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9 / 1 / 2019

Eine unwahrscheinliche Geschichte

Die Flucht zweier Kriegsgefangener 1944 und ihre Rekonstruktion Jahrzehnte später

Alles begann mit einem Fahndungsaufruf aus dem Jahr 1944. Bei den Recherchen zur Geschichte des Kriegsgefangenenlagers in Nürnberg-Langwasser stießen wir vor einigen Monaten auf eine kurze Meldung in der Beilage zum Deutschen Kriminalpolizeiblatt. „Vom Arbeitskommando 10022 in Nürnberg entwichene sowjetische Offiziere“, prangte es auf der Titelseite vom 5. August 1944, mit dem die Sicherheitsbehörden regelmäßig über Fluchten von Kriegsgefangenen informierten und damit Staatsbedienstete im ganzen Reich in die Lage versetzen wollten, Flüchtige zu identifizieren und zu ergreifen. Die Meldung enthielt dafür die Namen und Gefangenennummern von sieben sowjetischen Kriegsgefangenen. Und die Aufforderung: „Energische Fahndung! Festnehmen!“
Informationen zum Forschungsprojekt zum Kriegsgefangenenlager in Nürnberg-Langwasser

Fahndungsaufruf nach sieben sowjetischen Kriegsgefangenen aus Nürnberg, 5. August 1944.

Der Kugel-Erlass: Verbrecherischer Befehl zur Ahndung von Fluchtversuchen bei Offizieren

Fluchtversuche kamen häufig vor unter den Kriegsgefangenen im Deutschen Reich, allerdings glückten sie in den allermeisten Fällen nicht. Genaue Zahlen hierüber gibt es nicht. Nach dem zentralen internationalen Abkommen über die Behandlung der Kriegsgefangenen – Genfer Konvention von 1929 – war die versuchte Flucht kein Verbrechen und durften „Ausreißer“ nur disziplinarisch mit einigen Tagen verschärftem Arrest bestraft werden.

Im März 1944 erließ allerdings die Geheime Staatspolizei – in Abstimmung mit der Wehrmacht – einen verbrecherischen Befehl: Der sogenannte K-Befehl oder Kugelerlass diente als Rechtsgrundlage für ein fortan praktiziertes völkerrechtswidriges Vorgehen im Umgang mit versuchten Fluchten. Wiederergriffene flüchtige Offiziere sollten, so der Gestapo-Chef Heinrich Müller, in das Konzentrationslager Mauthausen (bei Linz) überstellt und dort erschossen werden. Rund 5.000 Kriegsgefangene fielen diesem Geheimbefehl zum Opfer und wurden in den Monaten bis zum Kriegsende in Mauthausen ermordet. Mit Abstand die größte Gruppe der „K-Häftlinge“ waren sowjetische Offiziere, die 85 Prozent der Getöteten ausmachten.

Die ersten beiden Seiten des überlieferten Fernschreibens vom 4. März 1944 (vollständig editiert https://www.uni-marburg.de/icwc/dateien/ntvol27.pdf, S. 424-428). Der „Kugelerlass“ selbst ist nicht überliefert.

Auch bei diesem Verbrechen zeigt sich der brutale und menschenverachtende Umgang mit den Gefangenen aus der Sowjetunion, der den Vernichtungskrieg der deutschen Wehrmacht bereits seit dem Angriff im Juni 1941 begleitet hatte. Dabei war für sowjetische Soldaten die Flucht aus der Gefangenschaft von Anfang an ein lebensbedrohliches Wagnis. Wieder ergriffene Rotarmisten wurden bereits vor dem K-Befehl nach gescheiterten Fluchtversuchen in Konzentrationslager überstellt und ermordet.

„Wiederergriffen“ – Das ungeklärte Schicksal von fünf Flüchtigen

Mit diesem Wissen liest sich die Meldung vom 5. August 1944 über die Flucht von sechs sowjetischen Offizieren und einem einfachen Rotarmisten aus Nürnberg anders, alarmierend. Was geschah mit den Flüchtigen, die mehrere Monate nach Erlass dieses verbrecherischen Befehls die Flucht wagten? Ein Blick in spätere Ausgaben des Fahndungsblattes verrät, dass bereits nach wenigen Wochen fünf „Ausreißer“ wiederergriffen worden waren. Auch dies vermerkte die Sonderausgabe zum Deutschen Kriminalpolizeiblatt in der Rubrik „Teilerledigungen“. Was ihnen anschließend widerfuhr, lässt sich bislang nur vermuten. Belege für ihre Überstellung nach Mauthausen fehlen – was nicht ungewöhnlich ist. Doch die Suche geht weiter.

Wer Informationen über das Schicksal besitzt von

–        Pawel Gordienko, Unterleutnant, * 11.7.1918, Gef.- Nr. 55757

–        Iwan Kalesnik, Leutnant, 27.12.1918, Gef.-Nr. 358

–        Fedor Seikin, Oberleutnant, 8.2.1910, Gef.-Nr. 809

–        Stefan Skorzow, Oberleutnant, 23.1.1914, Gef.-Nr. 9238

–        Iwan Makarenko, Soldat, 2.4.1918, Gef.-Nr. 12118

ist herzlich aufgerufen, sich bei uns zu melden
prisoners-of-war@stadt.nuernberg.de

„Noch flüchtig“. Sollte zwei Offizieren die Flucht geglückt sein?

Zwei Offiziere waren am 9. September 1944 jedoch immer noch flüchtig: Rachim Gajnulin und Petr Schumichin. Ihre Namen tauchen bis Kriegsende im Polizeiblatt nicht mehr auf. War ihnen die Flucht tatsächlich geglückt?

„Noch flüchtig“: Sonderausgabe zum Deutschen Kriminalpolizeiblatt, 9. September 1944.

Erst Monate später führte uns ein glücklicher Zufall mit neuen Informationen wieder zu der Fluchtgeschichte zurück und ermöglichte uns, die Fluchtgeschichte der Beiden aufzuklären. Durch den Berliner Verein KONTAKTE-KOHTAKTbI e.V., der sich seit Jahren verdienstvoll für die Erinnerung an die sowjetischen Gefangenen einsetzt, erhielten wir ein Dutzend Briefe, in denen ehemalige Kriegsgefangene über ihre Zeit in Nürnberg berichteten. Darunter befand sich auch der Brief eines Petr Lasarewitsch Schumichin.
Verein KONTAKTE-KOHTAKTbI e.V.

Der Schreiber berichtete über seine Familie, sein Aufwachsen und dass er nach 9-jähriger Schulausbildung zum Militär gegangen sei, da Krieg herrschte. Schilderungen über seine Gefangennahme schlossen sich an – und ein erster Hinweis, dass es sich um einen der Flüchtigen handeln könnte: 1943 sei er ins Reichsinnere, nach Nürnberg, gebracht worden. Zunächst in ein großes Kriegsgefangenenlager – Langwasser –, in Folge dann in ein Arbeitskommando beim „Eisenwerk“.

Ein Brief von Petr Schumichin aus dem Jahre 2009

Petr Schumichin erinnerte sich in seinem Schreiben auch noch Jahre nach seiner Gefangenschaft mit Schrecken an die Bombenangriffe, die 1943/44 mehrfach ihr Barackenlager getroffen hatten. Nicht minder eindrücklich waren die Erinnerungen an die sich anschließenden Einsätze bei der Enttrümmerung und Bergung von Leichen. „Ich dachte die ganze Zeit darüber nach, wie ich von dort fliehen könnte, überlegte mir auch, welche Kameraden ich in meine Pläne einweihen könnte, damit ich nicht allein fliehen müsste.“ Ihm sei Rachim Sajnulowitsch Gajnulin empfohlen worden, der auch aus Sibirien stammte.

Durch tatkräftige Unterstützung eines deutschen Arbeiters beim „Eisenwerk“ hätten sie die notwendigen Utensilien für ihre Flucht zusammenbekommen – „einen Kompass, eine Zange und eine Landkarte“ – und das waghalsige Unterfangen begonnen. Sie hätten Gummisohlen unter ihren Schuhen befestigt, damit Hunde ihre Fährte nicht aufnehmen konnten. Nur nachts hätten sie sich fortbewegt und im Unterschied zu den anderen fünf Flüchtigen „gingen wir Richtung Süden weiter, später dann in Richtung Osten. Die erste Stadt, die wir erreichten, war Amberg, dann Pilsen, das waren kleine Städte, schließlich Tschechien, Prag und die Slowakei, Namestowo. Die ganze Zeit ernährten wir uns von dem, was uns unterkam: Weizenähren, Roggen, Mais, wilde Äpfel, Birnen und anderes.“ Vier Monate seien sie unterwegs gewesen bis sie in den Karpaten auf Partisanen stießen, denen sie sich anschlossen, um mit ihnen bis zur Vereinigung mit der Roten Armee zu kämpfen.

Nach diesen Informationen, der Nennung von Rachim Gajnulin als Fluchtgefährten und seiner Gefangenennummer 1822 – jener Nummer, die auch im Fahndungsaufruf genannt worden war – stand endgültig fest: Der Brief stammte tatsächlich von einem der Flüchtigen aus dem August 1944.

Petr Schumichin mit seiner Ehefrau Anastasia Timofeewna und ihren gemeinsamen Kindern, 1958/59. Bildnachweis: Familie Gajnulin

Erste Einsichten in das Leben vor dem Krieg

Petr Schumichin hatte in seinem Brief eine ganze Reihe Angaben gemacht, die Anhaltspunkte für weitere Nachforschungen boten: Seinen Geburtsort etwa, den Arbeitseinsatz im „Eisenwerk“, sein Wohnort im Jahre 2009. Ob es uns gelingen würde, aus offiziellen oder privaten Quellen mehr über sein und das Leben seines Fluchtgefährten zu erfahren? Ließen sich Materialien ausfindig machen, um diese unwahrscheinliche Geschichte einer geglückten Flucht zweier sowjetischer Kriegsgefangenen im Jahr 1944 in der für Mai 2019 geplanten Ausstellung im Dokumentationszentrum Reichsparteitagsgelände zeigen zu können?

Wir machten uns also auf die Suche: Eine erste Anfrage ging an das Zentralarchiv des Verteidigungsministeriums in Podolsk, wo die sogenannte Offizierskartei der sowjetischen Armee aufbewahrt wird. Für beide Flüchtigen ließen sich die jeweiligen Personalkarten finden und so wichtige Angaben zu ihrem Leben bis zum Kriegsende in Erfahrung bringen, die sich mit den Angaben im Brief deckten, aber auch neue Informationen bereithielten.

Petr Schumichin, soviel wussten wir nun, wurde im Sommer 1923 in der Region in Altai geboren und stammte aus einer Arbeiterfamilie. Er war am 6. Oktober 1942 bei der Stadt Subzowo verwundet worden und in Gefangenschaft geraten. Nach einem längeren Lazarettaufenthalt Anfang 1943 wurde er nach Nürnberg transportiert.

Auch Rachim Gajnulin hatte die Flucht und den Krieg überlebt. Er war vier Jahre älter als sein Fluchtgefährte und stammte aus einer Bauernfamilie, die in Westsibirien lebte. Nach der Schulausbildung war er an die Pädagogische Lehranstalt in Tomsk gegangen. 1939 wurde er zur Roten Armee einberufen und geriet im Juli 1941, wenige Wochen nach dem Angriff der deutschen Wehrmacht, bei Kämpfen um Libau in Gefangenschaft.

Rachim Gajnulin mit seiner Ehefrau Maria Anisimowna Ganjulina, 1949/50. Bildnachweis: Familie Gajnulin

Auf der Suche nach Angehörigen

Als die Informationen aus dem Verteidigungsarchiv eintrafen, waren wir bei den Recherchen auch auf anderem Wege weitergekommen. Über das Internet hatten wir ein Foto des Grabsteins von Petr Schumichin ausfindig gemacht, der 2011 verstorben war, und Kontakt zu einem Neffen bekommen. Über soziale Medien fanden wir dann auch Hinweise auf Angehörige von Rachim Gajnulin. Wie sich allmählich herausstellte, waren die beiden auch nach ihrer geglückten Flucht in Kontakt geblieben und Freunde geworden. Die Familien der beiden ehemaligen Kriegsgefangenen kennen sich noch immer.

Rachim Gajnulin mit Enkeln von Petr Schumichin, 1979. Bildnachweis: Familie Gajnulin

Eine berührende Geste

In Mails und Telefonaten nahmen wir Kontakt zu den Angehörigen der beiden Geflüchteten auf und erzählten von unserem Interesse an der Geschichte ihrer Vorfahren. Vor wenigen Tagen nun erhielten wir Dutzende private Fotografien, die Petr Schumichin und Rachim Gajnulin im Kreis ihrer Familien zeigen, als Veteran des Zweiten Weltkriegs oder als Lehrer im Klassenraum. Zudem erfuhren wir mehr über ihre Geschichte nach Kriegsende: Die Heimkehrer mussten eine intensive Überprüfung durchlaufen und sich –  wie viele ehemalige Kriegsgefangene – gegen den Vorwurf verteidigen, mit den Deutschen kollaboriert zu haben.

Während Rachim Gajnulin nach der Überprüfung rasch an seinen früheren Wohnort zurückkehren und eine Familie gründen konnte, durfte Schumichin erst nach sieben Jahren in seine Heimatregion zurückkehren. Beruflich knüpfte Rachim Gajnulin an seine Tätigkeit vor dem Krieg an und war rasch wieder als Lehrer in seinem Heimatbezirk tätig, seit 1962 als Direktor verschiedener allgemeinbildender Schulen.

Sein Fluchtkamerad Petr Schumichin hingegen musste bis in die 1950er Jahre erneut Zwangsarbeit leisten – nun in den stalinistischen Lagern des Gulag. Nach seiner Rückkehr in seine Heimatregion verdiente er sich seinen Lebensunterhalt als Arbeiter in einem Bergwerk. Er heiratete Anastasia Timofeewna und bekam mit ihr drei Töchter und einen Sohn.

Petr Schumichin lesend, 1957. Bildnachweis: Familie Gajnulin

Es ist eine berührende Geste: Einer Institution, die man nicht kennt und die viele hundert Kilometer weit entfernt in just jener Stadt arbeitet, an dem der eigene Vater oder Großvater gelitten hat, Einblicke in das private Fotoalbum zu gewähren. Die Bilder von Petr Schumichin und Rachim Gajnulin werden fortan im Dokumentationszentrum Reichsparteitagsgelände aufbewahrt und in der historischen Vermittlungsarbeit Verwendung finden. Legen sie doch gleich zweifach Zeugnis für eine unwahrscheinliche Geschichte ab: der Geschichte einer geglückten Flucht zweier sowjetischer Offiziere aus Nürnberg im Spätsommer 1944 und ihrer geglückten Rekonstruktion 74 Jahre später.

Rachim Gajnulin im Kreise seiner Schüler in Ksasnyj Jar, 1948. Bildnachweis: Familie Gajnulin

Dieser Beitrag ist der zweite Teil einer Blogserie zum Forschungsprojekt „Kriegsgefangene und zivile Zwangsarbeiter auf dem Reichsparteitagsgelände, 1939-45“.

Teil 1: Vergessene Schicksale


Hanne Leßau ist Historikerin am Dokumentationszentrum Reichsparteitagsgelände und leitet das Projekt „Das Reichsparteitagsgelände im Krieg“.
Tatiana Székely recherchiert im Rahmen des Projektes Biografien von sowjetischen Kriegsgefangenen in Nürnberg.

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