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3 / 8 / 2023

Nürnberger Unterwelten

Dunkle Vielfalt unter der Stadt

Anno 1994 gründete Walter Herppich, ein ehemaliger Mitarbeiter des städtischen Amtes für Zivilschutz, den Förderverein Nürnberger Felsengänge e.V. Im folgenden Jahr begann sich eine enge Zusammenarbeit zwischen dem Verein und den Museen der Stadt Nürnberg zu entwickeln. Gemeinsam bereitete man ein Führungskonzept im Historischen Kunstbunker vor. Danach folgten weitere gemeinsame Projekte.

Geheime Stollen und Wassertunnel, Bunker aus dem Zweiten Weltkrieg, Wehrgänge in der Stadtmauer, Bierkeller und Atombunker aus den Zeiten des Kalten Krieges bilden eine große Vielfalt an Orten mit unterschiedlichsten historischen Hintergründen. Wenn man von der Oberfläche der Großstadt in die stillen und kühlen Gänge abtaucht, hat das insbesondere während der oft heißen Sommertage großen Erholungswert. Daneben aber erzählen die Unterwelten Geschichten aus nahezu allen Phasen der Stadt-Historie.

Im Historischen Kunstbunker sind auch heute noch Teile der Originaleinbauten zu sehen – so zum Beispiel die Räumlichkeiten für das Wachpersonal. Bildnachweis: Förderverein Nürnberger Felsengänge

Schutzraum für Kunst im Krieg

Im Historischen Kunstbunker wurde während des Zweiten Weltkrieges tief im Fels unter der Burg in einem ehemaligen Bierlagerkeller aufwändige Technologie installiert, um optimale Voraussetzungen für schützenswerte Kunst zu bieten. Dort wurden unter anderem Nürnberger Gemälde, Goldschmiedearbeiten, Kirchenfenster, darunter auch Raubkunst der Nazis, sicher vor dem Bombenkrieg eingelagert, um die wertvollsten Kunstwerke vor Feuer, Rauch, Gas und Plünderung, und damit der Zerstörung, zu schützen.

Die Besucher des Historischen Kunstbunkers erhalten einen Einblick, wie die Bevölkerung frühzeitig auf den Krieg vorbereitet wurde. Entgegen allen Ankündigungen der Nazi-Propaganda wurde Nürnberg beinahe vollständig zerstört. Die Ausmaße der Schäden können während der Führung dank großformatiger Bilder von der damaligen Trümmerwüste eindrücklich erlebt werden. Abschließend wird auch der Wiederaufbau der Nürnberger Altstadt thematisiert. Weitgehend ist es gelungen, den historischen Charakter des mittelalterlichen Stadtkerns von Nürnberg zu bewahren, womit sich Nürnberg von den meisten deutschen Städten, die nach schweren Kriegszerstörungen wiederaufgebaut wurden, deutlich abhebt. Diese besondere Wiederaufbauleistung in den Jahrzehnten nach dem Krieg wird im Historischen Kunstbunker gewürdigt.

Ein Ort der Wassergewinnung im Mittelalter: die Lochwasserleitung in Nürnbergs Burgberg. Bildnachweis: Förderverein Nürnberger Felsengänge

Lochwasserleitung zur Wassergewinnung

Danach begann der Verein mit Vorbereitungen für Führungen durch die Kasematten, die heute unter dem Titel „Wehr- und Geheimgänge unter der Burg“ angeboten werden, und für die Touren durch die Lochwasserleitung, die jetzt den Titel „Plumpsklo trifft Ziehbrunnen“ führen. Auch die Lochwasserleitung befindet sich im Besitz der Stadt Nürnberg. Sie ist ein jahrhundertealter Tunnel, der im Sandsteinfels auf einer wasserführenden Tonschicht durch den Burgberg getrieben wurde. Durch den porösen Sandstein sickert Wasser hindurch und wird dabei gefiltert. Auf wasserundurchlässigen Tonschichten, die sich durch den Fels ziehen, staut sich das Wasser an, es bilden sich sogenannte Wasserhorizonte. Dies nutzte man, um Wasser zu gewinnen. Abwasser und Frischwasser lagen in der mittelalterlichen Stadt oft sehr nah beieinander. Dass das nicht gut gehen konnte, ist heute bekannt. Doch wie stand es um die Wasserversorgung und Hygiene Nürnbergs im Mittelalter? Die Führung durch die Lochwasserleitung gibt Aufschluss darüber.

Wehr- und Geheimgänge – die Kasematten

Bei den Wehr- und Geheimgängen unter der Burg handelt es sich um die Kasematten im Sockel der Stadtmauer und die Zubringertunnel, durch die die Soldaten zu ihren Geschützstellungen gelangen konnten. Die Kasematten, meterhohe Korridore innerhalb der Burgmauer, folgen dem Zickzack-Verlauf der Mauern an der Nürnberger Burg. Versteckt und von außen kaum bemerkt, befinden sich Schießscharten in der Burgmauer mit Blick in den Burggraben. Von diesen Positionen aus konnte jede Stelle im Burggraben beschossen werden. So sollte Nürnberg im Falle einer Bedrohung verteidigt werden. Das ausgeklügelte System dieser verwinkelt angelegten Wehr- und Geheimgänge innerhalb der Mauer machte Nürnberg zur am besten geschützten Stadt des Deutschen Reichs. Die Festungsanlage wurde über Jahrhunderte nicht überwunden. Während der Führung erfahren die Gäste, wie der Aufbau der Bastionen zum Schutz der Stadt angelegt war. Vom Burggarten aus geht es hinab in die mittelalterlichen Kasematten mit ihren hohen Gewölben, dem massiven Mauerwerk aus Sandstein und Belüftungsschächten.

Blick in den Bahnhofsbunker. Bildnachweis: Förderverein Nürnberger Felsengänge

Atombunker unter dem Hauptbahnhof und der Krebsgasse

In Nürnberg gibt es noch zwei original eingerichtete Atombunker unter dem Hauptbahnhof und unter der Krebsgasse. Ursprünglich gab es 18 solcher Bunker in Nürnberg. 2007 wurden sie aufgelöst. Dank des Einsatzes durch den Förderverein Nürnberger Felsengänge konnten die beiden verbleibenden Bunker erhalten werden. Sie sind nicht mehr einsatzfähig, aber noch vollständig eingerichtet. Während des „Kalten Krieges“ gebaut, sollten diese Bunker den Bürgerinnen und Bürgern Schutz vor Atombomben und/oder chemischen und biologischen Massenvernichtungswaffen bieten. Draußen wäre im Ernstfall alles verwüstet worden und niemand hätte überlebt. Nur wer in der Nähe des Atombunkers gewesen wäre, hätte Einlass gefunden. Wasser, Luft, Licht und Nahrung mussten mithilfe von Notstromgeneratoren und einer riesigen Luftfilteranlage in den Bunker geführt werden. Nach 2 Wochen allerdings wären die Dieselvorräte zur Neige gegangen, so dass die Filteranlage nicht mehr hätte betrieben werden können. Daher hätten die Menschen den Bunker nach Ablauf dieser Zeit wieder in die verstrahlte Außenwelt verlassen müssen.

In den Atombunkern wird die ständige Bedrohungslage in den Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg spürbar und die Hilflosigkeit der damaligen Regierungen durch die für die Bevölkerung offensichtlich unzureichenden Schutzmaßnahmen greifbar. Noch ist der Führungsbetrieb im Bahnhofsbunker aus Gründen des Brandschutzes nur sporadisch möglich. Derzeit wird der Bunker umgebaut. Die städtischen Museen werden den Förderverein bei der Erstellung eines neuen Führungskonzeptes beratend zur Seite stehen. Das Museum Industriekultur firmiert offiziell als verantwortlicher Ansprechpartner für den Bahnhofsbunker.

Die Mittelalterlichen Lochgefängnisse unter dem Nürnberger Rathaus. Bildnachweis: Stadt Nürnberg, Foto: Birgit Fuder

Unter dem Rathaus – die Mittelalterlichen Lochgefängnisse

Eine weitere Kooperation des Fördervereins mit den städtischen Museen läuft seit Juni 2022 in den Mittelalterlichen Lochgefängnissen. Die Gefängnisse befinden sich in den Kellergewölben unter dem Nürnberger Rathaus und sind in Deutschland eine einmalige Anlage aus dem Mittelalter. Seit dem 14. Jahrhundert dienten sie zur Untersuchungshaft und Verwahrung von Häftlingen bis hin zur Urteilsvollstreckung. Hier wurde der Wahrheitsfindung nach damaligen Standards nachgegangen. So sind die Lochgefängnisse Zeuge mittelalterlicher Gerichtsbarkeit. Wer ins „Loch“ geworfen wurde, hatte meist sein Leben verwirkt. Im Laufe des Rundgangs durch mehrere kleine Zellen, Sonderzellen für spezielle Delinquenten und eine Folterkammer wird vermittelt, welche Methoden zur Wahrheitsfindung an den Häftlingen angewandt wurden und wie rechtliche Grundsätze diese Vorgehensweise festschrieben.

Nürnbergs Geschichtsträchtigkeit spiegelt sich in den Unterwelten nahezu komplett wieder und die stillen, riesigen Anlagen faszinieren Jahr für Jahr tausende von Besuchern.

Informationen zu den Führungen des Fördervereins Nürnberger Felsengänge


Ralf Arnold ist Gästeführer und 1. Vorsitzender des Fördervereins Nürnberger Felsengänge.

 

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