Zwei Fotojournalisten blicken zurück auf ein ganzes (Berufs-)Leben. „72 Augenblicke. Momente jenseits der Schlagzeilen“ heißt die Werkschau von Günter Distler und Stefan Hippel im Fembo-Haus – zu sehen bis 10. Mai 2026.
„Die Fotografie ist die Geburtshelferin der Legende“, sprach einst der britische Journalist Paul Morley. Stefan Hippel und Günter Distler können ein Lied davon singen: Vier Jahrzehnte waren sie täglich unterwegs im Auftrag der Nürnberger Nachrichten und den angeschlossenen Ausspielkanälen. Das Ende ihres aktiven Berufslebens feiern die Kollegen und Freunde nun mit einer gemeinsamen Fotoausstellung im Fembo-Haus – und haben dafür tief in ihren unendlichen Archiven gekramt, um jeweils 36 Bilder auszuwählen.
„Ein bisschen Zahlenmagie ist dabei auch im Spiel“, analysiert der Nürnberger Journalist und langjährige Leiter des NN-Feuilletons Steffen Radlmaier in seinem Einführungstext zur Ausstellung. „Beide sind Jahrgang 1963, werden also dieses Jahr 63, beide waren 36 Jahre als Bildredakteure tätig und haben noch gelernt, wie man Filme in der Dunkelkammer entwickelt. Ist es Zufall, dass man damals mit einem Film 36 Aufnahmen machen konnte?“
In Berlin und am Hirschberg wird Weltgeschichte geschrieben
1989 heuern die beiden Fotografen beim Verlag Nürnberger Presse an. Was für ein Jahr: Mauerfall, Grenzöffnung – in Berlin wird Weltgeschichte geschrieben, die auch nach Franken schwappt. Stefan Hippel steht am Abend des 9. November 1989 am Grenzübergang Rudolphstein/ Hirschberg und fotografiert die ersten DDR-Bürger, die mit ihren Trabis in den Westen rollen. 329 Tage später findet in Berlin die Wiedervereinigungsfeier statt, hier ist Günter Distler vor Ort.
Es war Hippel und Distler vergönnt, an Orte zu kommen, die Normalsterbliche nur selten sehen: Backstage, hinter die Kulissen von Politik, Kunst oder auch eines aufrechten Handwerksbetriebs. Es heißt, dass es ein Geschenk sei, beruflich neugierig sein zu dürfen. Wenn man die Bilder von Stefan Hippel und Günter Distler betrachtet, ist man geneigt, diesen Satz zu bestätigen. Da ist nicht nur hochkarätiges Handwerk, sondern immer auch ganz viel Leidenschaft. Vieles entstand gar nicht explizit als Auftrag, sondern aus dem Drang heraus, mit der Kamera loszuziehen, wenn etwas in der Luft lag – großes oder kleines Thema, völlig egal.
Zur richtigen Zeit am richtigen Ort
So wurden aus flüchtigen Momenten bleibende Augenblicke. CSU-Politiker Günther Beckstein lachend an der Wasserpfeife oder das Nürnberger Christkind im Turm der Frauenkirche kurz vor seinem Prolog – dafür muss man zur richtigen Zeit am richtigen Ort sein. Und Jägerinstinkt mitbringen. Wie auch im Sommer 1994, als US-Superstar Billy Joel sein erstes und einziges Gastspiel in Nürnberg gibt. Nur US-Soldatinnen und Soldaten und ihre Angehörigen dürfen zum Konzert aufs Zeppelinfeld. Günter Distler legt sich auf die Lauer – auf der Zeppelintribüne, 150 Meter hinter der Bühne. Ein ganzes Konzert lang wartet er, bis Joel im Zugabenteil bei seinem großen Hit „Piano Man“ auf den Flügel steigt und für wenige Augenblicke sichtbar wird für die Zaungäste, die draußen bleiben mussten. Distler drückt ab. Das Ergebnis ist 32 Jahre später im Fembo-Haus zu sehen.
Die Schau lebt von den Kontrasten – weil das Leben ja selten eindimensional ist. Rock im Park und Opernball, die schwerelose Schlagersängerin Helene Fischer und die entfesselte Dirigentin Joana Mallwitz beim Klassik-Open-Air. Abschied (2011 geht der beliebte Fußballer Marek Mintál) und Rückkehr (US-Soldaten kehren 1991 aus dem 2. Golfkrieg heim). Nazis, die den Hitlergruß zeigen, und Bürgerinnen und Bürger, die für Demokratie und Menschenrechte auf die Straße gehen. Dazwischen bleibt immer auch Zeit für die Heimat, für Franken … und für die schönen Dinge im Leben: Volksfest, Karpfen, Knoblauchsland, der Glubb.
Am 12. April, am 19. April und am 3. Mai 2026 führen die beiden Fotografen jeweils um 11 Uhr persönlich durch die Ausstellung.
Weitere Informationen:
Ausstellung „72 Augenblicke“
Günter Distler
Stefan Hippel






