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8 / 6 / 2017

Leidenschaft im Zuckeltempo

Schlepperfreunde Nürnberg präsentieren zur Eröffnung der Traktor-Ausstellung echte Oldtimer

Traktoren sind Kult für viele, für Walter Spies und Rudi Schätzlein aber sind sie eine echte Leidenschaft. Ihre beiden Oldtimer – einen roten Güldner und einen blauen Lanz – haben sie zur Eröffnung der Ausstellung „Mein kleiner grüner Traktor“ vors Spielzeugmuseum gefahren.

Für Walter Spies ist das Routine. Denn mit seinem Güldner, Baujahr 1964, fährt er überall hin. Zum Einkaufen, in die Eisdiele und zum Arzt oder bei Ausflügen sogar bis Aschaffenburg. Am schönsten freilich sind die Fahrten durch die Nürnberger Innenstadt, wenn Passanten winken und rufen. So ein Aufgeschau!

Dabei ist der Güldner, der maximal 32 Stundenkilometer fährt, vor allem eins: Familie. Walter Spies ist Bauernsohn, schon mit sieben Jahren musste er in Stall und auf dem Feld mithelfen – Schlepperfahren gehörte dazu. „Ich bin mit zwei Füßen auf die Kupplung gesprungen“, erinnert er sich. Sonst hätte der Knirps das schwergängige Getriebe niemals schalten können. Als 1964 der Güldner auf den Hof kam, wurde alles anders. Er hat eine leichtgängige Lenkradschaltung, schnurrt auf drei Zylindern und war immer im landwirtschaftlichen Einsatz. Bis 2011.

Museumsleiterin Karin Falkenberg und Kurator Urs Latus genießen vor dem Spielzeugmuseum „echtes“ Traktor-Feeling. Foto: Marie Theres Graf

300 Kilometer ab Worms

Walter Spies hatte derweil Elektrotechnik studiert und hatte als Ingenieur Karriere gemacht. Als die Eltern starben, erbte er den Traktor. Er holte den Güldner G 40 aus Worms und fuhr die 300 Kilometer in anderthalb Tagen nach Nürnberg. Im Zuckeltempo, auf ungefedertem Gefährt über huppelige Straßen. Autsch. Aber was tut man nicht alles für eine alte Liebe?

Zuhause dann Ölwechsel, ein neuer Blinker und den Schlauch im Vorderrad gewechselt, zwei Dosen Lack aus dem Baumarkt – mehr war eigentlich nicht nötig. Jetzt parkt der Schlepper in der Tiefgarage in Erlenstegen. Falls er nicht mit Walter Spies unterwegs ist.

Bei einem Quiz in der Ausstellung können Groß und Klein einen „Traktor-Führerschein“ erwerben. Foto: Marie Theres Graf

Die historischen Bulldogs – wie die Traktoren in Franken gemeinhin genannt werden – sind im Kleinformat im Spielzeugmuseum ausgestellt. Denn die Anziehungskraft der Maschinen, die Pferde und Ochsen als Zugtiere ablösten, war groß. Zunächst wurden sie für Kinder nachgebaut bevor maßstäbliche und detailgetreue Modelle für Erwachsene herauskamen.

Walter Spies und Rudi Schätzlein schauen sich interessiert um. „Schon toll, was es alles gegeben hat“, sagt Rudi Schätzlein. Die Spielzeuge bilden den Wandel in der Landwirtschaft nach, Lieder wie „Resi, I hol di mit‘m Traktor ab“ rufen die Bedeutung der Traktoren in Erinnerung und fesche Sprüche („Alter Traktor, junges Weib, sind der schönste Zeitvertreib“ oder „Ein Traktor verliert kein Öl, er markiert sein Revier“) amüsieren die Besucher auch.

Was unterm Hintern haben

Aber ein echter Traktor ist eben noch schöner. „Ma muss unterm Hintern was haben“, findet Rudi Schätzlein. Er ist erst spät auf den Geschmack gekommen. Als seine Frau starb, drängten die Kinder: Papa, such Dir was. Rudi Schätzlein hat einen Lanz-Bulldog gefunden, der mit süffigem Blubb, Blubb, Blubb zum Leben erwacht und dann gemächlich vor sich hintuckert. „Ein echter Scheunenfund.“ In seiner Werkstatt in der Kongresshalle hat er den Oldtimer komplett zerlegt.

Vom Scheunenfund zum Vorzeige-Oldtimer: Der Lanz D 2016, Baujahr 1956 von Rudi Schätzlein. Foto: Brigitte List

Die Teamarbeit von Walter Spies, der das Wissen mitbringt, und Rudi Schätzlein, der als gelernter Huf- und Waffenschmied das handwerkliche Geschick beisteuert, war fruchtbar. Der historische Lanz-Bulldog D 2016, Baujahr 1956, strahlt im markanten Blau wie neu. Rote Sitzkissen und das blankgewienerte Logo mit Ähre und Zahnrad bilden einen schönen Kontrast, einen Sonnenschirm gibt es auch.

Der ist – so viel sei verraten – auch dringend nötig, denn die Ausfahrten können dauern. 15 Stundenkilometer, 20 oder vielleicht 30 schaffen die alten Traktoren. Mehr ist meist nicht drin. Muss ja auch nicht, wenn das Wetter schön ist und die Laune gut. Die lassen sich die Schlepperfreunde übrigens selbst dann nicht verdrießen, wenn es wie bei der Osterausfahrt 2015 stürmt und schneit …

Ackerfest und Volksfest

In Nürnberg existieren – soweit Walter Spies und Rudi Schätzlein dies wissen – nur drei Oldtimer. In der näheren Umgebung allerdings gibt es gleich mehrere Vereine für historische Traktoren, zu den Schlepperfreunden Oberreichenbach unterhalten die Nürnberger engen Kontakt. Ihr Ackerfest zählt neben der Schau auf dem Volksfest zu den Höhepunkten des Schlepperjahres.

Ende Juni soll es nach Rothenburg gehen, mit Besichtigung des Ferguson-Museums und Zickzack-Parade durch die Stadt. Rudi Schätzlein organisiert die dreitägige Ausfahrt, Walter Spies ist wie immer in vielen Funktionen tätig und wird zum Beispiel Fotos machen und Videos drehen. Wenn er es recht bedenke, gibt Walter Spies zu, sei der Güldner das wichtigste und schönste seiner vielen Hobbies.

Für Walter Spies liegt das Glück auf dem Sitz seines Güldner, Baujahr 1964. Foto: Ramon Enzo Wink

Wird es dann bald einen zweiten Bulldog geben? Die Versuchung ist groß. „Aber Vorsicht“, warnt Walter Spies, „wenn du mit dem zweiten anfängst, bist du Sammler!“ Was ein bisschen klingt wie rettungslos verloren. Rettungslos verliebt in ihre Maschinen sind Spies und Schätzlein ja jetzt schon. „Die wird es noch in 100 Jahren geben“, sind sie überzeugt. Weil die Traktoren aus stabilem Gusseisen sind und weil ihre Besitzer dem Rost keine Chance geben. „Ein Anflug, schon sind wir da mit der Flex“, lächelt Rudi Schätzlein.

Informationen zur Ausstellung „Mein kleiner grüner Traktor!“

Ein Kommentar zu “Leidenschaft im Zuckeltempo

  • Helmut Schröpfer
    14 / 6 / 2017 | 15:01

    Der Bulldogschubser Helmut (1:32) sagt super hoch 3 !!!

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