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18 / 10 / 2017

Wer interessiert sich heute noch für Albert Speer?

Eine ganze Menge Menschen!

Resonanz auf die Ausstellung „Albert Speer in der Bundesrepublik“

Dass eine Ausstellung über Albert Speer überregionales Interesse weckt, hatten die Verantwortlichen im Dokumentationszentrum Reichsparteitagsgelände vermutet – schon die zahlreichen Buchspenden nach einem diesbezüglichen Aufruf zu Beginn des Jahres ließen darauf schließen. Doch dass die Ausstellung über Wochen hinweg Medienvertreter aus dem In- und Ausland anziehen würde, damit konnte tatsächlich keiner rechnen. Hatte doch gleich zu Beginn eine Journalistin des öffentlich-rechtlichen Hörfunks etwas provokant gefragt: „Wen möchten Sie denn mit dieser Ausstellung erreichen, wer interessiert sich denn heute noch für Albert Speer?“ Wir wissen jetzt: eine ganze Menge Menschen.

Die Ausstellung „Albert Speer in der Bundesrepublik“ ist die erfolgreichste Sonderausstellung seit Eröffnung des Dokumentationszentrums. Keine Sonderausstellung hat vergleichbar große mediale Aufmerksamkeit und so viele interessante und persönliche Rückmeldungen von Besuchern erhalten wie „Albert Speer in der Bundesrepublik“.

Vor der Ausstellung gingen zahlreichen Buchspenden ein.

Journalisten aus der ganzen Republik interessierten sich plötzlich wieder für einen Mann, dessen Biografie eigentlich bereits bekannt zu sein schien. Historikerinnen und Historiker haben schon über Jahrzehnte hinweg die Lügen des ehemaligen Architekten und Rüstungsministers entlarvt. Und doch stieß das Thema gerade durch das Medium Ausstellung auf breites Interesse – sicherlich nicht zuletzt auch dank der neuesten Forschungserkenntnisse von Prof. Dr. Magnus Brechtken, der wichtiger Berater des Nürnberger Teams war und beinahe zeitgleich seine Speer-Biografie heraus brachte.

„Die Entzauberung des Albert Speer“ (Pfälzer Merkur, 26. April 2017), „Albert Speer, der Fälscher“ (Stuttgarter Zeitung, 26. April 2017) „Verdrängungsdeutscher“ (Bayerische Staatszeitung, 5. Mai 2017) oder „Wie Hitlers Rüstungsminister zum guten Nazi wurde“ (Die Zeit, 27. April 2017) titelte die Presse. Neben ausführlichen Artikeln in der „Zeit“, „Süddeutschen“, „Welt“ und „FAZ“ sowie unzähligen Regionalzeitungen aus der ganzen Republik, darunter auch die Rhein-Neckar-Zeitung aus Speers Heimatort Heidelberg, berichteten unter anderem der Bayerische Rundfunk, Deutschlandradio und Deutschlandfunk. Teams des „heute-journals“ im ZDF, „Capriccio“ im BR als auch „3Sat-Kulturzeit“ drehten vor Ort. Auch die renommierte britische Tageszeitung „The Times“ und die „Neue Züricher Zeitung“ informierten ihre Leser über die Nürnberger Ausstellung.

Unzählige Zeitungen berichteten über die Ausstellung.

Das Dokumentationszentrum erhielt zu dieser Ausstellung Rückmeldungen von Journalisten, die bereits eigene Beiträge zum Thema verfasst hatten und diese dem Nürnberger Haus für die weitere Arbeit zur Verfügung stellten: So beispielsweise ein Radiofeature von 2010 über den Auschwitz-Überlebenden Roman Halter, der in der Begegnung mit Albert Speer sein Überleben zu bewältigen versuchte, bzw. einen Text des Journalisten Dieter Kühn aus dem Jahr 1980, in dem dieser sein Interview mit Albert Speer sechs Jahre zuvor noch einmal kritisch überdachte. Verschiedene Wissenschaftler, die selbst zu Speer geforscht haben, waren Besucher der Ausstellung, wie der Experte für Untertageverlagerung von Rüstung im Nationalsozialismus Rainer Fröbe aus Hannover.

„Wartende Experten“ gaben Interviews extra für die Ausstellung im Dokumentationszentrum. Foto: Stefan Meyer, Architekturfotografie Nürnberg-Berlin

Ungewöhnlich und innovativ am Ausstellungskonzept war die Einbeziehung von Forscherinnen und Forschern zu Speer als „wartende Experten“ an eigens dafür entwickelten Medientischen. Hierfür wurden Interviews in Berlin, Hamburg, Wien, Celle, Freiburg, und München geführt. Selbst Filmemacher Heinrich Breloer nahm sich in Köln Zeit für ein Gespräch. Auf Basis der verschiedenen Statements realisierte die Medienwerkstatt Franken einen Dokumentarfilm, der in der Mediathek abrufbar ist.
Mediathek der Medienwerkstatt Franken

Viele Menschen verbindet eine persönliche Geschichte oder sogar eine Begegnung mit Albert Speer. Zwei Lehrer aus Heidelberg, die die Ausstellung besuchten, hatten Speer in den 1970er Jahren in seinem Haus in Heidelberg besucht und wurden zum Tee eingeladen: „Speer war ausgesprochen nett – und weil er so nett war, hat man ihm geglaubt“. Das Bild vom netten älteren Herrn, vom „Gentlemen-Nazi“, mit dem die Ausstellung aufräumt,  ist weit verbreitet. „Bei uns in der Familie war es klar, dass die führenden Nationalsozialisten Verbrecher sind – aber der Speer, das ist ein Guter, hieß es immer“ – so eine Ausstellungsbesucherin.

Im Inneren der Buchstaben-Installation dokumentieren mehrere Video-Projektionen, wie Speer sich nach seiner Entlassung 1966 in der Öffentlichkeit präsentierte. Bildnachweis: Lendler Ausstellungsarchitektur, Berlin

Albert Speer war nach seiner Haftentlassung wieder gut in die „besseren Kreise“ der Gesellschaft integriert. Von privater Seite wurden dem Dokumentationszentrum drei Fotos aus dem Jahr 1967 zugeschickt. Sie zeigen Speer auf einer privaten Gartenparty unter anderem mit Mitarbeitern, die teils gute Karriere in der Bundesrepublik gemacht hatten, ohne zwangsläufig zu Demokratie und neuem Staat zu stehen. „Es war eine atemberaubende Ansammlung von Altnazis“ – heißt es im Begleitschreiben zu den Fotos. Die guten Kontakte reichten bis in die politische Elite der Bundesrepublik. Unter den Gästen sind auch Franz Josef Straußund Ehefrau Marianne zu sehen.

Sicher ist die Ausstellung „Albert Speer in der Bundesrepublik. Vom Umgang mit deutscher Vergangenheit“ so erfolgreich, weil viele Menschen noch einen persönlichen Bezug zur Thematik besitzen. Über 20.000 Besucher haben die Ausstellung in knapp fünf Monaten gesehen, der Katalog wurde allein im Dokumentationszentrum über 800 Mal verkauft, der Onlinehändler Amazon listet ihn unter dem Stichwort „Albert Speer“ auf Platz zwei, gleich nach der neuen Speer-Biografie von Brechtken.

Informationen zur Ausstellung „Albert Speer in der Bundesrepublik“

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