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27 / 1 / 2022

Typisch düster – mit fröhlichen Momenten

Hamed Eshrat gestaltet „Behind the Scenes“ im Stil der Graphic Novels

War es Zufall oder Fügung? Als Hamed Eshrat sein Buch „Nieder mit Hitler!“ im April 2019 im Dokumentationszentrum Reichsparteitagsgelände vorstellte, suchte das Team dort gerade einen Zeichner für ein ambitioniertes Projekt. Und nun wird das erste Serious Game „Behind the Scenes – Nuremberg ‘34“ die Handschrift und den feinen Strich des 42-Jährigen tragen.

„Ich habe noch ordentlich was zu tun“, sagt Hamed Eshrat. Der Lockdown hat den Künstler, der mit Frau und Kindern in Berlin lebt, zurückgeworfen. Er arbeitet Schicht: morgens Kinder betreuen, nachmittags zeichnen. „Ich habe zwei Arbeitsmodi, entweder arbeite ich an einem Stück oder peu á peu.“

Der Berliner Zeichner Hamed Eshrat.

Aktuell ist es die Figur des Fred, der ihn beschäftigt. Der jüdische Junge ist Hamed Eshrat besonders ans Herz gewachsen. Denn er steht für die Jugendlichen und für die Menschen, die die Nationalsozialisten nach der Machtergreifung 1933 systematisch entrechteten und schließlich im Holocaust vernichteten. Der Clou in „Behind the Scenes – Nuremberg ‘34“ ist dabei: Die Charaktere aus dem Serious Game sind historisch verbrieft. Auch wenn die Personen eine Erfindung sind, ihre Erfahrungen und ihre Erlebnisse entsprechen denen von realen Menschen dieser Zeit.

Stuck in der Beletage und gezeichnete Emotion

Schon deshalb muss die Szene im Wohnzimmer der jüdischen Familie möglichst getreu sein. „Ich wohne selbst in einer Altbauwohnung, wir haben in der Beletage selbst Stuck und alte Türen – das hilft“, sagt der Zeichner. Ohnehin hat er für das Serious Game einen expressiven Zeichenstil gewählt, der Details anreißt – sie aber nicht ausformuliert. Eher kommt es darauf an, die Atmosphäre der jeweiligen Szene zu schildern und Emotionen zu verdichten. Etwa, wenn Fred und seine Schwester an der Tür lauschen, während drinnen die Erwachsenen über die Politik der Nationalsozialisten und die bedrohliche Veränderung ihres Lebens sprechen.

„Die historischen Abläufe, das ist nicht so einfach, wie man sich das vielleicht vorstellt“, sagt Hamed Eshrat, „aber es ist befriedigend, ein tieferes Verständnis zu entwickeln“. Er selbst ist Jahrgang 1979, kam mit sechs Jahren mit seiner Familie aus dem Iran nach Deutschland. Weil er hier zur Schule ging und später Visuelle Kommunikation studierte, ist ihm die deutsche Geschichte natürlich bekannt – doch er nähert sich unbefangen und ohne familiäre Verstrickungen. Vielleicht hat er gerade deshalb so großes Interesse an der Zeit. In „Nieder mit Hitler! – oder warum Karl kein Radfahrer sein wollte“, schildert er den wahren Lebenslauf von Karl, der 1943 Flugblätter gegen das Nazi-Regime verteilte und in den 1960er Jahren von der DDR als Stasi-Mitarbeiter gewonnen werden sollte.

Cover des Buchs „Nieder mit Hitler!“. Bildnachweis: Hamed Eshrat/ avant verlag

Monatliche Arbeitspakete voll historischer Dokumente

Während er in „Nieder mit Hitler!“ auch als Co-Autor fungierte, ist Hamed Eshrat für das Serious Game vor allem als Zeichner tätig. Vom Team in Nürnberg wird er monatlich mit Arbeitspaketen versorgt, die auch historische Fotos und andere Dokumente enthalten. „Ich recherchiere auch zusätzlich, zum Beispiel welche Kleider man damals getragen hat oder wie eine Synagoge innen aufgeteilt ist.“ Gern hätte er auch Nürnberg in Augenschein genommen und die originalen Schauplätze besucht – doch Corona ließ das nicht zu.

Wegen der Pandemie wurden auch Besprechungen in den virtuellen Raum verlegt. „Es ist eine enge Zusammenarbeit, vor allem mit Sebastian Tröger. Aber wir hätten gern noch intensiver zusammengesessen“, sagt Hamed Eshrat. So aber senden die Beteiligten Material und Zeichnungen per Mail, stimmen sich telefonisch ab. „Mir ist wichtig, dass man den Figuren alles abnimmt. Gestik und Haltung, die sollen locker und trotzdem ernst rüberkommen.“

Figuren des Serious Game „Behind the Scenes – Nuremberg ‘34“.

Typisch düster?

Als Graphic Novel angelegt, ist „Behind the Scenes“ in gedeckten Farben gehalten. „Es sollte aber nicht typisch düster sein, sondern auch farbige und fröhlichere Abschnitte enthalten.“ Denn seine Herkunft aus dem Comic will Hamed Eshrat nicht verschweigen.

Parallel zu dem Nürnberger Projekt, das demnächst fertiggestellt werden soll, arbeitet der Zeichner schon an einer neuen Story. In „Coming of H“ erzählt er vom Aufwachsen in einer Kleinstadt bei Bielefeld, von Skateboard, Graffiti und den Problemen des Erwachsenwerdens. So gut, dass das Buch bereits die Finalistenrunde des Comicbuchpreises 2021 der Leibinger Stiftung erreicht hat.

Weitere Informationen zu Hamed Eshrat

Weitere Informationen zum Projekt

Ein Interview mit Patrick Ruckdeschel, der an der Entwicklung des Serious Games beteiligt ist


Bildnachweis für alle Fotos: Dokumentationszentrum Reichsparteitagsgelände, Zeichnungen: Hamed Eshrat

 

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