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28 / 4 / 2020

Der Dompteur des Grünen Elefanten

Wie der frühere Trialfahrer Gustav Franke das legendäre Werks-Gelände-Gespann von Zündapp restaurierte

Wer Gustav Franke anstacheln will, muss bloß behaupten, dass etwas bestimmt nicht gelingen könne. Sätze wie „Sie wollen das machen, in Ihrem Alter?“ oder „Aber doch nicht allein!“ begleiteten sein jüngstes Projekt. „Da habe ich meine Wut gekriegt“, erzählt der 82-Jährige und hat mit der Restaurierung des „Grünen Elefanten“ bewiesen, was er kann: Das schwere Geländegespann von Zündapp ist eines der Glanzstücke im Museum Industriekultur.

Ehrlich gesagt, war der „Grüne Elefant“ bis vorletztes Jahr: Schrott. Nach dem Frontalzusammenstoß mit einem Transporter war der Rahmen verzogen, die Gabel hin und die Felgen zur Unendlichkeitsschleife gebogen. Der Seitenwagen, naja… Das Gespann lagerte im Depot des Museums Industriekultur. Bis Matthias Murko, früherer Leiter des Museums und leidenschaftlicher Motorradfan, Gustav Franke überredete. „Das“, sagte er, „wäre dein Meisterstück“.

Am Anfang stand ein Unfall-Motorrad als Basis.

Halsbrecherische Fahrten im Gelände

Die Zündapp KS 601 ist Nürnbergs legendärstes Motorrad. Produziert von 1951 bis 1957, erhielt die Maschine wegen ihrer großen Durchzugskraft und der lindgrünen Farbe den Spitznamen „Grüner Elefant“. Selbst in Wettbewerben starteten Serienmodelle, die – wie im Falle des Gespanns – nur geringfügig umgebaut wurden. Bilder von damals zeigen die Fahrer bei halsbrecherischen Manövern. Durch knöchelhohen Schlamm und über Feldwege ging es, der Mann im Seitenwagen klammerte sich an den Bügel und lehnte, wie beim Segeln, den ganzen Körper hinaus, um den „Grünen Elefanten“ mit seinem Gewicht zu stabilisieren.

Voller Einsatz im schweren Gelände, 1956. Bildnachweis: Archiv Sengfelder

Gustav Franke, der Restaurator, ist selbst erfolgreicher Geländefahrer gewesen. Der erfolgreichste deutsche Trial-Fahrer aller Zeiten sogar. „Die schweren Maschinen, das war mein Hobby“, sagt er. In den 1960er Jahren holte der Fürther zwei Europa-Meister-Titel der Klasse über 200 Kubikzentimeter, er wurde drei Mal Vize-Europa-Meister und neun Mal deutscher Meister. Den „Grünen Elefanten“ aber hat er nie gefahren.

„Mann mit den goldenen Händen“

Macht nichts, denn Gustav Frankes lebenslange Passion ist das Reparieren und Restaurieren. Als gelernter Automechaniker arbeitete er bei Schaeffler im Versuch- und Modellbau, hat – auch in den neun Jahren, als er Werksfahrer bei Zündapp war – die eigenen Motorräder in Schuss gehalten und verbessert. Franke gilt in Kreisen der Oldtimer-Begeisterten als „der Mann mit den goldenen Händen“.

Mit dem „grünen Elefanten“ hat er einen weiteren Beleg geliefert. Über Monate verschwand Gustav Franke in der Werkstatt hinterm Haus. Manchmal arbeitete er bis abends um 20 Uhr. „Das war wie eine Sucht, da vergeht die Zeit sowas von rasend“, erzählt er. Als erstes hat er eine gebrauchte Gabel eingesetzt und auf Hochglanz poliert, hat neue Räder eingespeicht und der Maschine einen extra-großen Büffeltank aufgesetzt. Die Herausforderung: Das Geländegespann sollte nicht nur aussehen wie neu, es musste auch laufen.

Der extrem rare Schorsch-Meyer-Tank wurde schließlich in Dänemark gefunden.

Einige Teile besorgten Freunde aus der Szene und das Museum Industriekultur, vieles hat Gustav Franke aber von Grund auf neu gemacht, den Seitenwagen zum Beispiel. Das ursprüngliche „Boot“ war schwer beschädigt, im Wettkampf fuhren die Gespanne ohnehin mit abgerundetem Seitenwagen. Also hat der Tüftler Bleche zugeschnitten, mit Gurten in die Rundung gezwungen und die Nähte geschweißt – und diese dann mit der Flex glattgeschliffen. Knifflig, denn gebogen ist der Seitenwagen nicht nur in eine Richtung. Die Rohre für die Bügel stopfte er mit Sand, bevor sie erhitzt und damit biegbar wurden.

Das wichtigste Werkzeug: Einfallsreichtum

Eine Drehbank, seine Flex und vor allem sein Einfallsreichtum sind Frankes Werkzeuge. Es macht ihm Spaß, eigene Lösungen zu finden und Verbesserungen zu erreichen. So hat er den Seitenwagen so modifiziert, dass der Stauraum im Seitenwagen – werksseitig einfach verschweißt – nun zugänglich ist.

Während der Restaurierung schaute Matthias Murko vom Museum Industriekultur oft vorbei, den Fortschritt der Arbeit begleiteten auch die Experten Günter Sengfelder und Jochen Zarnkow. Sie zogen Fachmagazine zu Rate und berieten immer wieder mit Gustav Franke, wie der „Grüne Elefant“ aussehen sollte.

Mit ästhetischem Gespür

Dabei hat Gustav Franke aber auch eigene ästhetische Vorstellungen durchgesetzt. Der Autosattler steppte das Leder der Sitzbank feiner und schöner ab, als es der „Grüne Elefant“ je hatte und fertigte ein elegantes Sitzpolster für den Kotflügel. Franke sorgte auch dafür, dass die Startnummer 76 nicht – wie es bei den Wettbewerben der Fall war – vor die Lampe geklebt wurde, sondern auf den Seitenwagen gemalt ist. „Eine Erinnerung an Georg Weiß, den Sportleiter von Zündapp“, sagt Gustav Franke. Er bestand auch darauf, dass die Seitenlampe nicht vorn auf dem Seitenwagen sitzt, sondern auf dem Kotflügel.

Die fertige Maschine wird präsentiert von Gustav Franke (Mitte), Jochen Zarnkow (links) und Matthias Murko.

„Das ist mir halberts gelungen“, sagt Gustav Franke mit fränkischer Bescheidenheit. Bis auf Lack und Leder ist der „Grüne Elefant“ als Zündapp-Werksgespann, das seit 2019 die Dauerausstellung im Museum Industriekultur bereichert, sein Werk. Das Wichtigste: Die Maschine schaut nicht nur aus wie neu, sie fährt auch!

Die Geschichte des legendären Motorrads erzählt auch eine Online-Ausstellung bei Google Arts & Culture
Der „Grüne Elefant“

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