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28 / 4 / 2021

Rückkehr nach 84 Jahren

Ein Gemälde der Kunstsammlungen wurde wiedergefunden

Das Gemälde Kniender Akt von Alfred Partikel (1888-1945) aus dem Jahr 1922 war 1937 von den Nazis beschlagnahmt worden. Bis vor Kurzem fehlte jede Spur davon. Nun ist es in Kieler Privatbesitz wiederaufgetaucht und wurde vom derzeitigen Besitzer an die Kunstsammlungen der Stadt Nürnberg zurückgegeben.

Bislang galt das Gemälde als verloren. Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten wurden aus allen öffentlichen Sammlungen Bilder entfernt, die nicht dem Kunstideal der Obrigkeit entsprachen. In der sogenannten Aktion „Entartete Kunst“ wurden überall die Sammlungen durchforstet und die unliebsamen Kunstwerke beschlagnahmt. So auch in Nürnberg. Was sich gegen Devisen ins Ausland verkaufen ließ, kam in den Kunsthandel, alles andere wurde zerstört. Über hundert Gemälde und Graphiken wurden aus den Kunstsammlungen der Stadt Nürnberg beschlagnahmt. Nach bisherigem Kenntnisstand sind nur fünf Werke der Zerstörung entgangen. Nun ist also ein sechstes dazugekommen.

Wiedergefunden: Kniender Akt von Alfred Partikel (1888-1945), ca. 1922. Museen der Stadt Nürnberg, Kunstsammlungen, Inv.-Nr. Gm 0599. Foto: Anja Eichler

Zu den 1937 beschlagnahmten Kunstwerken gehörten Bilder und Graphiken von Ernst Barlach, Charlotte Behrend-Corinth, Lovis Corinth, Otto Dix, George Grosz, Conrad Felixmüller, Carl Hofer, Oskar Kokoschka, Edvard Munch, Heinrich Nauen, Arthur Nikodem, Hans Purrmann und Karl Schmidt-Rottluff. Ein großes Bild von Max Liebermann, Die Kartoffelbuddler in den Dünen von Zandvoort, wurde nach dem Krieg von der Stadt wieder angekauft, ebenso das Bildnis Trübner von Lovis Corinth. Diese Bilder werden, wenn es die Pandemielage zulässt, ab 25. Juni 2021 im Stadtmuseum im Fembo-Haus in der Ausstellung „Luppes Galerie. Die Kunstsammlungen der Stadt Nürnberg in der Weimarer Republik“ zu sehen sein.

Das Gemälde Kniender Akt malte Alfred Partikel circa 1922. Am 24. November 1922 wurde es bei der Galerie Ferdinand Möller in Berlin für die Städtische Galerie Nürnberg angekauft. Am 23. August 1937 wurde es beschlagnahmt. Der weitere Verbleib war bisher unbekannt.

Kunstkrimi – ein gelöster Fall

Nun tauchte das Gemälde im Nachlass des norddeutschen Künstlers Hugo Körtzinger auf. Der Großneffe Körtzingers, der Kieler Chemiker und Meeresforscher Prof. Dr. Arne Körtzinger, der das Gemälde im Nachlass seines Großonkels fand, rekonstruiert die weitere Geschichte wie folgt:

„Hugo Körtzinger spielt in der Biographie Ernst Barlachs eine nicht unwichtige Rolle, indem er diesen mit seinem eigenen Mäzen, dem passionierten Kunstsammler Hermann Fürchtegott Reemtsma, zusammenbrachte und damit in den letzten Lebensjahren Barlachs für Aufträge und neue Kontakte sorgte. Darüber hinaus hat sich Körtzinger für Barlach und gegen dessen Verfemung eingesetzt. Dieses kulminierte darin, dass Körtzinger auf seinem kleinen Anwesen im völlig abgelegenen Schnega im Wendland Werke der sogenannten „Entarteten Kunst“ zur Sicherung aufbewahrte. Diese waren überwiegend Barlachwerke. Besonders herausragend sind die Großplastiken Kieler Geistkämpfer und Güstower Domengel, die beide den Krieg unbeschadet und nicht eingeschmolzen auf Körtzingers Grundstück überstanden.

Diese Sicherungsaktionen wurden ausschließlich oder zumindest überwiegend über Bernhard A. Böhmer abgewickelt, der als schillernde Figur zum Thema NS-Raubkunst bekannt ist. Körtzinger hat sich mehrfach mit Böhmer getroffen und darüber hinaus ausführliche Korrespondenz geführt.“

Hugo Körtzinger, Ernst Barlach und Kunstsammler Hermann F. Reemtsma (von links) vor Barlachs Fries der Lauschenden. Bildnachweis: Wilfried Körtzinger, CC BY 3.0 de, Quelle: https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=25332559

Arne Körtzinger vermutete daher, dass auch das beschlagnahmte Werk von Alfred Partikel den Weg zu Böhmer gefunden hat und über diesen bei Hugo Körtzinger gelandet ist. Ein Eintrag im Beschlagnahmeinventar „Entartete Kunst“ des Propagandaministeriums bestätigt nun diese Annahme: Dort ist das Werk unter Nürnberg, Städtische Galerie, Nr. 98 aufgeführt, mit dem Vermerk: „Böhmer“ und „T“ (für Tausch). Wie das Bild nun tatsächlich an Hugo Körtzinger kam, lässt sich nicht mehr rekonstruieren. Aus einem Brief vom 12.6.1952 von Gerhard Marcks an Hugo Körtzinger in dessen Nachlass geht hervor, dass Körtzinger ihm das Gemälde schenken wollte; zur Übergabe ist es aber offenbar nicht gekommen, das Gemälde verblieb bei Hugo Körtzinger.

Die von Hugo Körtzinger entworfene und 1936/37 erbaute Werkstatt in Schnega. Hier wurde das Gemälde neben Plastiken von Ernst Barlach versteckt. Bildnachweis: A. Körtzinger, CC BY-SA 3.0, Quelle: https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=25256854

Prof. Arne Körtzinger und seine Frau kontaktierten die Kunstsammlungen und boten an, das Gemälde zu restituieren. Allerdings fehlte der Rahmen. Der befand sich tatsächlich noch im Rahmendepot der Kunstsammlungen in Nürnberg, wenn auch stark beschädigt.

Der erfreuliche Fund des verschollenen Gemäldes kam rechtzeitig, um es noch in die Ausstellung „Luppes Galerie“ mitaufzunehmen. Nun kann es, fast hundert Jahre nach seiner Entstehung, als Schenkung von Andrea und Arne Körtzinger aus Kiel wieder an seinen angestammten Platz zurückkehren. Der Rahmen muss allerdings erneuert werden.

Weitere Informationen zu dem Künstler Hugo Körtzinger
Förderverein Hugo Körtzinger e.V.

Informationen zur Ausstellung „Luppes Galerie. Die Kunstsammlungen der Stadt Nürnberg in der Weimarer Republik“

Titelbild: Eintrag im Beschlagnahmeinventar „Entartete Kunst“ des Reichsministeriums für Volksaufklärung und Propaganda, ca. 1941/1942, dort unter Nr. 98 "Partikel (7248) Knieender Akt", als Verbleib „Böhmer“/ „T“ (=Tausch) angegeben (Kopie des Inventars aus dem Besitz von Harry Fischer im Victoria & Albert Museum, London, Bd. 2, S. 173; V&A NAL MSL/1996/7, London, Victoria and Albert Museum, Januar 2014; Lizenz: CC BY NC/4.0)

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2 Kommentare zu “Rückkehr nach 84 Jahren

  • Christoph Curtius
    1 / 5 / 2021 | 23:34

    Cooler Krimi! Schön, dass ein Kunstwerk mehr gerettet wurde.

  • Wolfgang Götz
    6 / 6 / 2021 | 21:10

    Immer wieder ein Segen, wenn verschollene Objekte der Nürnberger Stadtgeschichte
    ihren Weg zurück finden.

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