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19 / 5 / 2021

Vom Kupferstecher zum Kunstschuldirektor

Aus dem Leben Albert Christoph Reindels

Als Direktor der Nürnberger Kunstakademie sollte der gelernte Kupferstecher Albert Christoph Reindel Mitte des 19. Jahrhunderts die Ausbildung junger Nürnberger Künstler über vierzig Jahre lang entscheidend mitprägen. Dabei hatte sein Vater für den jungen Albert, Jahrgang 1784, zunächst eine kaufmännische Ausbildung im Sinn gehabt. Nachdem sich Reindel den elterlichen Plänen jedoch mit Händen und Füßen widersetzte, gab man ihn stattdessen bei Gustav Philipp Zwinger, dem Direktor der Nürnberger Zeichenschule, in den Unterricht. Dieser erkannte sogleich sein Talent. Mit vierzehn Jahren begann Reindel dann eine Lehre als Kupferstecher bei Heinrich Guttenberg. Schüler und Lehrer gingen 1803 zusammen zum Studium nach Paris, wo sich Reindel im Laufe der nächsten sechs Jahre zu einem der besten Reproduktions-Kupferstecher seiner Zeit entwickelte.

Albert Christoph Reindel: Porträt des Kupferstechers Heinrich Guttenberg.

Ein Künstler wird zum Lehrer

Mit diesem Rüstzeug versehen kehrte Reindel schließlich 1809 wieder in seine Heimatstadt zurück. Dort trat er 1811, im Alter von gerade einmal 27 Jahren, die Nachfolge von Johannes Eberhard Ihle als Direktor der Nürnberger Kunstakademie an. Unter Reindels Ägide erlebte die Institution in den nächsten Jahrzehnten eine Vielzahl einschneidender Veränderungen. Bereits bei seinem Amtsantritt etwa bemängelte Reindel fehlendes Material wie Gipsmodelle und Vorlagen und begann zügig, eine umfassende Studiensammlung aufzubauen. Außerdem reformierte er den Lehrplan der Akademie und vergrößerte damit unter anderem die Bedeutung von anatomischen Studien und dem Zeichnen nach dem lebenden Modell. Als gelernter Kupferstecher lag es ihm überdies sehr am Herzen, seine Schüler auch in die grundlegenden druckgraphischen Techniken einzuführen.

Auf Betreiben Reindels konnte die Akademie 1819 vom Hertelshof am Paniersplatz in größere Räumlichkeiten auf der Kaiserburg einziehen: Für 2.000 Gulden erhielt sie hier zwei Klassenzimmer, einen Antikensaal sowie ein Bibliothekszimmer. Im Zuge des Umzugs wurde der Nürnberger Kunstakademie auch noch die staatliche Gemäldegalerie angegliedert, die Kronprinz Ludwig von Bayern bereits 1809 auf der Kaiserburg angelegt hatte – Reindel übernahm deren Leitung praktischerweise gleich mit und sorgte in seiner neuen Doppelfunktion dafür, dass die alten Kunstwerke seinen Schülern als Musterbeispiele dienten und ihnen bei ihrer „Geschmacksbildung“ halfen.

Georg Christoph Wilder: Studiensaal der Königlichen Kunstschule auf der Burg, 1833.

Restaurator und Denkmalpfleger

Im Gegensatz zu vielen seiner Zeitgenossen standen in Reindels persönlichem Kunstverständnis Antike und Mittelalter gleichberechtigt nebeneinander; er bevorzugte weder das eine noch das andere. So nimmt es auch nicht Wunder, dass Reindel einer der ersten Nürnberger war, der die „altdeutsche“ Kunst der Stadt wiederentdeckte und sich für ihren Erhalt einsetzte. Bereits 1817 hatte Reindel eine Initiative zur Renovierung der Sebalduskirche gestartet. Diese musste sich letzten Endes jedoch auf den farbigen Neuanstrich des Innenraums beschränken.

Albert Christoph Reindel: Sebaldusgrab, Kupferstich, 1819.

Von 1821 bis 1824 hingegen leistete Reindel im Bereich der frühen Denkmalpflege echte Pionierarbeit, als er sich als Restaurator und Konservator eines der emblematischen Nürnberger Wahrzeichen verdient machte: Gemeinsam mit dem Architekten Carl Alexander Heideloff und den Bildhauern Ernst von Bandel, Jakob Daniel Burgschmiet sowie den Brüdern Gottfried und Lorenz Rothermundt übernahm er die künstlerische Leitung bei der erstmaligen Restaurierung des Schönen Brunnens. Diese kann als die erste denkmalpflegerische Maßnahme im eigentlichen Sinn in Nürnberg angesehen werden; sie markiert den Beginn eines wissenschaftlich-künstlerischen Denkmalschutzes.

Albert Christoph Reindel: Schöner Brunnen.

Das „Dürer-Stammbuch“ und die letzten Jahre

Reindels Einsatz für die Nürnberger Kunst spiegelt sich auch in seiner Beteiligung bei den Feierlichkeiten zum 300. Todestag Albrecht Dürers im Jahr 1828 wider. Im vielbeachteten „Kunst-Blatt“ des Kunsthistorikers Ludwig Schorn veröffentlichte Reindel einen leidenschaftlichen Aufruf an alle deutschen Künstler, sich an einem groß angelegten „Dürer-Stammbuch“ zu beteiligen. In diesem sollte die zeitgenössische Kunstszene dem großen Vorbild mit Zeichnungen, Radierungen, Stichen und überhaupt Kunstwerken aller Art ihren Respekt erweisen. Obwohl die Resonanz hinter den Erwartungen zurückblieb, stellt dieses „Dürer-Stammbuch“ in der Rückschau doch zweifelsohne das wichtigste Dokument zur Dürer-Rezeption des 19. Jahrhunderts dar.

Ein letztes großes Projekt übernahm Reindel schließlich in den 1830er Jahren. Auf Betreiben von König Ludwig I. von Bayern wurde die Nürnberger Kunstschule in eine Königliche Kunstgewerbeschule umgewidmet. Diese sollte ihr Augenmerk nun verstärkt auf die Ausbildung von Gewerbetreibenden und Kunsthandwerkern richten; die Ausbildung von Künstlern hingegen sollte dem königlichen Willen nach der Münchener Akademie vorbehalten bleiben. Albert Christoph Reindel wurde nahtlos die Leitung der neuen Kunstgewerbeschule übertragen. Mit der Neuausrichtung scheint er allerdings wenig zufrieden gewesen zu sein – den Lehrplan beließ Reindel bis zu seinem Tod im Februar 1853 weitgehend unverändert.

Die Geschichte des „Dürer-Stammbuchs“ erzählt eine virtuelle Ausstellung bei Google Arts & Culture
Aus Hochachtung und Anerkennung

Die Werke des Stammbuches sind Eigentum der Stadt Nürnberg und werden in der Graphischen Sammlung der Museen der Stadt Nürnberg und in der Sammlung des Germanischen Nationalmuseums aufbewahrt. Eine Bildergalerie dazu können Sie auf der Website des Albrecht-Dürer-Hauses ansehen
Werke aus dem Dürer-Stammbuch von 1828


Der Blogartikel basiert auf einem Beitrag von Ulrike Berninger im Katalog zur Ausstellung „1662 – 1806. Die Frühzeit der Nürnberger Kunstakademie“, die 2012 im Stadtmuseum im Fembo-Haus zu sehen war. Der Text wurde bearbeitet von Sebastian Heider.

Titelbild: Dem Dualismus in Reindels Kunstbegeisterung – die Gleichrangigkeit von Antike und Mittelalter – hat sein Schüler an der Akademie, Johann Dietrich Carl Kreul, 1824 in einem geradezu programmatischen Porträt des Lehrers Tribut gezollt: Reindel präsentiert sich hier mit dem Gipsabguss des „Borghesischen Fechters“ und einer männlichen antiken Büste (Antinous?) aus der Studiensammlung der Kunstschule sowie mit seinen eigenen graphischen Aufrissen des Schönen Brunnens, die ihn als Initiator und Verantwortlichen für die Restaurierung des mittelalterlichen Kunstwerks ausweisen.

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