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22 / 8 / 2019

Ein Leben hinter der Kamera

Zum 110. Todestag des Nürnberger Fotografie-Pioniers Ferdinand Schmidt

Zu Beginn des 19. Jahrhunderts entwickeln die beiden französischen Tüftler Joseph Niépce und Louis Daguerre eine neue Form der Kunst: Die Fotografie. Rasch gewinnt das bahnbrechende Verfahren, mit dem die Natur erstmals 1:1 abgebildet werden kann, an Popularität – insbesondere durch die beliebte und finanziell äußerst einträgliche Porträtfotografie. 1846 erkennt auch der Nürnberger Bildnismaler Georg Schmidt den Trend der Stunde und richtet sich in seinem Anwesen unterhalb der Kaiserstallung ein „photographisches Atelier“ ein, das bald zur renommiertesten Adresse in der ganzen Stadt wird.

Das Atelier von Ferdinand Schmidt in der Burgstraße 24, um 1880. Bildnachweis: Stadtarchiv Nürnberg A 55 Nr. A55-IV-42-12-6

Wie der Vater, so der Sohn

Nach Georg Schmidts Tod im Jahre 1867 übernimmt sein Sohn Ferdinand das Geschäft des Vaters. Ferdinand, Jahrgang 1840, bemüht sich erfolgreich um eine kontinuierliche Vergrößerung des Kundenkreises. Zu seinen Klienten zählen bald schon die wichtigsten Institutionen und bedeutendsten Persönlichkeiten der Stadt – vom Bleistiftfabrikanten Johann Faber bis hin zum Germanischen Nationalmuseum ist alles vertreten, was in Nürnberg Rang und Namen hat. Die „offizielle“ Anerkennung seines Schaffens, welche die Zusammenarbeit mit diesen prestigeträchtigen Auftraggebern mit sich bringt, ist durchaus einkalkuliert, sichert sich Schmidt dadurch doch immer wieder neue, lukrative Aufträge.

Ein gewitzter Geschäftsmann…

Ferdinand Schmidt ist eben nicht nur Fotograf, sondern auch ein begabter Unternehmer, der keinen Markt ungenutzt lässt („Zu Aufnahmen von Leichen stets in Bereitschaft“ heißt es in einer seiner Annoncen lapidar). Immer wieder trägt er seine Dienste auch an aufstrebende Geschäfts- und Fabrikbesitzer heran, die seine Aufnahmen nur allzu gerne zu Repräsentationszwecken erwerben. In der Regel fotografiert er dann nicht nur die jeweiligen Lokalitäten, sondern auch die dazugehörigen Handwerker, Arbeiter oder Beamten – denn auch diese Gruppen bilden schließlich eine potentielle Käuferschaft. Schmidts Arbeitseifer ist immens: sein 1897/98 herausgegebenes „Verzeichnis der Nürnberger photographischen Aufnahmen“, welches seine einzelnen Fotografien auflistet und Bestellungen vereinfachen soll, umfasst rund 500 unterschiedliche Positionen.

Visitenkarte von Ferdinand Schmidt, 1867.

…akribischer Chronist…

Spätestens zu diesem Zeitpunkt gilt Ferdinand Schmidt als wichtigster Bildchronist der Stadt. In allen gängigen Nürnberg-Publikationen (in Stadtführern, im wichtigen Mappenwerk Alt-Nürnberg und in Postkartenverlagen) sind seine Fotografien zu finden. Mit seiner Kamera ist Schmidt außerdem bei vielen offiziellen Ereignissen zur Stelle und hält sie für die Nachwelt fest, u.a. 1894 bei der Kuppelweihe des neuen Gewerbemuseums, 1897 bei der Grundsteinlegung des Rathauses am Fünferplatz oder 1901 bei der Enthüllung des Prinzregentendenkmals vor dem alten Zentralbahnhof. Gerade solche Fotografien sind es, die langfristig ein neues Nürnberg-Bild prägen werden: das Bild einer Stadt im Wandel. Ferdinand Schmidt sieht sich dabei nicht als ihr romantischer Verklärer, sondern als Chronist, der das historisch gegebene Stadtbild erfasst und die vielen städtebaulichen Veränderungen im Industriezeitalter minutiös dokumentiert.

Kuppelweihe des Bayerischen Gewerbemuseums am 15. September 1894.

…und selbstbewusster Künstler!

Gleichfalls ist in den Fotografien Ferdinand Schmidts immer auch ein künstlerischer Anspruch erkennbar. Besonders deutlich wird das in seinen Selbstporträts: Immer wieder stellt er sich in großer Pose dar, zielbewusst, manchmal nachdenklich in die Ferne schauend. Nichts soll Zweifel daran lassen, dass er selbst und mit ihm der gesamte Berufsstand zu eigenständiger künstlerischer Entfaltung gelangt ist. Während sich der Vater, der noch zu den Pionieren der Fotografie zu zählen ist, mehr als Handwerker gesehen hat, leitet der Sohn aus dem neuen Medium einen weitaus selbstbewussteren Status ab. Das hindert ihn jedoch nicht daran, seinen Beruf auch von der ironischen Seite zu betrachten: Eines seiner Selbstporträts zeigt ihn, an einen Kopfhalter gelehnt – ein Gerät, das den Kunden half, längere Zeit regungslos auszuharren –, in theatralischer Pose, als stütze er sich auf eine der tragenden Säulen des Künstlertums.

Selbstbildnis Ferdinand Schmidt, 1895.

Am 22. August 1909 stirbt Ferdinand Schmidt im Alter von neunundsechzig Jahren nach langer, schleichender Krankheit – im Sterberegister wird sie als „Arterienverkalkung“ bezeichnet. In Vergessenheit gerät er allerdings nicht: Seine historischen Aufnahmen von Nürnberg werden auch heute noch vertrieben. Und auch in der Dauerausstellung des Stadtmuseums im Fembo-Haus ist eine Auswahl seiner Fotografien zu sehen.


Dieser Beitrag entstand auf Basis eines Textes von Jutta Tschoeke aus dem Buch „Nürnberg 1865-1909. Photographien von Ferdinand Schmidt“, herausgegeben vom Centrum Industriekultur Nürnberg im Jahr 1987.
Bildnachweis für alle Fotos (soweit nicht anders angegeben): Museen der Stadt Nürnberg, Kunstsammlungen

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