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25 / 2 / 2026

Ein Astronom, der das Dürerhaus näher zu den Sternen brachte

Bernhard Walther und Albrecht Dürer

Nürnberg zählte um 1500 zu den florierenden Städten Europas. Das Netzwerk aus Fernhandel, Kunst, Druck, Naturwissenschaft und Humanismus rückte die Reichsstadt international ins Zentrum.

Michael Wolgemut (zugeschrieben): Ansicht von Nürnberg aus der sog. Schedel’schen Weltchronik, 1493, kolorierter Holzschnitt. Bildnachweis: Kunstsammlungen der Stadt Nürnberg

Wie attraktiv Nürnberg als Lebensstätte war, beschrieb der Mathematiker und Astronom Johannes Müller (1436 –1476), genannt Regiomontanus, 1471 in einem Brief:

„Jüngst habe ich mir Nürnberg als dauernden Wohnsitz gewählt, teils wegen des Vorzugs der Instrumente, besonders der astronomischen […], teils wegen des umfassenden Gedankenaustausches, den man leicht mit anderswo lebenden Gelehrten führen kann, da jener Ort wegen der Handelsverbindungen gleichsam als Zentrum Europas angesehen werden kann.“¹ (Auszug aus einem Brief von Regiomontanus an Christian Roder, Anfang Juli 1471)

Demnach fand Regiomontanus hier die idealen Bedingungen für seine wissenschaftliche Forschung. Hinter ihm lagen bereits Studien in Leipzig und Wien, die ihn zu verschiedenen Aufträgen nach Rom und an den ungarischen Königshof führten.

Unbekannt: Regiomontanus‘ Klappsonnenuhr Papst Pauls II., 1464/67. Bildnachweis: Germanisches Nationalmuseum, Foto: Georg Janßen

In Nürnberg widmete sich Regiomontanus u. a. der präzisen Berechnung der Sternen- und Planetenkunde. Um seine Erkenntnisse zu verbreiten, gründete er seine eigene Druckerei. Dort erschienen bspw. seine Ephemeriden – Tabellen zur Berechnung der Himmelskörperpositionen –, auf die sich später Kolumbus bei der Navigation stützte.

Johannes Regiomontanus: Ephemerides (1475-1506), Nürnberg 1474. Faksimile in Felix Schmeidler (Hg.): Faks. Joannis Regiomontani Opera collectanea, Osnabrück 1972

Regiomontanus‘ Ruf führte ihn 1475 zur Mitarbeit an der Kalenderreform zum Papst Sixtus IV. nach Rom, wo er jedoch im Folgejahr verstarb.
Obwohl sein Aufenthalt in Nürnberg nur wenige Jahre dauerte, war Regiomontanus‘ Wirken durch die Ausbildung und Zusammenarbeit mit dem Nürnberger Kaufmann Bernhard Walther (1430–1504) wegweisend für die wissenschaftliche Entwicklung der Stadt.

Bernhard Walther war ursprünglich Faktor der Vöhlin-Handelsgesellschaft, entwickelte aber eine Leidenschaft für die Astronomie. Nach dem Ableben seines Lehrers führte Walther die astronomischen Arbeiten über Jahrzehnte hinweg autonom fort. Mit Instrumenten wie der Armillarsphäre erforschte er systematisch die Himmelsgestirne.

Unbekannt: Armillarsphäre mit Handgriff, um 1500. Bildnachweis: Germanisches Nationalmuseum, Foto: Unbekannt

Dabei setzte Walther neue Maßstäbe in der Nürnberger Astronomie: Erstmalig berücksichtigte er u. a. die atmosphärische Refraktion und nutzte die Räderuhr in seinen Forschungen. Seine Beobachtungen waren so präzise, dass auch Kopernicus für seine Berechnungen darauf zurückgriff.

Die astronomische Tätigkeit Bernhard Walthers verlangte nach geeigneten Räumlichkeiten. So kam es, dass er sogar die Baugeschichte eines der berühmtesten Häuser Nürnbergs prägte: denn 1501 erwarb Walther für 150 Gulden das spätere Albrecht-Dürer-Haus.
Um das Gebäude „zu seinem instrument und gewerk der astronomey“² nutzbar zu machen, ließ er ab 1502 die Südgiebelmauer mit Fenstern und Kragstein aufziehen. Ein Vertrag mit seinem Nachbarn regelte die Nutzung derselben für astronomische Beobachtungen. Bis zu seinem Tod 1504 konnte Walther vom Dachgeschoss den Himmel in einer beispiellosen Art beobachten. Noch heute zeugt die südliche Außenwand des Hauses von seiner einstigen Funktion als Beobachtungspunkt der Gestirne. Es gilt als die älteste erhaltene astronomische Sternwarte Europas.

Ausblick aus dem Südgiebel des Albrecht-Dürer-Hauses. Foto: Oliver Frank

Die wissenschaftliche Ära des Hauses fand nach Walthers Tod eine prominente Fortsetzung: 1509 erwarb Albrecht Dürer (1471–1528) das Wohnhaus für 275 Gulden – ein deutlich höherer Preis als noch wenige Jahre zuvor.

Kaufurkunde vom 14. Juni 1509, Tinte aus Pergament, Wachssiegel, Original im Stadtarchiv Nürnberg. Bildnachweis: Albrecht-Dürer-Haus-Stiftung

Doch die Verbindung zwischen Walther und der Familie Dürer bestand nicht erst durch das Haus. Als angesehener Astronom im Nürnberger Humanistenkreis war Walther wohl eng mit Dürers Vater befreundet; Walthers Ehefrau Christine war Taufpatin seiner 16. Tochter, einer früh verstorbenen Schwester des Künstlers.

Faksimile der Familienchronik Albrecht Dürers in: Familienchronik Albrecht Dürers in einer Abschrift. Erzehlung, Des Hochberühmten Albrecht Dürers herkomen, o. O. 17. Jh.

Albrecht Dürer interessierte sich auch fachlich für die Arbeiten seines Vorgängers und erwarb 1523 zehn Bücher aus Walthers Nachlass. Dieser Kauf unterstreicht eindrucksvoll Dürers tiefe Faszination an der Astronomie und Mathematik. Dabei floss diese auch unmittelbar in sein künstlerisches Schaffen ein. So entstanden 1515 beispielsweise die ersten gedruckten Sternkarten der nördlichen und südlichen Hemisphäre als Holzschnitte. Nachdem Johannes Stabius den Auftrag gab und Conrad Heinfogel, Schüler von Walther, die Vorlagen lieferte, visualisierte Dürer die Sternbilder in einer bis dato unerreichten Klarheit.

Es liegt nahe, dass Dürer für seine weiteren Werke wohl den Blick aus jenen Fenstern nutzte, die erst durch Walthers Umbau entstanden waren.

So verbinden sich im Albrecht-Dürer-Haus Wissenschaft und Kunst zu einer innovativen Einheit.


Alisa Ryll ist Master-Studentin der Kunstgeschichte an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg und hat von November 2025 bis Februar 2026 ein Praktikum im Albrecht-Dürer-Haus sowie in der Grafischen Sammlung der Kunstsammlungen der Stadt Nürnberg absolviert.


Literatur:

Baumbauer, Benno u. a. (Hrsg.): Nürnberg GLOBAL 1300-1600. Heidelberg 2025.

Eirich, Raimund: Bernhard Walther (1430–1504) und seine Familie. In: Mitteilungen des Vereins für Geschichte der Stadt Nürnberg, Bd. 74. Nürnberg 1987, S. 77-128.

Gaab, Hans u. a. (Hrsg.): Astronomie in der Metropolregion Nürnberg. Geschichte, Forschung und Volkssternwarten. Ausst. Kat. Wanderausstellung anlässlich des Internationalen Jahres der Astronomie (= Schriftenreihe der Nürnberger Astronomischen Gesellschaft, Heft Nr. 2/2009), Nürnberg 2009.

Gaab, Hans: Ein Zeitgenosse Martin Behaims: Der Kaufmann Bernhard Walther (1430–1504), Liebhaberastronom und Vorbesitzer des Albrecht-Dürer-Hauses. In: Norica. Berichte und Themen aus dem Stadtarchiv, Heft Nr. 3/2007. Nürnberg 2007, S. 69-77.

Hennig, Lothar u. a. (Hrsg.): 500 Jahre Regiomontan. 500 Jahre Astronomie. Ausstellung der Stadt Nürnberg und des Kuratoriums „Der Mensch und der Weltraum e. V.“ in Zusammenarbeit mit dem Germanischen Nationalmuseum Nürnberg 02.10.1976-02.01.1977. Ausst. Kat. Germanisches Nationalmuseum Nürnberg. Nürnberg 1976.

Nürnberger Stadtarchiv: Libri litterarum, B 14/I, Nr. 18. Nürnberg 1502/03.

Pilz, Kurt: 600 Jahre Astronomie in Nürnberg. Nürnberg 1977.

Pilz, Kurt: Bernhard Walther und seine astronomischen Beobachtungsstände. In: Mitteilungen des Vereins für Geschichte der Stadt Nürnberg, Bd. 57. Nürnberg 1970, S. 176-188.

Rupprich, Hans (Hrsg.): Dürer. Schriftlicher Nachlass. Autobiographische Schriften, Briefwechsel, Dichtungen, Beischriften, Notizen und Gutachten, Zeugnisse zum persönlichen Leben, Bd. 1. Berlin 1956.

Stromer, Wolfgang v.: Hec opera fient in oppido Nuremberga Germanie ductu Ioannis de Monteregio. Regiomontan und Nürnberg 1471-1475. In: Hennig u. a. (Hrsg.) 1976, S. 45-52.

Wolfschmidt, Gudrun (Hrsg.): Astronomie in Nürnberg. Anläßlich des 500. Todestages von Bernhard Walther (1430-1504) Mitte Juni 2004 und des 300. Todestages von Georg Christoph Eimmart (1638-1705) am 5. Januar 2005 (= Nuncius Hamburgensis – Beiträge zur Geschichte der Naturwissenschaften, Bd. 3.), Hamburg 2010.


¹ Transkribiert in Lothar Hennig u. a. (Hrsg.) 1976, S. 78.

² Nürnberger Stadtarchiv: Libri litterarum, B 14/I, Nr. 18, Bl. CXXXXVIIv–CXXXXVIIIv. Nürnberg 1502/03.

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