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14 / 5 / 2020

Bilderwechsel 2

Die Kunstsammlungen präsentieren ein bislang ungezeigtes Gemälde im Stadtmuseum

Allen Ausstellungsbesuchern ist wohl bekannt, dass Museen einander hin und wieder Kunstwerke leihen, um sie in Sonderausstellungen zu zeigen. Doch was fängt man in dieser Zeit mit der Lücke an, die die ausgeflogenen Leihgaben an der Wand zurücklassen? Man sucht am besten einen würdigen Platzhalter. Einen solchen „Bilderwechsel“ stellten wir in diesem Blog bereits am 27. 4. 2016 vor. Hier ist ein weiterer:

Bildnis des Nürnberger Stadtarztes und Anatomen Dr. Volcher Coiter mit anatomischem Präparat
Nicolas Juvenel (vor 1540–1597) zugeschrieben, Nürnberg, 1575

Ein Stadtarzt geht auf Reisen

Die Pandemie greift um sich und ausgerechnet jetzt ist unser Nürnberger Stadtarzt auf Reisen! So hätten Zeitgenossen des Nürnberger Stadtarztes und Anatomen Volcher Coiter denken können, als er 1576 nach Frankreich aufbrach zu dem Feldzug des Pfalzgrafen Johann Casimir (reg. 1583‒1592), an dem er als Lagerarzt teilnahm. Leider ist er auf dieser Mission verstorben und nicht nach Nürnberg zurückgekehrt. 1576 ging zudem auch die Pest um (in Oberitalien), an der zum Beispiel Tizian in Venedig starb.

Zu unserem Glück haben wir anstelle eines Stadtarztes heute ein modernes Gesundheitssystem und nur das gemalte Bildnis des Stadtarztes ist auf Reisen. Es befindet sich – Ironie der Geschichte – gerade jetzt, in Zeiten der Corona-Seuche, in einer großen medizingeschichtlichen Ausstellung, die derzeit wegen der Pandemie noch geschlossen bleiben muss: die Ausstellung „Medicus – die Macht des Wissens“ im Historischen Museum der Pfalz in Speyer.
Informationen zur Ausstellung „Medicus – Die Macht des Wissens“

Volcher Coiter war als Anatom übrigens einer der Wegbereiter der systematischen empirischen Anatomie. Aus Groningen in den Niederlanden gebürtig, studierte er an den Universitäten Montpellier und Bologna und lehrte 1565/66 in Perugia als Professor, wurde als Protestant jedoch 1566 relegiert. Von 1569 bis 1576 war er als Stadtarzt in Nürnberg tätig. Er verband auf vorbildliche Weise anatomische Praxis mit humanistischer Gelehrsamkeit, worauf das Präparat eines Armes und die Bücherwand mit medizinischen Traktaten der Antike und der Neuzeit hindeuten.

Gemalt wurde sein Bildnis in Nürnberg um 1575, wohl von Nicolas Juvenel (vor 1540–1597), einem Nürnberger Künstler, der ebenfalls aus den Niederlanden stammte.

Bildnis Ursula v. Haller, geb. v. Grundherr (1602–1681)
Unbekannter Monogrammist JHF oder JFH (?), 1668

Aus dem Depot geholt: Ursula von Haller, geb. von Grundherr – eine vornehme Dame aus dem Nürnberger Patriziat

Anstelle des Bildes von Coiter zeigen wir nun ein Gemälde, dass ein knappes Jahrhundert jünger ist. Das hier zum ersten Mal präsentierte, 2015 erworbene Gemälde ist ein typisches Bildnis einer Nürnberger Patrizierin des 17. Jahrhunderts in der üblichen Tracht der Zeit.

Das Bild trägt das Wappen der Familie Grundherr, die Inschrift „ANNO 1668, AETATIS 66“ und ein Künstlermonogramm. Aufgrund des sich daraus ergebenden Geburtsdatums (1602) ließ sich die Dargestellte identifizieren: Es handelt sich um Ursula von Haller, geb. von Grundherr (1602–1681). Sie war verheiratet mit Hans Albrecht Haller von Hallerstein. Ein Bildnis Hallers als Pendant ist ziemlich sicher anzunehmen, zumal sein Wappen auf dem Bildnis der Gattin fehlt.

Das Monogramm des Künstlers konnte bislang nicht identifiziert werden.

Das Rätsel um den Künstler

Das Monogramm des Künstlers, lesbar eventuell als JHF oder JFH, vielleicht auch JHT oder JTH, konnte trotz längerer Recherchen bislang nicht identifiziert werden. Ein Träger eines solchen Monogramms ist für die Zeit 1668 in den einschlägigen Monogrammisten-Lexika nicht nachgewiesen. Auch die Listen der in Nürnberg nach der „Mahler-Ordnung“ tätigen Maler enthalten für die betreffende Zeit keinen Träger dieser Initialen. Stilistisch und historisch ist ein auswärtiger Künstler allerdings wenig wahrscheinlich. Auch Graphiken nach Bildnissen Hans Albrecht Hallers oder seiner Frau, die vielleicht Aufschluss hätten geben können, ließen sich bislang leider nicht feststellen.

Etwas für Schmuck-Kenner

Für den heutigen Betrachter mutet die auffällige Tracht etwas sonderbar an. Der sehr üppige Schmuck und die speziellen Elemente der Kleidung waren dem Patriziat vorbehalten und in einer Kleiderordnung durch den Rat genau festgelegt. Spitzenkragen, Schmuck, Ketten und Hauben waren Statussymbole und sind daher detailliert wiedergegeben. Die auffällige Tracht begegnet auch in einem Stich des Jakob von Sandrart nach einem Gemälde von 1664 von Ruprecht Hauer, der Magdalena Edel, geb. Fürleger zeigt. Rupprecht Hauer scheidet für unser Bild als Künstler allerdings aus, da er bereits 1667 starb.

Das Bild befand sich einst im Besitz des Nürnberger Juweliers und Kommerzienrats August Merklein (1865–1940). Eine Notiz auf der Rahmenrückseite besagt, dass es von ihm wegen der Darstellung des Schmuckes gekauft wurde.

Die Kunstsammlungen der Stadt Nürnberg konnten das Gemälde im November 2015 als Schenkung der Familie Merklein, Nürnberg, erworben. Es wird bis Sommer 2021 im Stadtmuseum gezeigt.

Das Stadtmuseum im Fembo-Haus ist ab 19. Mai 2020 wieder geöffnet.
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