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16 / 5 / 2019

„So wer bin ich? Cecilie Klein, lebend unter euch mit leichten Kopfschmerzen.“

Informationstafeln erinnern an das KZ-Außenlager Nürnberg-Süd

Am 13. Mai 2019 wurden an der Julius-Loßmann-Straße, gleich gegenüber dem Haupteingang des Nürnberger Südfriedhofs, zwei große Informationstafeln der Öffentlichkeit übergeben. Sie erinnern an 550 jüdischen Frauen und Mädchen, die hier in einem Außenlager des KZ-Flossenbürg gefangen gehalten wurden und für die Siemens-Schuckertwerke Zwangsarbeit leisten mussten. Im Oktober 1944 hatte man die meist aus Ungarn stammenden Jüdinnen in Viehwaggons vom KZ Auschwitz-Birkenau aus nach Nürnberg transportiert. Wahrscheinlich sind etwa 40 der Frauen und Mädchen bei diesem Transport gestorben.

Feierliche Übergabe der Informationstafeln: Am Rednerpult Frank Hotze (Mitglied des Vorstands Bunter Tisch Gartenstadt und Siedlungen Süd), Jo-Achim Hamburger (Vorsitzender der Israelitischen Kultusgemeinde Nürnberg), Thorsten Brehm (Stadtrat, Vertreter der Stadt Nürnberg), Karl Freller (Direktor der Stiftung Bayerische Gedenkstätten) und Alexander Schmidt (Dokumentationszentrum Reichsparteitagsgelände) (von rechts nach links).

Es hat lange gedauert, bis fast 75 Jahre nach ihrer Ankunft auch im Stadtbild an diese große Gruppe jüdischer Häftlinge in Nürnberg erinnert wurde – „zu lange“, wie auch der Direktor der Stiftung Bayerischer Gedenkstätten Karl Freller bei der Übergabe der Tafeln in seiner Rede meinte. Initiiert wurden die Aufstellung der Tafeln von Bunten Tisch Gartenstadt, deren Vorsitzender Frank Hotze auf den langsamen Prozess der Wiederentdeckung der Geschichte dieses KZ-Außenlagers hinwies. Recherchen des Stadtarchivs Nürnberg hatten in den 1990er Jahren erste Kontakte zu Überlebenden des KZ-Außenlagers gebracht, 2006 konnte das Stadtarchiv im Nürnberger Verlag testimon das geheim im Lager entstandene Tagebuch von Ágnes Rózsa unter dem Titel „So lange ich lebe, hoffe ich“ veröffentlichen. Als Vertreter der Stadt Nürnberg betonte der SPD-Stadtrat Thorsten Brehm in seinem Grußwort, wie wichtig Nürnberg auch gerade die Erinnerung an die Opfer nationalsozialistischer Politik sei.

Der Chor Hawa Naschira unter der Leitung von Arkadij Pevtsov. Foto: Rudi Ott

Der Vorsitzende der Israelitischen Kultusgemeinde Jo-Achim Hamburger wandte sich energisch gegen wachsende antisemitische Tendenzen und einen zunehmend aufkommenden israelbezogenen Antisemitismus. Alexander Schmidt vom Dokumentationszentrum Reichsparteitagsgelände hatte die Texte der Tafeln verfasst, die nicht nur den Ort des KZ-Außenlagers im Stadtbild markieren sollen, sondern vor allem auch eine (späte) Würdigung der hier gefangenen jüdischen Frauen und Mädchen darstellen.

Die Schülerinnen der Georg-Holzbauer-Mittelschule warten konzentriert auf ihren Einsatz. Foto: Rüdiger Löster

Umrahmt wurde die Übergabe der Informationstafeln vom Chor Hawa Naschira der Israelitischen Kultusgemeinde Nürnberg unter der Leitung von Arkadij Pevtsov. Schüler und Schülerinnen der Georg-Holzbauer Mittelschule trugen Interviewpassagen der in Nürnberg inhaftierten Zuzsanna Perl Eva Keszler vor sowie das Gedicht „Vater“ von Cecilie Klein.

„Verurteilt zum Leben“ – Cecilie Klein

Nicht nur in Nürnberg wollte man nach 1945 wenig von der Geschichte der Opfer des NS-Regimes wissen. Cecilie Klein, Überlebende des KZ Auschwitz-Birkenau, des KZ-Außenlagers der Siemens-Schuckertwerke im Nürnberger Süden und des KZ-Außenlagers Holleischen, stellt zu Beginn ihres Buchs Sentenced To Live (Verurteilt zum Leben) die Frage: „Wer bin ich?“ Zutiefst innerlich getroffen von der Verfolgung als Jüdin und von den Erlebnissen in den Lagern, beschreibt sie die Ignoranz der Nachkriegsgesellschaft, die von dem Terror und dem Leid in den Konzentrationslagern nichts wissen wollte. Viele Zeitzeugen brachte dies zum Verstummen, da man sie, wie Cecile Klein, mit ihrer Geschichte allein ließ.

Cecilie Klein (rechts) und ihre Schwester Mina, 1947.

„Wir hatten uns in die Welt einzufügen“ schreibt Cecilie Klein weiter. „Aber, wenn meine Kinder mich fragten: ‚Mutter, warum weinst Du denn?‘ antwortete ich: ‚Nur etwas Kopfschmerzen, meine Lieben.‘ So wer bin ich? Cecilie Klein, lebend unter euch mit leichten Kopfschmerzen.“

Cecilie Klein hat ihre Erlebnisse auch in Gedichten verarbeitet, die sie 1985 in einem kleinen Band veröffentlichte.

Ágnes Rózsa, Zuzsanna Perl und Magda Watts – jüdische Frauen im KZ-Außenlager der Siemens-Schuckertwerke

Die wichtigste Quelle zur Geschichte des KZ-Außenlagers ist das Tagebuch von Ágnes Rózsa, das 1971 erstmals in Ungarn als Buch erschien und 2006 in deutscher Übersetzung veröffentlicht wurde. Das Tagebuch bietet einen eindrucksvollen Einblick in den Alltag des Lagers, es beschreibt die menschenunwürdigen Verhältnisse und bietet zugleich der Verfasserin Halt und einen Rückzugsraum inmitten des KZ-Systems: Schreiben ist für Ágnes Rózsa auch eine Überlebensstrategie.

Zuzsanna Perl hat auch dank der Hilfe der Siemens-Arbeiterin Hilde Heck überlebt. Hilde Heck ist ein Beispiel dafür, dass man sich keineswegs dafür entscheiden musste, mit Gleichgültigkeit oder gar Aggressivität auf die nach Nürnberg verschleppten jüdischen Frauen und Mädchen zu reagieren. Jahrzehnte später hat Zuzsanna Perl Hilde Heck gesucht und gefunden.

Auch Magda Watts fand einen ungewöhnlichen Weg, die Lagerhaft zu überstehen. Sie begann im Nürnberger KZ-Außenlager, Puppen zu basteln – für sich als Trost und Halt, aber auch für Bewacherinnen im Tausch gegen Nahrung. Als Künstlerin in Israel hat sie ganze Museen mit ihren Figurengruppen ausgestattet. Eine ihrer Puppengruppen, die auf einer der Tafeln abgebildet und im Original in der KZ-Gedenkstätte Flossenbürg ausgestellt ist, zeigt die Jüdinnen in Nürnberg ängstlich zusammengekauert bei einem Bombenangriff.

Hunger, Kälte, Krankheiten, Gewalt – die Verhältnisse im Lager und bei Siemens-Schuckert

Die Zeitzeuginnen schildern in ihren Erinnerungen eindrücklich die Verhältnisse im Nürnberg KZ-Außenlager. Zwar waren sie hier der Nähe zu den Gaskammern und Krematorien des KZ Auschwitz-Birkenau entkommen, aber sicher waren sie auch in Nürnberg nicht. Weder die SS noch Siemens-Schuckert sorgten für ausreichende Ernährung, so dass quälender Hunger den Alltag im Lager und bei der Arbeit prägte. Die Frauen und Mädchen hatten meist nur ein dünnes Kleid und viele keine Schuhe. So mussten sie mit Papier oder Stofffetzen umwickelten Füßen zur Arbeit gehen – im Winter 1944/45 bei Minusgraden. Erkältungskrankheiten waren an der Tagesordnung, hinzu kam die oft willkürliche Gewalt von SS und den Aufseherinnen, die von den Siemens-Schuckertwerken selbst kamen.

Eine weitere Gefahr waren die Luftangriffe der Alliierten. Das Lager war schon vor Ankunft der jüdischen Frauen und Mädchen aus Auschwitz mehrfach getroffen worden. Nächte in der provisorischen Bunkeranlage gehörten von Anfang an zum Alltag im KZ-Außenlager Nürnberg-Süd. Als Ende Februar 1945 das Lager nochmals schwer getroffen wurde, verlegte man das KZ-Außenlager in das Zeltnerschulhaus nahe dem Opernhaus. Die Frauen wurden nun bei der Trümmerräumung eingesetzt, ehe man sie in die beiden Flossenbürger KZ-Außenlager Mehltheuer in Sachsen und Holleischen (Holýšov, heute Tschechien) transportierte. Dort wurden fast alle Jüdinnen lebend befreit.

Rechts das Areal des Südfriedhofs, links der Straße das durch Bombentreffer zerstörte Lager (US-amerikanisches Luftbild vom 11. April 1945). Bildnachweis: Stadtarchiv Nürnberg

Sieben Gräber ungarischer Jüdinnen, die in der Nachkriegszeit am Nürnberger Westfriedhof neben dem Krematorium bestanden, zeugen davon, dass es auch in Nürnberg Todesfälle gab – die genauen Umstände waren auch durch Ermittlungen der Justizbehörden nach 1945 nicht mehr zu klären.

Mitten im Wohngebiet – der Standort des KZ-Außenlagers

Das bereits 1943 errichtete „Barackenlager der Siemens-Schuckertwerke“ an der damaligen Katzwanger Straße bestand aus einigen Wohnbaracken, Baracken für die Rüstungsproduktion und einer Lagerküche. Innerhalb des Stacheldrahtzauns befanden sich außerdem eine provisorische Bunkeranlage, ein Löschwasserteich und einige Kartoffelmieten. Außerhalb des Zauns stand eine Baracke für die Bewacher. Das Lager war ursprünglich eines der vielen Zwangsarbeiterlager in Nürnberg. Vor den Jüdinnen aus dem KZ Auschwitz waren hier andere Zwangsarbeiter untergebracht. Ein Teil der jüdischen Frauen und Mädchen musste hier im Lager selbst für die Siemens-Schuckertwerke Bombenzünder herstellen, ein anderer Teil im Trafowerk auf der anderen Seite des Rangierbahnhofs an der Katzwanger Straße Zwangsarbeit leisten.

Das elende Leben der jüdischen Frauen und Mädchen in Nürnberg fand vor aller Augen statt. Das Lager lag schräg gegenüber dem Haupteingang des Südfriedhofs in direkter Nachbarschaft zur Wohnbebauung der Gartenstadt. Sogar eine öffentliche Straßenbahnlinie führte damals wie heute direkt am Lagergelände vorbei. Der Transport von Häftlingen zu den Siemensfabriken in der Südstadt erfolgte auch mit Sonderzügen der Nürnberger Straßenbahn.

Die Informationstafeln markieren mitten im Wohngebiet zwischen Gartenstadt und Siedlungen-Süd das ehemalige, lange vergessene Lagerareal. Foto: Alexander Schmidt

Späte Würdigung – die Informationstafeln und eine Einladung für den Oktober 2019

Die von Christof Popp (Lipopp, Nürnberg) in Anlehnung des Informationssystems auf dem ehemaligen Reichsparteitagsgelände gestalteten Tafeln markieren mitten im Wohngebiet zwischen Gartenstadt und Siedlungen-Süd das ehemalige, lange vergessene Lagerareal. Eine Gestaltung in Stahl zeigt die Lagerstruktur in der heutigen Wohnbebauung.

Bei der Übergabe der Tafeln am 13. Mai 2019 konnte keine der Zeitzeuginnen anwesend sein. Magda Watts war kurz zuvor verstorben. Recherchen des Bunten Tischs Gartenstadt machten aber eine weitere Überlebende des KZ-Außenlagers Nürnberg-Süd in Budapest ausfindig. Sie soll im Oktober 2019 nach Nürnberg eingeladen werden – 75 Jahre nach Ankunft der 550 jüdischen Frauen und Mädchen aus Auschwitz in Nürnberg.

Weitere Informationen zum KZ-Außenlager Nürnberg-Süd

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