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23 / 11 / 2018

Hinter der Maske sind wir wirklich und frei

Die Nürnberger Künstlerin Susanne Carl spielt mit den Identitäten

Bild und Vorbild. Identität und Verbergen. Susanne Carl, geboren 1962 in München, ehemalige Kunsterzieherin an Gymnasien in Kulmbach und Fürth, seit dem Jahr 2000 ganz freie Künstlerin, ist bekannt als die „Maskenkünstlerin“.

Eine ihrer frühen Kunstaktionen heißt „Meisterwerke“. Auf einem Theaterfest – das künstlerische Zwiegespräch mit den schauspielerischen Erzählformen hat sie schon immer fasziniert – bietet sie dies an: Sie holt Menschen zu sich, verspricht „Verwandlungen“ mithilfe des Theaterfundus, eine Perücke hier, ein historisches Kleidungsstück da. Das Kunst-Werk „Ich“ wird in einen riesigen 2,20 Meter großen goldenen Bilderrahmen gesteckt und abgelichtet: Ein „Meisterwerk“. „Was macht ‚ver-kleiden, ver-hüllen, ver-wandeln‘ mit Deinem Ich?“, lautet eine der zentralen Fragen, die sie, schamlos neugierig, ergründen will.

Künstlerin Susanne Carl mit maskiertem „Albrecht Dürer“. Bildnachweis: Berny Meyer

Konfrontation mit dem Ich

„Who are you“, naiv, fordernd, spielerisch, belustigt konfrontiert sie ihr Gegenüber, ihr Publikum, mit immer dieser Frage. Sie treibt es auf die Spitze und bietet Verkleidung in höchster Reduktion. Ihre für dieses Projekt gestaltarmen Masken, glatt und uniform, liefern die Blaupause für die unschuldige Frage nach einer hundsgemeinen Wirklichkeit: „Wer bist Du, ohne die permanente Selbstversicherung durch das eigene Bild?“ Das ist radikale Konfrontation mit dem Ich, das tausend individuelle Versionen bereithält – und immer wieder zu stereotypen Mustern führt.

Zum Carl’schen Kunstbegriff gehört, sich selbst nicht zu schonen. Und ihre zweite Kunstumarmung neben dem Theater gilt der Fotografie. So entstand im Jahr 2016 der Bildband „Ich bin nicht auf dieser Welt“, inszenierte Fotomagie mit Masken zusammen mit dem Fotografen Bruno Weiß. Sie hat sich in vielen Räumen inszeniert, mal um sich dreist in den Vordergrund zu schieben, mal um vollkommen im Interieur zu verschwinden. Man muss sich wohl, frei nach Camus, einen kompromisslos suchenden Menschen als einen glücklichen Menschen vorstellen. Ein köstlich zu betrachtender Fotoband, der ohne Umwege direkt ins Herz und das Bauchgefühl des Betrachters trifft.

Albrecht Dürer – Großmeister des Selfies

Unausweichlich begegnete Susanne Carl dem Großmeister des ersten Selfies, dem Renaissance-Überwinder Albrecht Dürer. „Mit Dürer gewinnt das Thema Selbstbildnis in der Kunstgeschichte ein ganz neues Gewicht, und der frontale Blick auf den Betrachter wird revolutionär. Zugleich legt er mit seiner Pose und der noblen Kleidung fest, in welcher gesellschaftlichen Rolle er gesehen werden wollte. Selbstporträt oder Rollenspiel – eine Fragestellung mit aktueller Relevanz, reflektiert in jedem Selfie“, schreibt sie in die Einladung zu „ichDÜRERdu“.

Die Maske verändert das Selbstempfinden – auch beim Gang vor die Kamera. Bildnachweis: Peter Budig

Nürnberger Volksfest – der natürliche Ort für Kunst

Der Funke für dieses Format sprühte erstmals bei einer Begegnung mit Barbara Lauterbach, die das Marketing für die Nürnberger Volksfeste als leitende Mitarbeiterin beim Süddeutschen Schaustellerverband verantwortet. Seit jeher holt sie Kunst aufs Volksfest: „Das ist der natürliche Ort für Kunst. Man muss sie erlebbar machen“, sagt Lauterbach, die schon die Pocket-Opera Webers „Freischütz“ im Autoskooter geben ließ. Bei „ichDÜRERdu“ lud Susanne Carl Volksfestbesucher ins improvisierte Fotostudio: Mit der „Carl-Maske“ und der Dürer-Perücke, mit Pelzschal oder Mantel verkleidet, ließen sich die Besucher im warmen Renaissance-Licht porträtieren und durften die Porträts von Fotograf Berny Meyer kostenlos mit nach Hause mitnehmen.

Vater und Tochter dürfen ihr „maskiertes Selbst“ nach der Aktion mit nach Hause nehmen. Bildnachweis: Peter Budig

Die Maske erlaubt, sich zu demaskieren

Das Urerlebnis geschieht während der Inszenierung: „Kannst Du mal ganz stolz sein auf Dich“ oder „wie fühlt es sich an, wenn Du todtraurig bist“ lauteten Regieanweisungen, die zu verblüffenden „Selfie-Ergebnissen“ geführt haben. Es ist ein Paradox: Man verschwindet hinter der Maske – und demaskiert sich. Oder man wird wirklich „Ich“. „Wir sind“, resümiert Carl in ihrer typisch eindringlichen Art, „alle sehr individuell und unterschiedlich. Und gleichzeitig auf eine archaische Weise gleich.“

Das Ergebnis dieser Masken-Schau mit vielen realen Maskierten ist bis 10. Februar 2019 im Dürer-Haus in einer Sonderausstellung zu sehen.

Informationen zur Ausstellung „ichDÜRERdu“

Informationen zu Susanne Carl


Peter Budig ist freier Journalist und Spezialist für Storytelling.

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