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19 / 8 / 2020

Eine Kindheit im Ghetto und in Konzentrationslagern

Josef Salomonovic zu Besuch in Nürnberg

Vor 75 Jahren wurden die Ghettos und Konzentrationslager der Nationalsozialisten befreit. Allerdings konnten im Jahr 2020 wegen der Corona-Epidemie die großen Feiern zum 75. Jahrestag, die in den KZ-Gedenkstätten geplant waren, meist nicht stattfinden. Ein großer Verlust für die schwindende Zahl der Überlebenden, die noch einmal die Orte ihrer Verfolgung hatten besuchen wollen.

Auch Josef Salomonovic, Überlebender des Ghettos Litzmannstadt (Lodz) sowie der Konzentrationslager Auschwitz, Stutthof und Flossenbürg (Außenlager Dresden, Schandauer Straße), konnte nur noch die Gedenkfeier in Auschwitz im Januar besuchen. Alle anderen Feiern, auch die Feier in Flossenbürg samt einem Besuch in Nürnberg, mussten ausfallen. Immerhin konnte nun am 22. Juli der Besuch in Nürnberg nachgeholt werden. Es war ein besonderer Moment, als Josef Salomonovic, Jahrgang 1938, das Dokumentationszentrum Reichsparteitagsgelände betrat. Wir wissen nicht, wie oft das Haus noch Gelegenheit hat, einen Überlebenden der Ghettos und Lager zu begrüßen. Immer war es in den vergangenen Jahren ein wichtiges Anliegen des Dokumentationszentrums, die Opfer und die Verfolgten des Nationalsozialismus zu würdigen. Es ist wichtig, auch an einem Ort der Täter und Mitläufer wie dem Reichsparteitagsgelände, die Geschichte der Verfolgung und Gewalt des Nationalsozialismus zu erzählen. Der Holocaust ist das zentrale Ereignis, weshalb wir uns heute mit dem Nationalsozialismus und seinen Folgen beschäftigen. Ohne die Zeitzeugenschaft wird dies in Zukunft auch für das Dokumentationszentrum Reichsparteitagsgelände schwieriger.

Filmabend und Zeitzeugengespräch im Dokumentationszentrum

Umso schöner war es, dass noch einmal (und hoffentlich auch nicht zum letzten Mal) ein Filmabend mit Zeitzeugengespräch stattfinden konnte. Josef Salomonovic, der in seiner Familie „Pepec“ (Sepp) genannt wird, brachte einen Film mit, den er zusammen mit dem Dokumentarfilmer Peter Hakl in den vergangenen Jahren an den verschiedenen Orten seiner Verfolgung gedreht hatte. Josef Salomonovic hatte das Ghetto Litzmannstadt und die Lager aus der Perspektive eines Kindes erlebt. Geschickt bezieht der Film diese Perspektive in einigen nachgespielten Szenen mit subjektiver Kamera ein – etwa, wenn Josefs Mutter Dora dem Kind, das von unten aufschaut, zur Beruhigung sagt, dass sie jetzt eine Reise nach Polen unternehmen. Gemeint war die Deportation der jüdischen Familie in das Ghetto Litzmannstadt. Einige solcher wichtigen Momente der Überlebensgeschichte von Josef Salomonovic werden durch nachgespielte Szenen aus dem Blick eines Kindes ersetzt – das gelingt, ohne dass dies kitschig oder gestellt wirken würde.

Josef Salomonovic als Kind. Bildnachweis: Josef Salomonovic

Josef Salomonovic begibt sich im Film noch einmal auf die fast 2000 Kilometer lange Reise zu den Orten seiner Verfolgung. Professor Bertrand Perz von der Universität Wien und andere Zeithistoriker ordnen die Geschichte, die er vor Ort erzählt, in den historischen Kontext ein.

Die Familie Salomonovic überlebte vier Jahre lang unter schwierigen Bedingungen das Ghetto Litzmannstadt dank der Arbeit in einer Metallwarenfabrik des Ghettos. Im Gegensatz zu Vater, Mutter und dem großen Bruder Michael (Mischa), der ebenfalls im Film von seinen Erlebnissen erzählt, ist Josef noch zu klein, um zu arbeiten und bleibt daher den ganzen Tag allein. Nicht arbeiten zu können ist im Ghetto gefährlich. Bei sogenannten Blocksperren suchen die Deutschen nach Alten, Schwachen, Kranken und Kindern, um sie auf Lastwagen zum Vernichtungslager Kulmhof zu deportieren, wo alle im Gas ermordet werden. Josef konnte gut versteckt hinter einer Klappe unter dem Dach des Hauses, in dem die Familie untergebracht war, eine solche Blocksperre überstehen. Er hatte nun aber keine Spielkameraden mehr.

Hunger, Gewalt und Todesangst gehörten zum Alltag der Ghettobewohner. Rund 200.000 Menschen, neben Juden auch eine wesentlich kleinere Zahl von Sinti und Roma, waren zwischen 1941 und 1944 auf engstem Raum im Ghetto Litzmannstadt zusammengepfercht. Nur knapp 10.000 von ihnen überlebten, darunter Josef Salomonovic.

Eine ehemalige Cigarettenfabrik in Dresden war von November 1944 bis April 1945 ein Außenlager des KZ-Flossenbürg. Hier war Josef Salomonovic mit seiner Mutter und seinem Bruder gefangen. Die Häftlinge mussten MG-Munition herstellen.

Die Metallfabrikation des Ghettos, in der Vater, Mutter und Bruder arbeiteten, wurde 1944 in eine ehemalige Tabakfabrik in der Schandauer Straße in Dresden verlegt und als Außenlager des KZ Flossenbürg weiterbetrieben. In einem geschlossenen Transport gelangten die dort beschäftigten über die Konzentrationslager Ausschwitz und Stutthof nach Dresden, sofern sie die Appelle und Schikanen der Bewacher, Kälte und Hunger überstanden. Erich Salomonovic, der Vater, meldete sich in Stutthof krank und wurde dort mit einer Giftspritze umgebracht – ein traumatisches Erlebnis für die übrige Familie. Mit viel Glück und dank des geschickten Verhaltens der Mutter überlebten Josef, sein Bruder und seine Mutter nicht nur die verheerenden Bombenangriffe auf Dresden im Februar 1945, sondern auch den Todesmarsch Richtung Süden, von dem sie fliehen konnten. In der Scheune eines Bauern versteckt wurden Josef, Michael und Dora Salomonovic im April 1945 von der US-Army befreit.

Der Film führt zu den verschiedenen Stationen des Überlebenskampfes der Familie Salomonovic und ersparte es Josef, die ganze Geschichte erzählen zu müssen. Im Anschluss an den Film stand er aber zum Gespräch zur Verfügung. Besonders anrührend ist es, wenn Josef Salomonovic zwei Gegenstände vorführt, die ihn ein Leben lang begleitet haben. Wichtig für das Überleben war ein einfacher kleiner Löffel aus Metall, den der kleine Pepec seit dem Ghetto Litzmannstadt stets bei sich trug. Da ihm wegen der Mangelernährung erst nach 1945 Zähne wuchsen, konnte er mit diesem Löffel Rüben oder Kartoffeln kleinschaben und sich so ernähren. Der zweite Gegenstand ist ein kleines Flugzeug, das ein ebenfalls versteckter US-Soldat als Spielzeug für ihn aus Metall angefertigt hat und ihm nach der Befreiung schenkte. Für beide Gegenstände haben sich das United States Holocaust Museum in Washington und die Gedenkstätte Yad Vashem in Israel interessiert – sie bleiben aber im Besitz der Familie.

Josef Salomonovic im Gespräch mit Alexander Schmidt bei der Veranstaltung im Dokumentationszentrum Reichsparteitagsgelände.

Die im Foyer des Dokumentationszentrums Reichsparteitagsgelände in korrektem Abstand versammelten knapp 40 Zuhörer hatten einige Fragen an Josef Salomonovic, zum Beispiel, ob es hilft (und erlaubt ist), über Hitler zu lachen. Platte Witze sind, so Josef Salomonovic, sicher nicht angebracht, aber eine gewisse Ironie und ein gewisser Witz machen es doch etwas leichter erträglich, Verfolgung, Gewalt und Hunger zu ertragen. Dass die Enttäuschung über die Tschechoslowakische Sozialistische Republik (CSSR), in der Josef Salomonovic nach 1945 in seiner Heimatstadt Mährisch-Ostrau (Ostrava) wieder lebte, tief sitzt, wurde ebenfalls auf Nachfrage deutlich. Besonders die stalinistischen Schauprozesse gegen jüdische Mitglieder der kommunistischen Partei und die wachsende Unfreiheit haben die Hoffnungen der Familie Salomonovic in diesen neuen Staat zerstört. Nach seiner Heirat mit Elisabeth, die aus Wien stammt, reiste Josef aus und lebt seitdem in der österreichischen Hauptstadt.

„Just keep it“ – Besuch auf dem Zeppelinfeld

Am zweiten Tag seines Besuches gab Josef Salomonovic ein Film-Interview auf dem Zeppelinfeld. In Kooperation mit der Stabstelle ehemaliges Reichsparteitagsgelände hat das Dokumentationszentrum Reichsparteitagsgelände die Medienwerkstatt Franken beauftragt, Stimmen zum Umgang mit Zeppelinfeld und Zeppelintribüne einzufangen. Die Sichtweise von Josef Salomonovic ist insoweit etwas Besonderes, als er als Überlebender des Ghettos Litzmannstadt und verschiedener Konzentrationslager besonders der Arbeit der Gedenkstätten verbunden ist. Für ihn war im Interview aber auch der Täterort Reichsparteitagsgelände wichtig: Einerseits war es für ihn ein besonderer Moment, dort zu stehen, wo Hitler seine Reden gehalten hat. Er, der kleine Junge aus dem Ghetto, der mehr als einmal dem Tod näher war als dem Leben, steht nun als über achtzigjähriger Mann halbwegs gesund und wachen Blickes auf der Rednerkanzel Hitlers – irgendwie auch ein Moment des Stolzes und der Genugtuung.

Zum Umgang mit dem Areal hat Josef Salomonovic eine eindeutige Meinung: Man sollte intensive Bildungsarbeit an diesem Ort betreiben in Ergänzung zu den vorhandenen Informationstafeln, vielleicht auch den Ort besser erschließen. Dass die Zeppelintribüne zu einem Versammlungsort für Neonazis verkommt, muss unbedingt verhindert werden – so Josef Salomonovic. Den weiteren Verfall zuzulassen ist für ihn aber keine gute Lösung: Die Zeppelintribüne sei zwar kein schönes, sondern ein eher schreckliches und hässliches Denkmal, aber eben doch ein wichtiger Lernort. Nach einer Instandsetzung sollte die Tribüne aber nicht wesentlich schöner aussehen als jetzt. Der vielsprachige Josef Salomonovic, der auch lange in den USA gelebt und gearbeitet hat, rät der Stadt Nürnberg im Umgang mit dem Areal Zeppelinfeld: „Just keep it“.

„Kindheit im Lager“, ein Beitrag von Radio Bayern 2

Zeitzeugengespräch mit Josef Salomonovic in der Wirtschaftsschule in Weiden

Informationen zum Umgang mit dem ehemaligen Reichsparteitagsgelände

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