Museenblog Nürnberg

Neueste Beiträge

Kategorien

10 / 6 / 2021

Hopfenhandel – Gelbes Gift und Grünes Gold

Hopfenanbau, Schwefeldunst und Umweltverschmutzung

Bis heute ist Nürnberg die unangefochtene Nummer Eins, wenn es um den Handel mit Hopfen geht. In seiner dreiteiligen Reihe erzählt Ralf Arnold, wie sich die Frankenmetropole zum wichtigsten Zentrum des weltweiten Hopfenhandels entwickeln konnte. Im zweiten Teil erfahren Sie, welche Bedeutung die Erlaubnis zum Schwefeln des Hopfens für den Standort Nürnberg hatte.

Entscheidend für den Erfolg der Nürnberger Hopfenhändler war die Aufhebung des seit 1830 bestehenden Schwefelverbots für Hopfen. Hopfen ist ein leicht verderbliches Naturprodukt. Zu den traditionellen Methoden der Konservierung gehörte neben einer sorgfältigen Trocknung an der Luft vor allem das Schwefeln – ein Verfahren, das auch bei der Haltbarmachung von Wein und Gemüse von alters her Anwendung fand.
Jedoch war das Schwefeln des Hopfens von der bayerischen Regierung 1830 untersagt worden.

Bevor sich die Nürnberger Hopfenhändler betreffs einer Aufhebung des Verbots an die Regierung in München wandten, holten sie sich zunächst Rat vom anerkanntesten Chemiker der damaligen Zeit, dem in München lehrenden Justus von Liebig. Sein Gutachten konnte die Nürnberger hoffnungsfroh stimmen, denn Liebig sah weder ein Gesundheitsrisiko in den Schwefelsäurerückständen noch eine Minderung der Qualität des Hopfens. Mit dieser wissenschaftlichen Rückendeckung suchten elf Nürnberger Hopfenhandlungen und drei Firmen aus Fürth, Lauf und Hersbruck um die Aufhebung des Schwefelverbots nach.

Wer war Justus von Liebig?

Im Jahre 1831 entdeckte Liebig – zeitgleich mit anderen Forschern – das Chloroform, das zwei Jahrzehnte später als eines der ersten Narkotika in der Medizin eingesetzt wurde. Vor allem aber war Justus von Liebig der Begründer der Agrochemie. Sein Hauptinteresse galt der Förderung der Landwirtschaft mit dem Ziel, die zum Teil verheerenden Hungersnöte der damaligen Zeit zu verhindern. In seinem Privatlabor widmete er sich von 1846 bis 1849 unter anderem der Entwicklung eines wasserlöslichen Phosphatdüngers. Das Ergebnis war das so genannte Superphosphat, das auch heute noch der weltweit meistverwendete Phosphatdünger ist. Der Dünger verbesserte die Ernte und dadurch die Nahrungsversorgung in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts außerordentlich. So ist beispielsweise in Deutschland die agrarische Produktion zwischen 1873 und 1913 um 90 % gestiegen.

Liebig erlangte durch seine Forschungen weltweite Anerkennung. Sein Laboratorium wurde zum Mekka für die Chemiker aus der ganzen Welt. Diesen berühmten Chemiker als Fürsprecher gewonnen zu haben, brachte den Hopfenhändlern auch den gewünschten Erfolg ein. Die entsprechende bayerische Verfügung vom 10. April 1858 bestimmte dann allerdings, dass das Schwefelverbot nur in Mittelfranken aufgehoben wurde. Zu dieser Zeit gab es in Nürnberg 25 Hopfenhändler. Wenige Jahre später waren es 364. Die Möglichkeit, den Hopfen durch das Schwefeln haltbar zu machen, förderte insbesondere den Export in alle Welt. Nürnberg als einziger Standort in Bayern, wo dies erlaubt war, erlangte einen uneinholbaren Vorsprung gegenüber anderen Hopfenmärkten. Die Stadt wurde zum weltweit wichtigsten Ort des Hopfenhandels.

Ab 1861 erschien in Nürnberg auch die Allgemeine bayrische Hopfen-Zeitung. Verlegt wurde sie von ihrem Gründer Johann Carl. Für Kaufleute, Hopfenproduzenten und Bierbrauer galt sie als unersetzbare Fachzeitung. Der Fachverlag Hans Carl existiert noch immer und bringt Fachzeitschriften für Bierbrauer heraus – allen voran die „Brauwelt“.

Der Hopfenhandel beschäftigte direkt oder indirekt Tausende von Arbeitern und Angestellten. Zu dem Büropersonal der Handelshäuser kamen die Einkäufer und Vertreter, Fuhrleute und Lagerarbeiter. Viele Nürnberger dürften daher schon aus eigenem Interesse mit Wohlwollen und einem gewissen Stolz auf die Leistung der Hopfenkaufleute geschaut haben.

Übliche Nebenwirkungen eines Wirtschaftsbooms

Jedoch waren die Menschen nicht einverstanden mit dem Preis, den sie in gesundheitlicher Hinsicht für das Geschäft mit dem Hopfen zu zahlen hatten. Denn die Schwefeldarren, wo Hopfen geschwefelt wurde, verpesteten die Luft.

Der Hopfen wurde geschwefelt und dann über Holzkohlefeuer getrocknet. Die dabei entstandenen Abgase enthielten viel Schwefeldioxyd. 1895 bliesen die Kamine von nicht weniger als 162 derartiger Anlagen tonnenweise Schwefeldioxyd in die ohnehin schwer belastete Nürnberger Luft. Vor allem die Bewohner der Lorenzer Stadthälfte lernten die Schattenseiten des Fortschritts kennen und beschwerten sich immer wieder bei den Behörden. Doch nichts geschah, der saure Regen fiel weiter, zerfraß Gemäuer, das Zaumzeug der Pferde, in den Wohnungen zerbrach selbst der stählerne Zeiger einer Uhr, von Schwefelsäure zerfressen. Es erhob sich Bürgerprotest gegen das Gelbe Gift, das dem Grünen Gold anhaftete. Die Hopfenhändler argumentierten, dass angesichts des bedeutenden wirtschaftlichen Aufschwungs durch den Hopfenhandel der Nutzen größer wäre als der Schaden.

Erst als sich ärztliche Kommissionen sowie Chemiker und technische Experten der Industrie-Schule des Problems der Luftverschmutzung annahmen, musste man reagieren. Allerdings konnte man sich nicht zur Stilllegung der Betriebe durchringen Es wurde nur der Bau neuer Schwefeldarren untersagt. Die Hopfenhändler wehrten sich mit Argumenten, die aus der heutigen Umweltdiskussion nur zu vertraut sind: Gesundheitsrisiken durch das Schwefeln wurden schlichtweg abgestritten. Sehr deutlich wurde darauf hingewiesen, wie Umwelt und Gesundheitspolitik im Zeitalter der Industrialisierung zu gewichten wären: „eine Fabrik- und Handelsstadt, und eine solche sei Nürnberg ausschließlich, berge stets Unannehmlichkeiten. Deren Vermeidung sei unmöglich, da die Rücksichten auf Handel und Industrie die in erster Linie maßgebenden sein müssten.“ So lautete die Argumentation der Kaufleute den städtischen Behörden gegenüber. Unternehmerische Freiheit wurde ebenso hochgehalten, und man drohte mit der Abwanderung in andere Städte. Als einzige Maßnahme wurde eine Erhöhung der Kamine durchgesetzt und eine Erhitzung der Abgase, um sie in höhere Luftschichten zu treiben.


Im ersten Teil erfahren Sie, wieso die unscheinbare Pflanze gerade in Franken einen derartigen Boom erlebt hat.
Hopfenhandel – Weltmarktführer Nürnberg. Fränkischer Hopfen in aller Munde

Im dritten und letzten Teil erfahren Sie, welche Kaufleute den Nürnberger Hopfenmarkt zur Blüte brachten.


Quellen:

Titelbild: Postkarte nach einem Aquarell von Heinrich Luckmeyer. Dreifarbendruck von E. Nister, Nürnberg. Verlag von Heerdegen-Barbeck in Nürnberg. Bildnachweis: Kunstsammlungen der Stadt Nürnberg

Dieser Beitrag wurde in Stöbern & Schmökern gepostet und mit , getaggt.
Schreibe einen Kommentar
Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Pflichtfelder sind mit einem * markiert.

*

*