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9 / 7 / 2021

Besuch bei einer Legende

Die unvergessliche Reise zu dem Fotografen Ewgenij Chaldej

Er ist eine Fotografen-Legende, seine Aufnahme vom Hissen der sowjetischen Flagge über dem brennenden Reichstag eine Ikone: Ewgenij Chaldej, dem das Memorium Nürnberger Prozesse derzeit eine Ausstellung widmet. 1995 besuchten Bernd Siegler und Günther Wittmann den Starfotografen in Moskau und drehten ein Porträt für die Medienwerkstatt Franken.

Jeder Drehtag begann mit einem Wasserglas voll Wodka und rotem Kaviar. Einen Versuch der beiden Journalisten, den Alkohol auf später zu verschieben, schlug Ewgenij Chaldej rigoros aus. Njet, geht nicht. „Das war alte russische Schule und einfach Pflicht“, erinnert sich Günther Wittmann. Aber irgendwie habe der Wodka sie nicht betrunken gemacht. Man müsse nur beim Wodka bleiben und dürfe nichts anderes trinken.

Ewgenij Chaldej in seiner Moskauer Wohnung, die auch sein Fotolabor und -Archiv beherbergte.

Überhaupt: Die Gastfreundschaft von Ewgenij Chaldej war überwältigend. Bernd Siegler berichtet von einer „ganz großen, warmen Offenheit“, mit der der damals 78-Jährige die Deutschen empfing. Dabei hatte er, der als junger Mann den Zweiten Weltkrieg erlebte und mit der Roten Armee von Murmansk über die Krim, durch Rumänien, Bulgarien und Ungarn marschierte und schließlich die Einnahme von Wien und Berlin ins Bild setzte, allen Grund zum Groll. Sein Vater und drei Schwestern waren 1941 und 1942 grausam von Deutschen ermordet worden. Den ganzen Umfang nazi-deutscher Verbrechen erfuhr er später, als er die Nürnberger Prozesse dokumentierte.

Böse Überraschung auf der Reise nach Moskau

Die Bedeutung von Chaldej und seines Werkes war Bernd Siegler und Günther Wittmann bewusst, als sie 1995 nach Moskau aufbrachen. Anlass war eine Ausstellung im Germanischen Nationalmuseum, das Porträt aus einer spontanen Idee heraus entstanden. „Ich wüsste von keinem anderen Fotografen, der die Rote Armee so weit begleitet hätte“, sagt Bernd Siegler. Er nahm Kontakt mit dem Galeristen Ernst Volland auf, der Chaldej hierzulande bekannt gemacht hatte, und engagierte die Dolmetscherin Ingrid Fenner. Im November 1995 stiegen sie zu dritt ins Flugzeug.

Blick auf die winterliche Stadt beim Anflug auf Moskau.

Für Günther Wittmann wurde es einer der nervenaufreibendsten Auslandsdrehs seiner journalistischen Karriere: Gleich bei der Einreise wurde seine Kamera konfisziert. Angeblich fehlten Zollpapiere. „Ich verlasse meine Kamera nicht“, insistierte er. Die Beamtin warnte: „Der Flughafen wird nachts sehr, sehr dunkel.“ Die Kamera blieb also in Verwahrung, und die Nürnberger verbrachten zwei der fünf Drehtage damit, „von Pontius zu Pilatus“ zu fahren und die erforderlichen Papiere zu besorgen. Es gelang.

Fotografien als Trigger der Erinnerung

„Wir haben uns dann behutsam, wie es unsere Art ist, angenähert“, berichtet Bernd Siegler. Nach dem Begrüßungswodka zeigte Ewgenij Chaldej seine Fotos, erzählte aus seinem Leben und den vielen bemerkenswerten Momenten: von Juden, denen er nach Kriegsende die gelben Sterne von den Kleidern riss; von den roten Tischdecken, die er aus Wien mitgebracht hatte und einen Schneider daraus eine große Fahne mit Hammer und Sichel darauf fertigen ließ. Chaldej schwelgte in dieser Erinnerung: „Das hätte Hitler nicht gedacht, dass ein Jude die Fahne näht und ein zweiter Jude sie auf dem Reichstag hisst.“

Tatsächlich hat Chaldej wohl viele seiner berühmten Fotografien inszeniert. Die rote Flagge beispielsweise hatte er außerdem am Flughafen Tempelhof und am Brandenburger Tor aufziehen lassen, bevor er den Reichstag zum ikonischen Motiv machte. Eines, das zudem zensiert wurde. Der Soldat auf dem Dach trug Armbanduhren links und rechts – hatte also geplündert. Auf Anweisung von oben retuschierte der Fotograf seine Aufnahme.

„Soldat mit Kamera“ im Dienst seiner Überzeugung

„Er hat sich nie gescheut, das zu erzählen“, sagt Bernd Siegler. Denn Ewgenij Chaldej verstand sich nicht als Dokumentarist der Geschehnisse, sondern in erster Linie als „Soldat mit Kamera“: So wählte er die Protagonisten seiner Aufnahmen bewusst aus und bezeichnete sie als „Darsteller“, in Murmansk steckte er sogar das Haus einer Nazi-Größe in Brand – für ein Foto.

Anders dagegen beim Prozess in Nürnberg, den er ein Jahr lang begleitete und dokumentierte. Seine Erinnerung aber wird dominiert vom guten Leben nach den Entbehrungen des Krieges. Die internationalen Berichterstatter waren im Faber-Castell-Schloss untergebracht und wurden von den Alliierten bestens versorgt. Ein paar Worte Deutsch sprach Ewgenij Chaldej immer noch, Bernd Siegler erinnert sich an die „großen Schnitzel“ – aber auch an die Genugtuung, mit der der Fotograf eine Begebenheit mit Hermann Göring schilderte. Beim Essen wollte der frühere Reichsmarschall, in Nürnberg als Angeklagter in Haft, nicht abgelichtet werden und beschimpfte Chaldej wüst. Ein Wachsoldat brachte Göring dann mit seinem Knüppel zur Raison…

Der sowjetische Fotograf Ewgenij Chaldej im Schwurgerichtssaal 600. Der Angeklagte Hermann Göring versucht sein Gesicht zu verbergen, Nürnberg 1946. Bildnachweis: Ewgenij Chaldej/ picture alliance/ ZB

Der Geruch von Entwickler und Zeitgeschichte

Der eigentliche Dreh spielte sich meist in der kleinen Wohnung von Ewgenij Chaldej ab. In der kleinen Küche gab es Tisch, Stuhl und Kühlschrank, der 16 Quadratmeter-Raum diente zugleich als Schlaf- und Wohnzimmer sowie als Dunkelkammer. „Auf uns wirkte das ärmlich“, sagt Günther Wittmann, für russische Verhältnisse war es wohl normal. Nie vergessen wird er die drei Vergrößerungs-Apparate, die alte Leica-Kamera und den Geruch von Entwicklerflüssigkeit. „Das hatte eine besondere Note.“

Im Film wirkt Chaldej aufgeräumt und gutgelaunt, wickelt nebenbei per Telefon Geschäfte mit seinen Bildern ab. Allein das Gehen fiel ihm schwer, auf einem Auge sah er kaum noch etwas. Trotzdem führte er die Journalisten aus Nürnberg auf den Roten Platz, vor seine ehemalige Zeitung und das Kaufhaus GUM. An diesen Originalschauplätzen präsentierte er seine Bilder. „Wir waren ziemlich blauäugig, und bauten die Kamera auf, ohne jemand zu fragen“, bilanziert Bernd Siegler heute. Doch obwohl das Team der Medienwerkstatt keine Drehgenehmigung hatte und als Touristen eingereist war, „hat alles funktioniert“.

Das Weiße Haus in Moskau – Sitz der Regierung der Russischen Föderation.

Die eindrücklichste Begegnung der Journalistenkarriere

25 Jahre nach dem Porträt sind beide Filmemacher noch stolz auf ihre Arbeit. Kameramann Günther Wittmann darauf, dass es ihm unter widrigen Bedingungen gelang, einen „Film heimzubringen“. Mit nur einem viel zu hellen Scheinwerfer für innen und schneematschig-grauen Novembertagen draußen, die so kalt waren, dass sie Moskauer Wodka in ihre Scheibenwischanlagen kippten. „Für mich als Journalist war es eine Leistung, dass Ewgenij Chaldej sich so weit geöffnet hat, dass er am Ende sogar auf der Geige seiner geliebten Großmutter für uns gespielt hat“, sagt Bernd Siegler. „Ich habe viele Reisen als Journalist gemacht, aber dies war für mich die eindrücklichste Begegnung.“

Eine unvergessliche Begegnung (v.l.n.r.): Bernd Siegler, Tochter Anna Chaldej, Ewgenij Chaldej und Günther Wittmann.

Wie er nach dem Dreh zum Flughafen gekommen ist, weiß er allerdings nicht mehr: Am letzten Abend schauten die Nürnberger mit der Dolmetscherin das Filmmaterial durch, Ingrid Fenner sprach die Übersetzung ins Diktiergerät. Dabei hatten sie dann die beiden Flaschen Wodka, die als Mitbringsel auf der Fensterbank standen, aufgemacht…

Das Memorium Nürnberger Prozesse zeigt das filmische Portrait der Medienwerkstatt Franken am Montag, 6. September 2021. Anschließend berichten die Filmemacher Bernd Siegler (Autor) und Günther Wittmann (Kameramann) über ihre Erlebnisse mit Ewgenij Chaldej während der Dreharbeiten in Moskau.
Ewgenij Chaldej – Fotograf der Weltgeschichte

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