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3 / 3 / 2017

Drum prüfe, wer sich ewig bindet!

Der Hirsvogelsaal des Museums Tucherschloss

Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts galt der Hirsvogelsaal als eine der bedeutendsten Sehenswürdigkeiten Nürnbergs. Zu verdanken haben wir ihn dem Patrizier Lienhard III. Hirsvogel, der den Saal 1534 in sein Anwesen in der Hirschelgasse einbauen ließ und ihn im folgenden Jahr seiner frisch vermählten Frau Sabine Welser zum Hochzeitsgeschenk machte. Ein prunkvoller Saal als Beweis ewiger Liebe? Mitnichten, denn die Ehe der beiden war nur von kurzer Dauer: Weil Sabines Vater, ein Augsburger Kaufmann, die Zahlung der vereinbarten Mitgift verweigerte, schickte der erboste (und von chronischen Geldnöten geplagte) Lienhard seine Frau kurzerhand wieder zurück zu ihrem Vater.

Wie ein Saal ins Schloss gelangt

Dem gesellschaftlichen Skandal folgte bald ein ruinöser Scheidungsprozess, der Lienhard endgültig in den Bankrott trieb. Nach Lienhards frühem Tod im Jahre 1549 wechselte der Hirsvogelsaal regelmäßig den Besitzer, ging unter anderem durch die Hände der betuchten Patrizierfamilien Behaim, Rieter und Fürer. 1905 kaufte ihn schließlich die Stadt Nürnberg und machte ihn der Öffentlichkeit zugänglich.

Außenansicht des Hirsvogelsaals 1933. Bildnachweis: Stadtarchiv Nürnberg, StadtAN A 38/D 72 02

Außenansicht des Hirsvogelsaals 1933. Bildnachweis: Stadtarchiv Nürnberg, StadtAN A 38/D 72 02

Im Zweiten Weltkrieg wurde der Hirsvogelsaal zusammen mit dem Großteil der Sebalder Altstadt zerstört. Nur die wertvolle Innenausstattung konnte gerettet werden, hatte man sie kurz nach Kriegsbeginn doch vorsorglich bombenfest eingelagert. Erst zur Jahrtausendwende konnte der Saal dann wenige Schritte von seinem ursprünglichen Standort im Garten des Tucherschlosses wieder vollständig aufgebaut werden – der vorläufige Endpunkt einer turbulenten Geschichte.

Georg Pencz und die zwölf Caesaren

Was ist nun so besonderes an diesem Saal, dass er einst die Massen nach Nürnberg zog wie heute nur noch der Christkindlesmarkt, die Spielwarenmesse oder Rock im Park? Da wäre zum einen natürlich das prachtvolle Deckengemälde „Der Sturz des Phaethon“ von Georg Pencz, einem Schüler Albrecht Dürers. Das aus 20 Leinwandbildern zusammengesetzte Werk gilt heute als eines der frühesten illusionistisch in Unteransicht angelegten und damals größten zusammenhängenden Deckengemälde nördlich der Alpen: ein Meisterwerk eben, das man unbedingt einmal gesehen haben sollte!

Detail des Deckengemäldes von Georg Pencz. Foto: Uwe Niklas

Detail des Deckengemäldes von Georg Pencz. Foto: Uwe Niklas

Auch die teils ornamentale, teils architektonische Wandgestaltung ist die früheste bekannte im Stil der italienischen Renaissance nördlich der Alpen. Zugeschrieben wird sie dem vielseitigen damals in Nürnberg lebenden Bildhauer und Medailleur Peter Flötner. Dazu gehören der steinerne Kamin mit seinen tanzenden und musizierenden Putten und die meisterlich geschnitzte und gemalte Wandvertäfelung.

Der steinerne Kamin im Hirsvogelsaal. Foto: Uwe Niklas

Der steinerne Kamin im Hirsvogelsaal. Foto: Uwe Niklas

Ende des 16. Jahrhunderts kam noch die eindrucksvolle „Kaisergalerie“ dazu. Auf zwölf monochrom bemalten Holztafeln sind dort Szenen aus dem Leben der ersten zwölf römischen Herrscher zu sehen, in Szene gesetzt nach den Beschreibungen in Suetons „Kaiserviten“. Komplettiert werden die Holztafeln von vollplastischen Büsten der zugehörigen Caesaren – leider nicht mehr die Originale, kamen diese der Stadt Nürnberg doch in den Nachkriegswirren irgendwie abhanden. Heute nehmen die qualitativ hochwertigen Neuschöpfungen der Bildhauer Anke Oltscher und Olaf Bieber aus den Jahren 2006-2009 ihren Platz ein und sind gewiss nicht weniger beeindruckend.

Die zwölf neuen Kaiserbüsten für den Hirsvogelsaal von Anke Oltscher und Olaf Bieber: Von Caesar bis Domitian, 2009. Foto: Stephan B. Minx

Die zwölf neuen Kaiserbüsten für den Hirsvogelsaal von Anke Oltscher und Olaf Bieber: Von Caesar bis Domitian, 2009. Foto: Stephan B. Minx

Und heute?

Wir sehen also: Der Hirsvogelsaal hat einiges zu bieten! Und wird heute übrigens nicht nur als musealer Raum genutzt, sondern auch ganz bewusst in ähnlicher Funktion wie zur Zeit seiner Erbauung – als repräsentativer Festsaal und Ort geselliger Begegnung, der Konzerten und Vorträgen, Lesungen und Feiern einen passenden Rahmen bietet. Keine Frage: Lienhard wäre bestimmt zufrieden damit gewesen.

Der festlich dekorierte Hirsvogelsaal erwartet die Hochzeitsgäste. Foto: Brigitte List

Der festlich dekorierte Hirsvogelsaal erwartet die Hochzeitsgäste. Foto: Brigitte List

Neue Publikation zum Hirsvogelsaal

Bewusst am 2061sten Jahrestag von Caesars Ermordung, den „Iden des März“, wird das Museum Tucherschloss am 15. März 2017 eine neue Publikation über den Hirsvogelsaal präsentieren. Sie trägt den Titel „Ave Caesar. Die Antikenausstattung des Hirsvogelsaals in Nürnberg“ und bietet Kennern und Laien gleichermaßen interessante Einblicke in die besonderen Highlights des Festsaals. Die Buchvorstellung bereichert Dr. Martin Boss, Leiter der Antiken-Sammlung der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg und fundierter Kenner der Materie, mit seinem Vortrag „Warum stellt man sich Kaiser auf’s Gesimse?“.

Informationen zum Vortrag von Dr. Martin Boss

Weitere Fotos zu den Kaiserbüsten des Hirsvogelsaals

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