auf den Kassentresen in Form einer Arche, daneben lässt der vergrößerte Zugang zum Garten nun mehr Licht ins Foyer.

5. Die Entwürfe: Ein zentraler Tisch und viel Freiraum

Wo kommen Menschen zusammen? Um einen Tisch. Ein großer elliptischer Tisch dominiert nun die Mitte des Raumes. Er lässt viel Freiraum zum Empfangstresen, der in Form einer Arche gestaltet ist, einer langen Bank an der Wand und den Schaukästen rundum. Spielzeugfiguren bevölkern ein Nürnberg-Tableau und den Tisch, hundert Räderpferdchen bewegen sich in einer Karawane gen Decke.

Voraus ging ein langer Abstimmungsprozess, der wegen Corona ferngesteuert werden musste. „Unser Büro ist am anderen Ende von Deutschland. Wir haben also sehr viel mit Zeichnungen und Modellfotos gearbeitet, uns in Videokonferenzen mit den Kuratoren ausgetauscht“, erzählt Johanna Sunder-Plassmann.

Es half, dass die Gestalterinnen im Büro in Kappeln sehr früh ein 3D-Arbeitsmodell der Raumsituation gebaut hatten und mit Pappmodellen arbeiten konnten. Trotzdem musste alles haarklein durchgesprochen werden. „Eine mühselige Angelegenheit“, erinnert sich Karin Falkenberg. Aber persönlich und vor Ort – das war während der Pandemie ausgeschlossen.

Über einem großen ovalen Tisch schwebt eine Pferdchenwolke im Auftaktraum.

6. Die Beratungen

Knifflig war das Neudenken für alle Beteiligten. Schon die Architektur: der Raum vorgegeben, mit seiner H-Form und geringer Deckenhöhe ein schwieriges Terrain. „Wir haben um jeden Zentimeter Deckenhöhe gekämpft“, berichtet Johanna Sunder-Plassmann und lobt die Zusammenarbeit mit dem Hochbauamt. 25 zusätzliche Zentimeter über dem Tisch schenken jetzt die gewünschte Großzügigkeit.

Kommunikation ist das Zauberwort auch auf Seiten des Spielzeugmuseums. Das große Herzensprojekt hatte Karin Falkenberg mit einer Besucherbefragung eingeleitet, es folgte eine Bedarfsanalyse sowie Probeausstellungen. Immer inbegriffen ein intensiver Austausch mit Besuchern, im Kuratorenteam und mit vielen weiteren Akteuren. Darunter als wichtigster der Wissenschaftsbeirat, aber auch mit dem Förderverein und dem Behindertenrat der Stadt, denn das Museum soll inklusiver werden und wurde mit Bodenleitsystem ausgestattet.

Während der Pandemie kam dann noch ein Kinderbeirat dazu. „Wenn ein 6-jähriges Kind die Ausstellung und die Texte versteht, nehmen wir die meisten Besucher mit“, ist Karin Falkenberg überzeugt. Immer wieder wurde nachgebessert und neu befragt.

7. Die Bemusterung: Die vornehme Zurückhaltung des Raums lässt Spielzeuge leuchten

Als nach so vielen Beratungen schließlich entschieden war, wie das neue Spielzeugmuseum aussehen soll, stand die Bemusterung an. Welche Oberflächen sollten die Gegenstände haben, welche Hölzer verwendet werden, welche Farben der Raum annehmen? „Wir haben uns langsam herangetastet“, sagt Sunder-Plassmann. Haptisch sollte es werden und nah, aber „auf keinen Fall quietschbunt wie in der Kita aussehen“.

Nun sind die Möbel in edlem Nussholz gestaltet, der große Tisch ist mit einem dunklen Bordeaux belegt. „Die Farbe kommt in Spielzeug tatsächlich selten vor, die Objekte heben sich gut ab.“ Boden und Wände sind in gedämpftem Sand und Schiefer gehalten, so zurückhaltend, dass die Spielzeuge leuchtend hervortreten.

Eine schöne Materialkombination: Das Holz bring das Spielzeug zur Geltung.

8. Die Umsetzung: Sorgfalt bis zur letzten Schraube

Wer ein Museum umbaut, braucht neben Phantasie und Kreativität sehr strukturierte Abläufe. Nach der Abnahme des Entwurfs folgte die Ausschreibung für Schreiner, Elektrik und Medienausstattung. Danach die Werkplanung mit den gewählten Firmen und wieder viele, viele Werkzeichnungen. Getüftelt wurde „bis jede Schraube sitzt!“, sagt Johanna Sunder-Plassmann. Eine nervige Phase? Die Künstlerin weiß als Tochter zweier Architekten, dass Genauigkeit unabdingbar ist und in diesem Schritt des Umbaus einfach sorgfältiges Abarbeiten angesagt ist.

9. Der Aufbau: Den Raum mit Magie aufladen

Anders dann beim Aufbau. Hier ging es den Gestalterinnen darum, das Thema und den Raum mit so viel Poesie und Magie wie möglich aufzuladen. Sechs Wochen lang haben Johanna Sunder-Plassmann, Carlotta Werner und Künstlerinnen, mit denen sie schon bei Orhan Pamuks „Museum der Unschuld“ in Istanbul zusammengearbeitet hatten, die Inneneinrichtung im Spielzeugmuseum aufgebaut.

„Wir machen sehr viel in Eigenleistung“, sagt Sunder-Plassmann, aber in enger Absprache und zusammen mit dem Museumsteam. Sechs Tage die Woche, von Montag bis Samstag. Die große Frage für alle: Wie würden der große Tisch, die lange Bank und der Empfangstresen „in echt“ wirken? „Am meisten hat mich überrascht, dass ich nicht überrascht war“, gesteht Johanna Sunder-Plassmann. Alles wirkt so wie sie es sich vorgestellt hat. Auch Karin Falkenberg fühlt sich heimisch und freut sich, dass „der Raum funktioniert“ und ihn die Menschen intuitiv begreifen können.

Hier wartet Spielzeug zum Anfassen auf die jungen Besucher. Das Fenster zur Straße, bisher verdeckt, wurde wieder geöffnet.

10. Die Eröffnung: Aufatmen, Loslassen und Weiterdenken

Am Montag bekam das Erdgeschoss den letzten Schliff, am Dienstag kam die Presse und Mittwoch schon war Eröffnung. „Ein Moment, der sich komisch anfühlt“, sagt Johanna Sunder-Plassmann. Der Stress der letzten Wochen fällt ab, gleichzeitig heißt es loszulassen. „Ein tolles Projekt“, bilanziert die Gestalterin. Viel Zeit fürs Nachsinnen oder gar Erholung bleibt ihr gar nicht: Schon eine Woche später findet die Kick-off-Veranstaltung für ihr nächstes Projekt statt.

Karin Falkenberg, die Museumsdirektorin, ist begeistert und stolz wie Oskar. Aber sie fühle auch Demut und Dankbarkeit, dass ihr Herzensprojekt, „das Spielzeugmuseum über die Stadtgrenzen Nürnbergs hinauszuheben und mit Spielzeug die ganze Welt begreifbar zu machen“ gelungen ist und ankommt bei den Besucherinnen und Besuchern. Die nächsten Schritte? „Es ist jetzt erstmal gut“, sagt Falkenberg. Die inhaltliche Verzahnung von Foyer und Auftaktraum mit den Ausstellungsräumen darüber funktioniere. Doch auch die sollen umgestaltet werden; nicht erst irgendwann, sondern so bald wie möglich.


Bildnachweis für alle Fotos: Spielzeugmuseum Nürnberg, Foto: Johanna Sunder-Plassmann

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Ein Kommentar zu “Leicht, luftig, spielerisch

  • Marion Faber
    6 / 12 / 2021 | 14:55

    Es wird hier der Anschein erweckt, das Spielzeugmuseum habe sich seit 1971 nicht mehr verändert. Es gab ja „nur“ einen Erweiterungsbau, den Ausbau des Dachgeschosses, die Umgestaltung von Ausstellungseinheiten durch ein Münchner Architekturbüro zusammen mit einem Leipziger Künstler und verschiedenen Sponsoren und anderes mehr. Zum angestrebten Ziel „Spielen im Museum“ sei an Folgendes erinnert: Die Besucherfreundlichkeit für Familien stand im Spielzeugmuseum seit 20 Jahren an erster Stelle. Ein 70 qm attraktiver Kinderspielbereich im Dachgeschoss mit pädagogischer Betreuung existiert seitdem (jetzt aber aus unerfindlichen Gründen geschlossen), mehrere Spielbereiche neben den Vitrinen und darüber hinaus ein 900 qm Ganzjahresspielplatz im Freien zum Ausprobieren von historischen Spielen. Das Foyer mag nun sicher leer sein, aber vollgestellt ist jetzt der Spielplatz draußen mit Imbiss- und Getränkebuden…..

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