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8 / 6 / 2022

„Was wir damals erlebt haben, glaubt uns heute keiner mehr!“

Erinnerungen an das Leben rund um das Valka-Lager in den 1950er Jahren

Noch heute ist das Valka-Lager vielen älteren Nürnberger_innen ein Begriff und weckt Erinnerungen, die durchaus sehr unterschiedlich sein können. Das Valka-Lager entstand auf dem Gelände des ehemaligen Reichsparteitagsteilnehmerlagers, das in der Kriegszeit als Kriegsgefangenenlager diente und in der Nachkriegszeit als Lager für „Heimatlose Ausländer“ oder wie es im Englischen hieß „Displaced persons“ verwendet wurde. Benannt wurde es nach der lettisch-estnischen Grenzstadt Valka, da in der ersten Zeit viele Bewohner_innen aus dieser Region kamen. Über 4000 Menschen aus 30 verschiedenen Ländern lebten zeitweise im Lager unter sehr schwierigen Lebensbedingungen.

Die Eltern Theresia und Anton Tomic mit ihrer ersten Tochter Monika.

Monika Tomic wurde 1951 im Windischbergerdorf, dem Lager für „Displaced Persons“ in Cham, geboren. Ihr Vater kam 1941 aus Tuzla in Jugoslawien nach Wien und später nach dem Krieg verschlug es ihn nach Cham. Im Windischbergerdorf kochte er für die Leute aus dem Lager und für diejenigen der Landbevölkerung, die sich auch bei der Essenausgabe für die „Heimatlosen Ausländer“ einreihten. Hier lernte er Monikas Mutter Theresia Pfeil-Schifter kennen und verliebte sich in sie. Wenig später kam Monika auf die Welt.

Mit „Klapperbussen“ wurde die junge Familie nach Nürnberg gebracht und bezog eine Wohnung in den Steinbaracken, die zu Beginn der 50er Jahre in unmittelbarer Nähe des Valka-Lagers gebaut worden waren. Von hier aus wollten sie nach Brasilien, Kanada oder Australien auswandern. Die Ausreisepapiere hatten sie schon, doch da kam Monikas Schwester Olga in der Krankenhausbaracke auf die Welt und ein Jahr später Bruder Anton. Die junge Oberpfälzerin Theresia bevorzugte es, mit den kleinen Kindern in der Heimat zu bleiben. Vier Jahr später kam die jüngste Schwester Edeltraud auf die Welt.

Vater Anton Tomic beherrschte die deutsche Sprache, war vielseitig geschickt und fand immer Arbeit: Zunächst als Koch beschäftigt, legte er später für den Tiergarten in Nürnberg neue Wege an. Nicht selten besuchten Monika und Olga ihren Vater dort.

Die Schwestern erinnern eine spannende Welt, da so nah beieinander Menschen aus vielen verschiedenen Ländern miteinander lebten. Viele hatten auch sehr traurige Geschichten zu verarbeiten, Väter waren teilweise vermisst oder mit Kriegsverletzungen zurückgekommen. Viele fanden keine Arbeit oder konnten sich aufgrund mangelnder Sprachkenntnisse nicht verständigen und schwer integrieren. Auf engstem Raum wurde gefeiert, gestritten, häufig einander ausgeholfen und sehr viel Alltag miteinander geteilt. So wurden auch die Tomic-Kinder überrascht, als ihr katholischer Vater plötzlich mit dem muslimischen Nachbarn Ibrohimervic auf dem Teppich am Boden kniete und betete. Ein anderes Mal diskutierten ein bosnischer und ein serbischer Nachbar mit ihrem kroatischen Vater so heftig, dass ein Schuss schließlich an die Decke losging. Glücklicherweise wurde keiner verletzt, aber das Loch in der Decke erinnerte noch lange an diesen Streit.

Olga steht vor dem Eingang der Steinbaracke, hinter ihr steht ihr kleiner Bruder Anton.

Die Erinnerungen der Schwestern sind weit positiver als der Ruf, den das Lager damals in der Nürnberger Presse hatte. Auch die Bewohner anderer Stadtteile kultivierten die üble Nachrede und erlaubten ihren Kindern nicht die Freunde im und rund ums Valka-Lager zu besuchen. Engagierte Lehrer setzten sich ein und unterrichteten bewusst gemischte Klassen der verschiedenen Wohnsiedlungen, die nach und nach gebaut wurden: Hierzu zählt beispielsweise neben der Werkvolksiedlung, die Photo-Porst-Siedlung sowie die ECA-Siedlung, die von der amerikanischen Economic Cooperation Administration erbaut wurde. Im Winter entfiel zuweilen der Schulbesuch, da nicht geheizt werden konnte. Im Sommer wurde der Unterricht ins Freie verlegt, wenn es zu heiß im Klassenzimmer wurde. Hilfsorganisationen boten den Kindern auch Ferienaufenthalte in den Niederlanden und der Schweiz an, in Familien, die sich um die Kinder kümmerten.

1960 wurde langsam begonnen, das Lager aufzulösen. 1964 wurden die Steinbaracken endgültig abgerissen. Die Familie Tomic zog in die wbg-Neubauten in der Salzbrunner Straße. Ihre Mutter arbeitete in der Druckerei Maul & Co, die direkt gegenüberlag. Besonders schön war es, wenn Monika und Olga Besuch bekamen von den Freundinnen, die auch in andere Stadtteile gezogen waren.

Das Amt für Kultur und Freizeit bietet in der Reihe „Langwasser. Neu. Entdecken.“ in Kooperation mit dem Dokumentationszentrum Reichsparteitagsgelände die Zeitzeugenveranstaltung „Leben rund um das Valka-Lager in den 1950er Jahren“ am 14.06.2022 im Gemeinschaftshaus Langwasser an. Die Schwesternpaare Monika und Olga sowie ihre Kindheitsfreundinnen Anna und Maria berichten im Gespräch mit Nina Lutz vom Dokumentationszentrum Reichsparteitagsgelände aus ihrer Kindheit.

Weitere Informationen zur Zeitzeugenveranstaltung

Flyer zur Veranstaltungsreihe „Langwasser. Neu. Entdecken.“
(PDF-Datei 3,46 MB)

Bildnachweis für alle Fotos: Monika Riedel und Olga Nikol


Dr. Astrid Betz ist wissenschaftliche Mitarbeiterin im Dokumentationszentrum Reichsparteitagsgelände. Sie kennt ihre Nachbarin Monika Riedel seit zweiundzwanzig Jahren und hört ihre spannenden Geschichten aus der Kindheit und Jugend im Valka-Lager immer wieder gerne. Die Erlebnisse sind so vielfältig, dass die Schwestern Monika und Olga, immer etwas Neues zu berichten wissen.

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