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19 / 12 / 2019

„Das Leben kehrt zurück“

Friedrich Neubauer – Chronist des Nürnberger Wiederaufbaus

Wer kann sich noch an die zerklüfteten, zerbombten, zerstörten Städte in Deutschland 1945 erinnern? Viele jüngere Generationen wohl nicht. Vor allem Nürnberg gehörte zu den am stärksten vom Zweiten Weltkrieg betroffenen Städten in Deutschland. Die „Stunde Null“ war der 3. Januar 1945, denn am Tag zuvor wurde die Altstadt nahezu dem Erdboden gleichgemacht.

Einer der zahlreichen Künstler, die hier lebten, begleitete diese „Stunde Null“ des jungen Nachkriegsdeutschland mit Pinsel und Stift in mitunter fröhlich-anarchischen Szenerien: Friedrich Neubauer, geboren 1912 in Nürnberg. Nach Anfängen als Architekt – zunächst ab 1940 im Dienste des NS-Staates, ab 1949 für die Oberpostdirektion (das Gebäude, in dem er tätig war, stand bis vor kurzem neben dem Hauptbahnhof) – malte und zeichnete er unablässig, bis er erst im hohen Alter ausschließlich seiner Kunst nachgehen konnte. Vor allem aber in den Jahren nach 45 war er – offiziell arbeitslos – ein Chronist des sich wieder entwickelnden Lebens in der Noris, das sich, allem Kriegsleid zum Trotz, erneut entfaltete.

Friedrich Neubauer: St. Sebalduskirche nach der Zerstörung 1945. Federzeichnung, undatiert.

Der junge Künstler hatte an der TU zunächst in München, später in Stuttgart studiert und besaß als Architekt ein geübtes Auge für die Bauten seiner unmittelbaren Umgebung, denn er war in der Lorenzer Straße als Sohn der dortigen Polsterei „Neubauer“ (heute noch ein Möbelgeschäft) aufgewachsen. Damals war Neubauers Haus bis auf die Grundmauern zerstört. Dass er mit Verve und positiver Gesinnung die sich anbahnende Neuzeit beobachtete, beweisen die zahlreichen Zeichnungen, mit deren Anfertigung er damals begann.

Friedrich Neubauer: Neubau der Stadtsparkasse Nürnberg, Bleistiftzeichnung, aquarelliert, um 1971.

Darüber hinaus konnte er als Autodidakt, der sich an den Künstlern der Vergangenheit geschult hatte, in nahezu jedem beliebigen Stil zeichnen und malen. Besonders gerne widmete er sich dem krakeligen Stil des Comics, mit dem er in skurrilen „Wimmelbildern“ die Begleiterscheinungen des Alltags schilderte: Baden im Bombentrichter, am Horizont die Ruinen als wenig idyllische Silhouette, und dennoch ein fröhliches Miteinander jener, die den Schrecken des Krieges entgangen waren … Die offenen Wände, in denen die Bewohner der Wohnungen ein unfreiwilliges „Freiluft-Dasein“ führten, daneben die Trümmer der Kirche St. Sebald – alles kaum vorstellbar, und doch damals Realität, wie ein Vergleich mit Fotografien jener Zeit beweist. Friedrich Neubauer zeichnete wie ein Stenograf alles auf, was er sah, geübt und versiert – über viele Jahre hinweg.

Friedrich Neubauer: Wiederaufbau eines Wohnhauses in der Nürnberger Altstadt, Bleistiftzeichnung, 1969.

Kaum bemerkt von seiner Umgebung wurde er auf diese Weise zum „Chronisten des Wiederaufbaus“, der bis in die 1970er Jahre hinein anhielt, als zum Beispiel die Gräben für die U-Bahnen ausgehoben wurden: Die Kaiserstraße war eine Baugrube! Die Spitze des „Weißen Turmes“ wurde teilweise abgetragen, um darin eine U-Bahn-Station zu errichten. Ob Hoch- oder Tiefbau, es gab kaum einen Platz, der keine Baustelle gewesen wäre. So war der Hauptmarkt über Jahre hinweg ein Baukran-Domizil. Das Heilig-Geist-Spital, einzelne Großbauten wie die Sparkassen und Banken, entstanden damals. Man nutzte die „Gunst der Stunde“, die neue Möglichkeiten schuf.

Friedrich Neubauer: Wiederaufbau des Heilig-Geist-Spitals mit Schuldturm links. Kaltnadelradierung koloriert, 1964.

Die Auseinandersetzungen um die Frage „Rekonstruktion oder Neues Bauen?“ wurden damals noch intensiver geführt als heute, sodass Neubauer im „Dürer-Jahr 1971“ den alten Meister im Hubschrauber über die Noris fliegen ließ, wobei dieser mit Schrecken feststellte, dass die moderne Stadt nur eines vermissen lasse: Einen Flughafen! – Was heute bekanntlich nicht mehr der Fall ist.

Friedrich Neubauer: Der 500. Geburtstag … und den Landeplatz vergessen!! Federzeichnung, 1971.

Der Gesinnungskrieg der beiden Fraktionen „Modernisten“ und „Altstadtfreunde“ hatte aber auch ein Gutes: Heute ist Nürnberg eine lebendige Stadt mit zahlreichen Neubauten, die dennoch in eine liebevoll rekonstruierte Altstadt eingebettet sind. Der den Streitern damals kaum bewusste demokratische Prozess (!) spiegelt sich heute im Konstrukt einer modernen und zugleich mittelalterlichen Stadt, deren Narben nur noch am Rande ins Bewusstsein der Touristen dringen.

Friedrich Neubauer: Altes und Neues Rathaus in Nürnberg, Collage, undatiert.

Der 2004 verstorbene Künstler-Architekt Friedrich Neubauer selbst konnte nicht ahnen, welche Aufmerksamkeit sein Schaffen eines Tages erregen würde. Zu verdanken ist dies seiner Nichte und heutigen Geschäftsführerin des Möbelhauses Neubauer Claudia Schweizer, die den Nachlass erbte und nun mit einer großzügigen Schenkung der Werke an die Kunstsammlungen der Stadt Nürnberg zu einer neuen Beachtung ihres Künstler-Onkels beitrug. Eine Auswahl der Wiederaufbau-Bilder wird derzeit im Möbelhaus Lorenzer Straße 5 gezeigt. Friedrich Neubauers reiches Gesamtwerk hat hier einen Galerieraum gefunden, der darüber hinaus sein Gesamtwerk dokumentiert. Claudia Schweizer, geborene Neubauer, plant nach einem ersten Werkverzeichnis, ein weiteres Buch über die Wiederaufbau-Bilder Friedrich Neubauers herauszugeben: Künstler-Leben und Nachleben.

Friedrich Neubauer: Selbstporträt, 1932.

Claudia Schweizer: Friedrich Neubauer. Architekt – Maler – Grafiker
Seubert Verlag, 2017
ISBN 978-3-947092-01-7

Weitere Bilder von Friedrich Neubauer


Dr. phil. Birgit Rauschert ist Kunsthistorikerin. Sie widmet sich neben der Kunst der „Verfemten“ des 20. Jahrhunderts u.a. dem Thema „Nürnberger Künstlerinnen des Barock“ sowie der italienischen Frührenaissance. Als Museumsexpertin hat sie in den letzten Jahrzehnten u.a. das „Felix-Müller-Museum“ in Neunkirchen a. Br. gegründet sowie Ausstellungen zu Vertretern alter wie zeitgenössischer Kunst kuratiert.

2 Kommentare zu “„Das Leben kehrt zurück“

  • Roland Warten
    31 / 1 / 2020 | 21:39

    Sehr geehrte Frau Rauschert,
    sofern sie für den Text verantwortlich sind, gestatten Sie mir bitte einen Hinweis: Auf der Zeichnung mit Meister Dürer im Hubschrauber ist von einem fehlenden L a n d e p l a t z die Rede, nicht von einem Flughafen. Als Senkrechtstarter (und -lander) kommt ein Hubschrauber mit einem Landeplatz aus. Das war Meister Neubauer im Dürerjahr 1971 sicher ebenso bekannt, wie die Tatsache, dass der Flughafen Nürnberg 1955 (!) den regulären Flugbetrieb aufnahm. Hätte Dürer in seinem Jahr (gemeint ist das von 1971) dort landen wollen, hätte er ausreichend Platz dafür vorgefunden.

  • Birgit Rauschert
    3 / 2 / 2020 | 18:33

    Danke für Ihren Hinweis, sehr geehrter Herr Warten! Die Karikatur bezog sich damals tatsächlich auf die utopischen Pläne, die Stadtmauer mit Terrassenhäusern u.a. Bauten zu bestücken. – Sie wurden m.W. glücklicher Weise nicht verwirklicht!

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