Getauft wurde ich als Ruth Anna. Anna war meine Patin, meine Großmutter.
Als ich in die Schule kam, sagte meine Mutter zu mir, sie hätte gehört, Ruth wäre ein Judenname. Und ich sollte mit dem Namen jetzt nicht in die Schule gehen.
Und dann haben sie gesagt, ich heiße ab jetzt Anna oder Anni. Und dann musste ich den Namen Ruth ablegen, aber behördlich musste ich mich immer dokumentieren mit Ruth Anna.
Warum meine Mutter da immer so Angst gehabt hat? (…)
Das weiß ich nicht, aber es war so in dieser Zeit, da hatte man auch große Angst.
Anna Hess im Interview mit Astrid Betz am 15.3.2025
Anna Hess, geborene Dippl, erlebte den Krieg in Nürnberg als Kind. 1945 war sie zwölf Jahre alt. Sie wuchs mit den zwei Schwestern Eleonore und Brigitte und drei jüngeren Brüdern – Otto, Günther und Alfons auf. Heute noch erinnert sie sich sehr genau an die Bombennächte in der Kriegszeit und auch an den Hunger in der Kriegs- und Nachkriegszeit. Als Zweitgeborene trug sie immer viel Verantwortung. Ihre ältere Schwester Eleonore litt unter Gelenkrheuma, sodass Anna sich viel um die jüngeren Geschwister kümmerte, um die Mutter zu unterstützen. Ihre Eltern arbeiteten als Hilfskräfte: Mutter Käthe als Haushaltshilfe und Vater Franz in der Fabrik. Die Familie wohnte in der Bogenstraße. Ein Foto erinnert an ihre Kindergartenzeit im Sankt Anna Park. Weihnachten fiel immer vergleichsweise bescheiden aus: „Wir hatten ja nichts“ erinnert Anna Hess.
Als Ruth 1939 in die Schule kam, empfahl ihre Mutter, den Zweitnamen Anna als Vornamen zu benutzen, da Ruth ein jüdischer Name sei. Die Eltern hatten ihn ausgesucht, aber befürchteten nun für das Kind, dass es Nachteile haben könnte. Von nun an riefen sie ihre Tochter Anni, abgeleitet vom zweiten Vornamen. Dieser Name bleibt ihr bis zum heutigen Tage. In ihrer Kindheit lief sie häufig barfuß, da die Schuhe kaputt waren.

Schwestern betrieben den Kindergarten im Sankt Anna Park. Ruth Anna steht ganz rechts in der zweiten Reihe.
1940 wurde in Österreich ein Aufruf gestartet mit der Bitte, Kinder aus deutschen Städten aufzunehmen, die Not litten. So kam Anna 1941 für 18 Wochen nach Wien zu einem wohlhabenden Ehepaar in der Schönbrunner Schlossstraße 12, in dessen Haushalt auch ein kleines Mädchen seine Ferien verbrachte. Klärchen war die Nichte des Ehepaares Herzing. Sie hatte viele Spielsachen. Anna Hess vermutet, dass das Ehepaar helfen und zugleich für das Mädchen Klärchen eine Spielgefährtin ins Haus holen wollte. Diese Zeit ist ihr in Erinnerung geblieben, unterschied sie sich grundlegend von allen anderen Kindheitserfahrungen. Sie wurde neu eingekleidet, erhielt schon in der Früh einen warmen Kakao, ihre Haare wurden mit Eigelb gewaschen. Es wurden Ausflüge an die alte Donau unternommen, auch Schlittschuhlaufen zählte dazu. Zu Hause war die große Wohnung beheizt. Nie wieder hat sie so schöne Zeiten erlebt, erinnert sich Anna Hess. Die Wochen vergingen wie im Flug.
Anna Hess erinnert sich an die Zeit in Wien, wo sie – wie andere deutsche Kinder im Krieg – aufgepäppelt werden sollte. Das Wiener Ehepaar Herzing mit der Nichte Klärchen verwöhnte Anna, wie sie es noch nie zuvor erlebt hatte.
Ihre Eltern sympathisierten nicht mit den Nationalsozialisten, aber die Hitlerjugend war seit 1939 verpflichtend, und so trat Anna mit zehn Jahren 1943 dem Jungmädelbund bei und erinnert sich an die wöchentlichen Treffen auch im Krieg auf dem ehemaligen Reichsparteitagsgelände beim Dutzendteich. Sie trafen sich und turnten und bewunderten die älteren Mädchen, die ihre Gruppe leiteten. Zum Geburtstag des Führers stand auch ihre Gruppe am Nürnberger Hauptmarkt, damals Adolf-Hitler-Platz, und sang: „Heute gehört uns Deutschland und morgen die ganze Welt.“ Annas Eltern waren christlich eingestellt nicht nationalsozialistisch. Ein Nachbar allerdings war überzeugter Nationalsozialist und es kam immer zu Streitigkeiten. Als Annas kleiner Bruder ihn einmal „Nazi“ nachrief und seine Tante ihn vor dem Übergriff des Nachbarn schützen wollte, steckte dieser sie in einen heißen Waschtrog. Annas Mutter rettete sie aus dieser Situation und ihre Tante zeigte den Nachbarn an. Anna Hess erinnert sich sehr gut, dass sie vor Gericht aussagen musste und der Richter entschied: „So ein kleines Mädchen denkt sich so eine Geschichte nicht aus.“ Ihrer Tante wurde Recht zugesprochen, aber sie meint zu erinnern, dass auch der Nachbar Herr Gerstner nicht mit einer besonderen Strafe belegt wurde.
Annas Kindheit war geprägt von Armut und vielen Wohnungswechseln. Auf dem Schulweg zur Wiesenschule begegneten sie, Anna und ihre Schwester, auch den Kriegsgefangenen, die frühmorgens zur Arbeit zum Siemens-Schuckert-Werk geführt wurden. Sie steckten den Gefangenen heimlich Brot zu, da diese ausgemergelt aussahen und offensichtlich Hunger litten. Einmal erwischte der Aufseher Anna und schlug mit dem Knüppel von hinten auf ihren Schulranzen, sodass der Riemen riss.
1943 wurde ihr Wohnhaus in der Bogenstraße 21 ausgebombt und die Familie zog nach Laubenzedel bei Gunzenhausen zu einem Bauern. Sie und ihre Geschwister besuchten dort eine Dorfschule. Anna konnte Fahrrad fahren und besorgte in Gunzenhausen die dringend benötigten Lebensmittelbüchsen für die Familie. Sobald ihre Mutter die Möglichkeit zur Rückkehr in die Stadt sah, zogen sie dorthin zurück. Anna Hess vermutet, dass sich ihre Mutter für die Kinder eine sehr gute Schulausbildung wünschte und insofern immer gerne wieder in der Stadt leben wollte, wo sie diese Möglichkeit gesicherter fand.
Ottilienheim bei Absberg: In den Jahren 1939 bis 1945 nutzte die NSDAP das Ottilienheim der erweiterten Kinder-Landverschickung. Luftbild aus den 50er Jahren, Bildnachweis: Regens-Wagner-Stiftung Zell, Bildnachweis: Postkarte
1943 kam Anna ins „Ausbildungslager“ Ottilienheim in Absberg. Hier hatte „Zucht und Ordnung“ zu herrschen. Anna erinnert sich an das Kartoffelschälen im Keller für die Bewohner des Heims. Sie besuchte die Schule im Heim, arbeitete und nahm an sportlichen Aktivitäten teil. In dieser Zeit kam ihre Mutter einmal zu Besuch. Als sie ihren jüngsten Sohn Alfons erwartete, konnte sie nicht länger auf Annas Hilfe verzichten, so kehrte die große Schwester nach Nürnberg zurück. Ende 1944 verbrachten Anna und ihre Schwester ein paar Wochen bei Frau Niklas in Höchstadt an der Aisch, dem Geburtsort ihrer Mutter.
Beim Bombenalarm im Winter 1945 beauftragte die Mutter Anna, mit den jüngeren Geschwistern in den Luftschutzkeller hinter der Christuskirche in der Landgrabenstraße zu gehen. Phosphor, Gerümpel und Verletzte waren auf der Straße und Anna Dippl versagten die Beine. Ein Mann kam ihr zu Hilfe und brachte sie alle in den Luftschutzkeller. Im Bunker waren Menschen, die Schutz suchten. Es gab auch ein Lazarett für die Verletzten der Bombenangriffe. Etliche Kinder und Erwachsene waren verletzt oder krank. Nach dem Aufenthalt hatte die jüngere Schwester Brigitte Scharlach und der noch nicht einjährige Bruder Alfons eine Lungenentzündung. Beide Geschwister mussten in das Kinderspital, zunächst in der Hallerwiese und dann nach Neuendettelsau. Nach dem Krieg kehrte nur Brigitte in die Familie zurück.
Auf dem Notizzettel der Verwaltung des Cnopf’schen Kinderspitals steht: Alfons und Brigitte sind seit Februar im Cnopf’schen Kinderspital und sind längst entlassungsfähig, werden aber nicht abgeholt, weil die Mutter keine Wohnung hat.
Die Familie, die wegen der Luftangriffe die Wohnung hatte verlassen müssen, erfuhr erst auf Nachfrage, dass das jüngste Kind Alfons verstorben war. Der Verlust des Bruders geht Anna Hess bis heute nach, deshalb bewahrt sie das Kinderhandtuch auf und auch die Nachricht aus der Hallerwiese, die so viele Fragen unbeantwortet lässt.
Auch die Nachkriegszeit war entbehrungsreich. Sie litten in den ersten Jahren noch mehr als im Krieg. Annas Familie lebte nun in der Dovestraße 5. Es gab ausschließlich Suppe und Brot. Anna besuchte wieder die Wiesenschule. Die US-amerikanischen Soldaten boten eine Kinderspeisung, die aus Haferflocken und Erbsensuppe bestand und in der Schule ausgeteilt wurde. Der Gegenwert der Lebensmittelmarken reichte nicht zur Versorgung für die Familie. Sie mussten damals hamstern, das bedeutete, bei den Bauern um Lebensmittel betteln. Auch Kleidung musste stets geflickt werden.
- Frau Hess bewahrt den Bikini auf, den sie sich selbst genäht hat. Sie erinnert sich: „Es war doch heiß im Sommer und ich wollte auch baden gehen. Da habe ich mir einen Bikini genäht.“
- In den Nachkriegsjahren ist ihr ein erstes neues Kleid besonders in Erinnerung. Sie trägt es auf dem Foto aus dieser Zeit.
Der Vater verdiente nach seiner Heimkehr aus dem Krieg nicht viel. Er verrichtete Hilfsarbeiten für die amerikanischen Soldaten in der Südkaserne. Auch Anna und ihre Schwester arbeiteten für die amerikanischen Soldaten, da der Vater herausgefunden hatte, dass Unterstützung beim Waschen der Uniformen gesucht und belohnt wurde. Die Seife, die dafür vorgesehen war, nutzte die Mutter lieber als Tauschware, da sie etwa ein Stück Butter bekommen konnte. Anna und ihre Schwester schrubbten die Wäsche der Soldaten stundenlang mit einer Bürste. Wenn die Uniformen dann an der Leine hingen, sahen sie wie aufgehängte Menschen aus. Ende der 40er Jahre lernte Anna bei den Schwestern der katholischen Elisabethkirche Haushalt zu führen. Später besuchte sie die Handelsschule, wurde Buchhalterin und arbeitete in diesem Beruf. 1956 heiratete Anna im Alter von 23 Jahren ihren Mann, sie blieben aber auch als Paar zunächst bei Annas Eltern wohnen. Mit 26 Jahren mieteten sie ihre erste eigene Wohnung. Bis Ende der 50er Jahre waren in Nürnberg überall Ruinen. 1963 und 1965 kamen ihre zwei Söhne Günther und Christian auf die Welt. Anna Hess begann wieder zu arbeiten als diese 11 und 13 Jahre alt waren. Mit ihrem Mann Josef lebten sie in ihrem Haus in der Gartenstadt, wo Anna Hess auch heute noch selbstständig lebt.

Anna Hess lebt heute in der Gartenstadt. Astrid Betz und Viktoria Weinhardt besuchen sie mehrfach und führten intensive Gespräche.
Literatur:
Astrid Betz, Doris Katheder, Anja Prölß-Kammerer, Sabrina Weyh: Erinnern nicht vergessen. Nürnberger Gedenkorte, Cadolzburg 2025
Martina Christmeier, Melanie Wager: Nürnberg – Ort der Reichsparteitage. Inszenierung, Erlebnis und Gewalt, Ausstellungskatalog, Schriftenreihe der Museen der Stadt Nürnberg, Band 23, hrsg. Thomas Eser, Nürnberg 2021
Michael Diefenbacher/ Wiltrud Fischer-Pache: Der Luftkrieg gegen Nürnberg. Der Angriff am 2. Januar 1945 und die zerstörte Stadt, Nürnberg 2004
Hanne Lessau: Das Reichsparteitagsgelände im Krieg. Gefangenschaft, Massenmord und Zwangsarbeit, Petersberg 2021













