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4 / 8 / 2021

Zwischen Stechstangen, Rössern und Gauklern

Nürnberger Patriziersöhne auf der Stuckdecke

Ein herausragendes Gemälde des Nürnberger Malers Paul Ritter (1829-1907) findet seinen festen Platz im Stadtmuseum im Fembo-Haus. Es konnte im März 2021 durch die großzügige Unterstützung des Fördervereins Kulturhistorisches Museum Nürnberg e.V. für die städtischen Kunstsammlungen angekauft werden. Die historische Kulturmeile vom Rathaus zur Kaiserburg wird so um ein wichtiges Zeugnis Nürnberger Geschichte reicher.

Wohl kaum ein anderer deutscher Maler des späten 19. Jahrhunderts verstand es, mit einer Kombination verschiedener Bildgattungen den Charakter einer Stadt in deren kulturhistorischen Facetten auf so besondere Art zu erfassen und herauszustellen. Paul Ritter entwickelte eine Nürnberg-spezifische Bildart, die Stadtansichten wie Kircheninterieurs mit festlichen Ereignissen wie Einzügen, Hochzeiten, Taufen, Turnieren oder Abschiedsszenerien auf der Leinwand präsentiert. Seine Werke sind unter der Gattung „Kulturhistorische Bilder“ einzuordnen. Diesen Gedanken des Kombinierens verschiedener Gattungen kennt man aus dem Ouevre Karl Friedrich Schinkels.

Er wählte einen populär wirkenden Darstellungsstil, der die Öffentlichkeit Nürnbergs besonders ansprach und den die Nürnberger als Besonderheit erkannten und verherrlichten; ein bewusstes „Schauen“ auf die historische Stadt zu initiieren und den Blick darauf zu schärfen, darauf zielte er ab. In häufig monumentalen Formaten spezialisierte er sich darauf, historische Szenerien vergangener Großereignisse in gesteigert dargestellte, bühnenhafte Architekturkulissen einzubauen. Er verstand es, Architektur und historische Szenerie zu einem harmonischen Ganzen zu verweben, so dass beide Gattungen, Architekturmalerei und Historienmalerei, gleichberechtigt nebeneinanderstehen.

Innenraumdarstellungen, sogenannte Interieurmalerei, mit einer Fokussierung auf eine architektonische Besonderheit kennt man in Ritters Werk von seinen Kircheninterieurs St. Lorenz und St. Sebald mit Blick auf das Sakramentshaus, den Engelsgruß und das Sebaldusgrab.

Hier ist es ein Ausschnitt aus den Räumlichkeiten eines öffentlichen Gebäudes der Stadt; zur Darstellung kommt der Gang im zweiten Stockwerk des Nürnberger Rathauses mit seiner außergewöhnlichen Ausstattung.

Eine Zeitreise durch die Jahrhunderte

Durch das Gemälde bekommen wir heute im 21. Jahrhundert eine Vorstellung vom imposanten Inneren des Wolff’schen Rathauses, wie er sich von seiner Erbauung an bis zur Zerstörung im II. Weltkrieg präsentierte, speziell von der herausragenden Arbeit der Stuckdecke sowie der Gemälde der Kaiserportraits im Gang des zweiten Obergeschosses als Akzente setzende Denkmäler.

Der Hauptgang im zweiten Stock des Wolff’schen Rathausbaues: Ansicht im Jahr 1888 und heute. Foto rechts: Theo Noll

Das inhaltlich sozialpolitisch geprägte Gemälde ist ein Werk des ausgehenden 19. Jahrhunderts. Der Maler Paul Ritter zeigt Architektur und Ausstattung, wie er sie zu seiner Zeit vorfand und setzt Zeitgenossen des öffentlichen Lebens, Nürnbergs politische Elite, ins Bild.

Das Gemälde lässt unsere Gedanken ins frühe 17. Jahrhundert schweifen, genau ins Jahr 1619, als Stadtwerkmeister Jakob Wolff d.J. mit der Gestaltung des Rathaus-Westflügels begann, heute bekannt unter dem Namen: Wolff´scher Rathausbau, hinter dessen beeindruckender Fassade und Räumen sich im zweiten Stockwerk der dargestellte Korridor mit der Stuckdecke von 1621 erstreckt. Größe und Bedeutung dieses Bauwerks werden so zusätzlich in den Fokus gestellt.

Das Motiv der Stuckdecke wiederum versetzt uns ins 15. Jahrhundert. Auf dieser ist ein Ereignis der Stadtgeschichte, das Gesellenstechen von 1446, plastisch ausgearbeitet. Historische Ereignisse, wie zum Beispiel Kaisereinzüge oder ein Turnier-Spektakel auf dem Marktplatz, setzte Ritter in den meisten seiner Bilder als figürliche Szenerien ins Stadtbild Nürnbergs; in diesem Bild ist das historische Ereignis Teil der Architekturmalerei. Die Decke wird zum Vermittler von Geschichte.

Philipp Walther: Gesellenstechen auf dem Gang des zweiten Stockwerks im Rathaus, Radierung; Johann Leonhard Schrag Verlag, Nürnberg, in: Mummenhoff, Blatt nach S. 154; Text S. 151-152. Bildnachweis: Kunstsammlungen der Stadt Nürnberg

Die beiden Kalkschneider Heinrich und Hans Kuhn von Weikersheim wurden dem Nürnberger Rat von Graf Philipp Ernst von Hohenlohe empfohlen. Sie traten 1621 in den Dienst der Stadt. Von den Stuckaturen, die sie ausführten, ist die Prunkdecke im zweiten Stockwerk als herausragendste Arbeit zu nennen. Sie zeigt das Gesellenstechen der jungen Patrizier, das am 28. Februar 1446 anlässlich der Hochzeit von Wilhelm Löffelholz mit der jungen Witwe Kunigunda Ebner, einer Tochter des Konrad Paumgartner, auf dem Marktplatz abgehalten wurde.

Die an der unteren wie oberen Galerie angebrachte Jahreszahl 1621, die vor der Zerstörung im Zweiten Weltkrieg noch sichtbar war, zeigte, dass die Stuckarbeiten in diesem Jahr vollendet waren. Die Decke würde in diesem Jahr ihr 400. Jubiläum feiern.

Als Vorlage für diese Stuckarbeit diente ein Gemälde, das Berthold Volkamer in seinem Haus in der Egydiengasse (heute Theresienstraße) in einer großen Stube auf ein ausgespanntes Tuch malen ließ. Es ging später in den Besitz des Nürnberger Ratsherrn Christoph Tetzel (gest. 1544) über. Mitte des 19. Jahrhunderts gehörte es Karl Heideloff.

Detail aus: Johann Philipp Walther: Das Nürnberger Gesellenstechen vom Jahr 1446, (nach der Decke im Gang des zweiten Stockwerks im Rathaus), Radierung; Johann Leonhard Schrag Verlag, Nürnberg 1853. Bildnachweis: Kunstsammlungen der Stadt Nürnberg

„Paare von Stechern, die sich zum Kampfe anschicken, auf einander losrennen, sich bedrängen, eins, das schon die Entscheidung des Kampfes in dem Sturz des einen Kämpfenden zur Anschauung bringt, dazwischen die sonst beteiligten Personen, die Kampfrichter in eifriger Unterhaltung, zu Ross haltende Patrizier, Herolde, Rüstmeister und Stangenführer, Zinkenbläser und Schalksnarren, außen an den Schranken die dem Spiel mit Aufmerksamkeit folgenden Zuschauer, während vom Portal der Frauenkirche 3 Zinkenbläser, die hier unter anderen Personen Stellung genommen, ihre lustigen Fanfaren ertönen lassen – alle diese Einzelheiten sind zu einem großen und einheitlichen Bilde zusammengefasst, das eine bedeutende Wirkung hervorruft, ja als ein wahres Meisterwerk bezeichnet werden muss.“¹

Die Decke umfasste einen Raum von ungefähr 280 Quadratmetern und zeigte zahlreiche teils als Hoch-, teils als Flachbilder hergestellte lebensgroße Figuren.

Wappen der Familien Pömer und Derrer, Detail aus einem Wappenbuch, Deckfarben auf Papier. Bildnachweis: Kunstsammlungen der Stadt Nürnberg

Auf Ritters Gemälde lässt sich aufgrund der Wappen ein Stecherpaar identifizieren. Sebald Pömer aus der Patrizierfamilie Pömer von Diepoltsdorf tritt gegen Georg Derrer aus der Nürnberger Kaufmannsfamilie Derrer von Unterbürg an. Es handelt sich um zwei erloschene Patriziergeschlechter.


Der erste Teil des Blogbeitrags stellt die beteiligten Personen der Beglückwünschungsszene vor.
Kaiserportraits an den Wänden – und Nürnbergs politische Elite mitten im Bild

Im dritten und letzten Teil erfahren Sie weitere Details zur prunkvollen Ausstattung des Rathausganges; dazu zählen die Renaissance-Kamine sowie die Kaiserportraits.
Heizen in göttlicher und kaiserlicher Gesellschaft


Dr. Silke Colditz-Heusl arbeitet als freischaffende Kunsthistorikerin in Nürnberg und forscht seit vielen Jahren zur Künstlerfamilie Ritter. Sie ist 1. Vorsitzende des Fördervereins Kulturhistorisches Museum Nürnberg e.V.
Unter anderem bietet Sie die zweiteilige Führung „Ritterlich durch die Stadt – Kulturgeschichte mal anders“ an, in der Stadtgeschichte über Themen und Motive aus den Werken Paul Ritters vermittelt wird und am Grab des Künstlers auf dem Johannisfriedhof endet.
Buchbar über
kunstservice-colditz.de

Wir bedanken uns für die freundliche Unterstützung bei Theo Noll vom Förderverein Kulturhistorisches Museum Nürnberg e.V. und bei Ludwig Sichelstiel von den Kunstsammlungen der Stadt Nürnberg.

¹ Mummenhoff S. 153

Literaturverzeichnis

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