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23 / 10 / 2019

Frieden schaffen ohne (Plastik)-Waffen

„Wir wollen Frieden“ ist der größte Wunsch der meisten Kinder aus aller Welt

Im kleinen Büro von Dr. Karin Falkenberg sieht es aus, wie kurz vor einem Bandenkrieg. Auf allen Tischen und Stühlen, auf dem Boden und sogar in leeren Regalfächern stapeln sich Waffen – einzeln, in Kartons, zusammengeschnürt oder gestapelt … Beim zweiten Blick merkt man, dass es sich um Spielzeug-Spritzpistolen, Indianer-Platzpatronengewehre und Polizei-Revolver für die Ganovenjagd im Kinderzimmer handelt. Im Nürnberger Spielzeugmuseum werden „Waffen“ gesammelt. „Kinder kommen ins Foyer, liefern ihre Spritzpistole ab und gehen wieder“, hat Falkenberg immer wieder beobachtet.

Kartons mit Spielzeugwaffen aus aller Welt stapeln sich im Büro von Karin Falkenberg.

Spielzeugwaffen für eine mobile Friedensskulptur

Der Nürnberger Künstler Johannes Volkmann vom „Papiertheater Nürnberg“ steckt hinter der Aktion; das Nürnberger Spielzeugmuseum kooperiert schon einige Jahre mit ihm. Damals, von 2014 bis 2018, hatte Volkmann die „Konferenz der Kinder“ initialisiert und den Gedanken in 30 Länder getragen. Zur tatsächlichen „Gipfelkonferenz der Kinder“ 2018 in der Straße der Menschenrechte am Germanischen Nationalmuseum kamen 70 Kinder aus elf Ländern, stellvertretend für Tausende. Dies alles wurde organisiert, finanziert, ausgedacht von Johannes Volkmann und seinen Helferinnen und Helfer vom Papiertheater. Das Ergebnis jener Friedenskonferenzen war klar und deutlich: „Was Kinder am meisten ersehnen, ist Frieden“, fasst Volkmann zusammen.

Kinder wünschen sich Frieden und geben daher ihre Spielzeugwaffen ab.

Zum nächsten, nun plakativ umgesetzten Schritt, war es nur ein kühner Gedanke und viel Arbeit: „Frieden gibt es nicht umsonst. Was wäre, wenn ihr eure Waffen abliefern müsstet“, so wandte sich der Freigeist und Freiberufler an die Kinder der Welt. Auch bei dieser Aktion war das Nürnberger Spielzeugmuseum Partner: unter anderem als Sammelstelle für den Waffenversand aus aller Welt und als Abgabeort für die Waffen von Kindern aus Franken. Viele hundert Waffen wurden „geliefert“, im Foyer abgelegt oder per Post aus aller Welt gesandt: „Wir wurden förmlich geflutet mit Paketen aus Deutschland, Österreich, Italien, Spanien, Frankreich, Rumänien, Serbien, Kroatien, Bulgarien, Nordmazedonien, Griechenland, Kuala Lumpur, Malaysia, den USA und Australien“, so Dr. Karin Falkenberg, Leiterin des Nürnberger Spielzeugmuseums.

Hamadoun verliest sein persönliches Friedensgedicht im Rathaus

Etliche Stadträte waren anwesend, als Kinder aus aller Welt Grußworte sprachen. Ein Gänsehaut-Moment entstand, als Hamadoun, ein Zweitklässler der Montessori Schule Nürnberg, sein selbstverfasstes Friedensgedicht verlas.

Das Friedensgedicht von Hamadoun.

Eine „wandernde Skulptur des Friedens aus Spielzeugwaffen“

Der Innenhof des Dokumentationszentrums ist ein eindrucksvoller Ort: Die Macht der Mauern, die spürbaren Absichten der Erbauer aus der Zeit des Nationalsozialismus, die monumentale Staatsmacht demonstrieren wollten; die Energie der Aufarbeitung durch die Stadt beispielsweise im Dokumentationszentrum Reichsparteitagszentrum nebenan und vielleicht auch die friedvolle Freude, die die Nürnberger Symphoniker hier an ihrem „Wohnort“ verbreiten – viele Gegensätze, ein historischer Ort in der Vergangenheit und in der Zukunft.

Die abgelieferten Spielzeugwaffen werden an einem vier Meter hohen Eisengerüst befestigt. Bildnachweis: Berny Meyer

Hier nun hat Johannes Volkmann ein vier Meter hohes Eisengerüst platziert. Es war einer der Höhepunkte der zweiten „Gipfelkonferenz der Kinder“, die hier am 18. Oktober zusammenkamen. Überall liegen die abgegebenen Spielzeugwaffen und Volkmanns freiwillige Helferinnen und Helfer wie die Wienerin Hanna Boesch machen sich daran, mit Heißluftföns das Plastik der Waffen anzuschmelzen, um sie dann am Gerüst festzukleben. „Auf diese Weise entstehen Skulpturen des Friedens“, sagt Johannes Volkmann. Das Denkmal mit den vielen Spielzeugwaffen wird ab Ende Oktober einige Zeit im Innenhof des Kolosseums zu sehen sein. „Im kommenden Jahr wird noch eine weitere Skulptur entstehen, auch in anderen Ländern haben wir angeregt, dass dies nachgeahmt wird.“ Irgendwann sollen alle Skulpturen zu „einem Tempel der Entwaffnung“ zusammengefügt werden, vielleicht sogar vor dem EU-Parlament in Brüssel“, gibt der Künstler seine Visionen preis.

Renate Schmidt: „Spendet für Volkmanns Papiertheater“

Einer der Höhepunkte der Kinderkonferenz war die Rede von Renate Schmidt, ehemalige Bundesministerin und ehemalige Vizepräsidentin des Deutschen Bundestags: „Ich verfolge die Aktionen dieses wunderbaren Künstler schon über 15 Jahre lang“, erinnert sie sich. „Eine seiner ersten Aktionen hieß „Unbezahlbar“ – auch da waren unsere Kinder gemeint. Was er alleine mit Freunden vollbringt, muss natürlich auch ‚bezahlbar‘ sein und ich freue mich, wenn ich hier jemanden dazu ermuntern kann, ihn mit einer Spende zu unterstützen .“

Karin Falkenberg, Johannes Volkmann und Renate Schmidt beim Aktionstag im Innenhof der Kongresshalle. Bildnachweis: Peter Budig

Das Schlusswort blieb Karin Falkenberg: „Natürlich kann weiter Kriegsspielzeug im Museum abgegeben werden – die Sehnsucht nach Weltfrieden endet nicht dem Bau einer Skulptur.“

Informationen zu den Aktivitäten von Johannes Volkmann


Peter Budig. Freier Journalist. Spezialist für Storytelling, Firmenbiografien und treffende Worte. Themen und Texte unter www.peterbudig.de

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