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10 / 1 / 2022

Cosplay

Eine Szene stellt sich vor

Eine geheimnisvolle, etwas düstere Szenerie eröffnet sich den Schaulustigen: Vor einer Baumallee schwingt ein junger Mann einen Zauberstab. Sein Kostüm aus roter, mit vielen Details gestalteter Jacke, schwarzer Hose und Umhang lässt nur einen Schluss zu: Es handelt sich um Viktor Krum, eine Figur aus dem Harry-Potter-Universum. Eine Fotografin hält die eingeübten Posen mit der Kamera fest. Das Endergebnis ist ein Bild, dass dem originalen Harry-Potter-Charakter zum Verwechseln ähnlich sieht. Cosplay heißt das Hobby, das es René Eisenblätter – so der Name des Portraitierten –  angetan hat. Ziel beim Cosplay ist es, einen Charakter aus einem Buch, Film oder auch aus einem Computerspiel zu verkörpern. Der Name setzt sich aus den englischen Worten Costume (Kostüm) und Play (Spiel) zusammen.

Vorab kurz einige kurze Erklärungen:

Cosplay
Für Cosplay wird das Kostüm nach einer medialen Vorlage gefertigt – das kann eine Roman- oder Comicfigur, ein Charakter aus einem Computerspiel oder eine Figur aus Film und Fernsehen sein. Anschließend lassen sich Cosplayerinnen und Cosplayer in ihren Kostümen ablichten oder treten bei Messen und Cosplaytreffen auf. Beim Cosplay geht es darum, einen bereits existierenden Charakter für eine begrenzte Zeit bestmöglich zu imitieren.

LARP
Beim Live Action Role Playing (LARP) werden die Kostüme nicht nur zum Präsentieren getragen, sondern dienen einer tiefgehenden Charakterentwicklung. Ganze Welten werden erdacht, die im Bereich Fantasy, Mittelalter oder Steampunk angesiedelt sein können. Larperinnen und Larper eines Spieluniversums treffen sich regelmäßig für das Spielen bestimmter Kampagnen. Während der gesamten Spieldauer verbleiben sie in ihrer Rolle.

Lolita
Als Lolita wird ein aus Japan stammender Modestil bezeichnet. Er definiert sich durch elegante und puppenhaft wirkende Kleidung sowie dazugehörige Accessoires, die Ähnlichkeiten zum Rokoko und dem viktorianischen Zeitalter aufweisen. Lolitas imitieren oder spielen keine Rolle wie beim Cosplay oder LARP, sondern tragen ihre Kleidung als Fashion und in Alltagssituationen.

So ist René Eisenblätter bereits in viele Rollen geschlüpft. Alle seine Kostüme für den großen Auftritt auf einer Messe oder für ein Fotoshooting fertigt er selbst: „Viktor Krum vorzubereiten war eine echte Herausforderung, denn es gab kaum Vorlagen. Daher habe ich vieles am Kostüm selbst interpretiert. Allein das Schnittmuster zu gestalten und die entsprechenden Details zu modellieren, hat drei Monate gedauert.“

Cosplayer René Eisenblätter posiert als Viktor Krum aus dem Harry-Potter-Universum. Foto: Tamara Eisenblätter

Auch Sandra Wentzke ist begeisterte Cosplayerin. Bei einem sogenannten „Shooting-Day“ posiert sie als farbenfrohe Alice im Wunderland vor der Kulisse des Pellerhofs in Nürnberg. Auch sie hat den Großteil ihres Kostüms mit Hingabe selbstgemacht: „Für mich gehört der Herstellungsprozess fest zum Hobby dazu. Für meine Alice habe ich die Rockteile per Hand bemalt, alle Blüten aus Filz handgefertigt und einzeln angebracht. Pro Blüte brauchte ich zwei einzeln ausgeschnittene und bemalte Blütenlagen, die ich anschließend zusammengeklebt habe.“

Cosplayerin Sandra Wentzke als Alice im Wunderland im Nürnberger Pellerhaus. Foto: David Gebauer

Cosplay bedeutet also nicht nur, gut auszusehen und einen bestimmten Charakter gut darzustellen, sondern vor allem viel handwerkliches Geschick. Getüftelt hat Wentzke nicht allein: Im Nürnberger Haus des Spiels findet sich seit einiger Zeit eine Gruppe von Cosplayerinnen und Cosplayern, die sich regelmäßig in der hauseigenen Cosplaywerkstatt trifft. Wöchentlich wird gemeinsam genäht und über gute und schlechte Materialien gefachsimpelt, man unterstützt sich gegenseitig. Mit den fertigen Kostümen trifft man sich zum Foto-Shooting oder verabredet sich für den Besuch einschlägiger Events wie die großen deutschen Buchmessen oder Cosplay-Wettbewerbe, die in ganz Deutschland stattfinden.

Cosplayerin Jennifer Stühler zusammen mit weiteren Cosplayerinnen als Pokémon „Karpador“ auf einer Messe. Foto: Tobias Kelischek

Zusätzlich pflegen viele Cosplayerinnen und Cosplayer aktive Social-Media-Kanäle, denn es geht schließlich darum, gesehen zu werden. Und das werden Eisenblätter und Wentzke neben anderen Cosplayerinnen und Cosplayern der Region ganz sicher: Seit Juni sind ihre Bilder Teil einer Fotoausstellung im Haus des Spiels, die sich ganz ihrem Hobby widmet.

„Entstanden ist die Idee zusammen mit Christin Lumme vom Deutschen Spielearchiv und Haus des Spiels. Wir haben uns überlegt, wie wir zeigen können, was da eigentlich alles so hinter den Kulissen im Pellerhaus passiert, dass es jetzt eine eigene Kreativwerkstatt gibt und viele spielbezogene Szenen zusammenkommen.“, sagt Jennifer Stühler, Vereinsvorstand der Noris Liga e. V., die die Cosplay-Werkstatt im Haus des Spiels betreut. Also hat sie kurzerhand eine Rundmail verfasst und angefragt, wer Lust hätte, an einer Fotoausstellung mitzuwirken. Die Resonanz war groß und die Auswahl fiel schwer.

 

Noch bis Ende Januar hängen nun rund 20 Fotografien im Foyer des Pellerhauses, darunter auch zwei weitere Kostümspielarten: Live-Action-Role-Play- und Lolita-Fashion-Begeisterte sind ebenfalls im Haus des Spiels aktiv und haben ihren Platz neben den Portraits der Cosplayerinnen und Cosplayer gefunden.

Caroline Feth präsentiert Lolita-Fashion. Foto: Tobias Bauer

Einige der Bilder sind direkt im Pellerhaus und am Egidienplatz entstanden: „Das Gebäude und die Umgebung sind wirklich perfekt für Fotoshootings, weil es so unterschiedliche Baustile gibt. So haben sowohl Mittelalter- und Fantasy-Cosplayerinnen und Cosplayer eine gute Kulisse, aber auch die, die eher in die modernere Richtung gehen“, schwärmt Jennifer Stühler. Sie selbst ist eigentlich begeisterte Pokémon-Spielerin und organisiert zusammen mit ihren Vereinsmitgliedern jährlich ein entsprechendes Fan-Event. Wie passend, dass sie in der Ausstellung mit einem sogenannten „Gijinka“-Cosplay vertreten ist, der Verkörperung des Pokémons Karpador.

Neue Cosplay-Projekte für das Jahr 2022 haben René Eisenblätter, Sandra Wentzke und Jennifer Stühler schon geplant: „Nach dem Cosplay ist vor dem Cosplay!“, scherzen sie. Das nächste Fotoshooting kommt bestimmt!

Foto-Shooting im historischen Innenhof des Pellerhauses. Bildnachweis: Haus des Spiels

Cosplay im Haus des Spiels

Offene Cosplay-Werkstatt der Noris Liga e. V.: Jeden Freitag ab 19 Uhr
Anmeldung und weitere Informationen

Cosplay-Shooting-Days im Haus des Spiels, nächster Termin: 19. März 2022
Anmeldung und weitere Informationen

Die Ausstellung „Von Cosplay bis Larp – Eine Szene stellt sich vor“ kann noch bis Ende Januar jeden Sonntag von 14 bis 17 Uhr im Foyer des Pellerhauses besichtigt werden.
Weitere Informationen


Christin Lumme ist Leiterin des Deutschen Spielearchivs und zuständig für die Projektentwicklung „Haus des Spiels“.

 

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