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26 / 9 / 2019

Das Dokuzentrum erhält ein neues Geschoss

Umbauten an der Kongresshalle dauern von 2021 bis 2023

Nürnbergs besucherstärkstes städtisches Museum steht von 2021 bis 2023 vor einer Mammutaufgabe: Das Großprojekt in der baulichen Verantwortung des städtischen Hochbauamts heißt „Ausbau Dokumentationszentrum Reichsparteitagsgelände“. Die Kosten werden insgesamt auf 15,3 Millionen Euro veranschlagt und vom Bund (7 Millionen Euro), dem Freistaat Bayern (4) und der Stadt Nürnberg (4,3) gemeinsam getragen.

Mehr Platz für Schulungen und Kultur

Vor allem wird das gesamte Sockelgeschoss im nördlichen „Kopfbau“ der Kongresshalle erschlossen, das bisher als Lager dient. Es erhält künftig unter anderem einen multifunktionalen Saal für Veranstaltungen (Filmvorführungen, Podiumsdiskussionen, Fachtagungen, Theatervorführungen, Buchvorstellungen …), der bis zu 200 Personen aufnehmen kann und damit das bisherige Studienforum im Dachgeschoss entlastet. Außerdem kommen eine neue Gastronomie und moderne Besuchertoiletten hinzu. Die Umbaumaßnahmen betreffen auch den Eingangsbereich, der dann ebenerdig liegen wird. Durch diesen Zugewinn werden andere Räume frei, um den wissenschaftlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern Büroplätze im Museum einzuräumen oder Platz für eine wissenschaftliche Bibliothek zu schaffen. Auch den Erfordernissen der Inklusion, besonders eines niedrigschwelligen Betretens des Gebäudes, kann nun umfassender Rechnung getragen werden.

Die hohen Besucherzahlen machen den Umbau notwendig

Als das „Dokuzentrum“ 2001 im Beisein des damaligen Bundespräsidenten Johannes Rau nach jahrzehntelangen Diskussionen über eine angemessene Verwendung der historischen Bauten aus den 1930er Jahren eröffnet wurde, war das Lob für das neu geschaffene Museum einhellig. Die Überzeugungskraft des Entwurfs des Grazer Architekturprofessors Günther Domenig (1934-2012), die Macht der meterdicken Mauern, gleichsam die Gewalt dieses NS-Baus, durch einen Glaskeil aufzubrechen, ist bis heute spürbar. Licht sollte hinein in den letzten Winkel dieses von den Nürnberger Architekten Ludwig und Franz Ruff im Auftrag Adolf Hitlers entworfenen Monumentalbaus. Beides, der Wahn der NS-Diktatur und die Kühnheit des modernen Museumsentwurfs haben ihren Beitrag geleistet, dass „das Gebäude an sich der wichtigste Ausstellungsgegenstand des Dokumentationszentrums ist“, wie Museumsleiter Florian Dierl und Robert Minge, für den Umbau verantwortlicher Projektleiter im städtischen Hochbauamt, unabhängig voneinander betonen.

Als ebenso folgerichtig hat sich das pädagogische Konzept der Dauerausstellung erwiesen. „Unser Anliegen als Historiker war, zu verdeutlichen, wie viel die nationalsozialistische Bewegung an aktiver Unterstützung aus der Bevölkerung erfahren hat. Der gerne angeführte Aspekt der ‚Verführung‘ tritt in den Hintergrund“, klärt Dierl auf. Dies gilt als wesentlicher Baustein der Aufarbeitung der Stadt mit ihrer besonderen NS-Vergangenheit („Stadt der Reichsparteitage“). Mit 100.000 Besuchern hatte man damals im Jahr gerechnet, gut 280.000 waren es 2018. „Der Erfolg hat uns überrollt“, räumte Nürnbergs Kulturreferentin Julia Lehner bei der Vorstellung des Umbaukonzeptes ein.

Und hier wird für die Bauzeit ein provisorischer Eingangsbereich entstehen.

Mehr Service für Besucher – Stützung des kommunikativen Charakters

Jetzt gilt es, gleichermaßen behutsam wie pragmatisch an die Erweiterung heranzugehen. Die Vorfreude ist Museumsleiter Dierl trotz der Umstände anzumerken. Bis jetzt müssen er und sein Team mit Büros in einem Villengebäude gegenüber dem Gasthaus „Gutmann am Dutzendteich“ Vorlieb nehmen, nach dem Umbau werden sie im Museum Platz finden. Auch soll eine gastronomische Nutzung an der dem Dutzendteich zugewandten Seite die kommunikative Absicht des Gesamtprojekts unterstreichen. „Wir wollen unseren Gästen etwas bieten. Das Dokuzentrum ist Teil des Stadtquartiers“, betont Dierl und hat damit auch die Absichten, die mit Nürnbergs Bewerbung als Kulturstadt Europas zusammenhängen, im Blick. „Der Begegnungscharakter wird durch den gesamten Umbau deutlich erhöht“, so Dierl, Leiter des Hauses seit 2014, „und der Service für Besucher verbessert“.

Florian Dierl, Leiter des Dokumentationszentrums, vor dem derzeitigen Eingang für Rollstuhlfahrer.

Denkmalschutz und Urheberrechte erfordern sensible Experten

Was warten für Herausforderungen, beim Umbau an einem Gebäude, das für ein „tausendjähriges Reich“ konzipiert war? Robert Minge, der sich seit Jahren mit dem historisch sensiblen Reichsparteitagsgelände beschäftigt, sieht dem Projekt gelassen entgegen: „Die Kongresshalle steht noch robust da. Es lohnt sich, hier zu investieren“, fasst er nüchtern zusammen. 1600 qm neue Fläche werden durch die Maßnahmen erschlossen: „Wir müssen ein paar Wände herausnehmen, aber wir versuchen, uns stark an der Struktur des Hauses zu orientieren“, erklärt der Fachmann aus dem Hochbauamt der Stadt. Natürlich gilt es, den Denkmalschutz und die Urheberrechte von Herrn Domenig zu beachten“, so Minge.

Robert Minge vom Hochbauamt Nürnberg beschäftigt sich seit Jahren mit dem Reichsparteitagsgelände. Bildnachweis: Stadt Nürnberg Presse und Informationsamt. Foto: Christine Dierenbach

Dafür wurde ein kompetentes Planungsteam zusammengestellt, die Architektenleistung übernimmt das Büro Fritsch, Knodt, Klug + Partner aus Nürnberg. Daniel Ulrich, Planungs- und Baureferent merkt dazu an: „Ich freue mich, dass hier ein Büro die Planung übernommen hat, welches bereits an vielen anderen prominenten Stellen der Stadt ein sehr gutes Gespür für den richtigen Umgang mit alter Bausubstanz gezeigt hat!“.

Interims-Ausstellung vermittelt die Geschichte des Ortes in der Schließzeit

Auch wenn das Haus ab Januar 2021 zum größten Teil nicht mehr zugänglich ist, so wird vor Ort weiterhin eine historische Grundinformation geboten: Die dem Dutzendteich zugewandte und bereits seit 2004 für Sonderausstellungen genutzte „Große Halle“ des „Kopfbaus“, beherbergt in der Schließzeit eine eigens konzipierte Interims-Ausstellung, in der in kompakter Form die wesentlichen Stationen der Geschichte des „Geländes“ von der Zeit der Weimarer Republik bis zur Gegenwart vorgestellt werden. Damit ist gewährleistet, dass für die Besucher aus aller Welt auch weiterhin eine Einordnung der monumentalen Baureste in die Geschichte des Nationalsozialsozialismus und seiner Folgen möglich ist. Zudem gibt die Ausstellung auch erste Einblicke in eine weiterentwickelte Darstellung des „Geländes“ und seiner Geschichte, die dann umfassend erkundet werden kann, wenn das „Dokuzentrum“ seine Türen wieder öffnet.

Ab Anfang Januar 2020 wird dann eine eigens für die Umbauphase erstellte Microsite immer über den aktuellen Stand informieren.


Peter Budig. Freier Journalist. Spezialist für Storytelling, Firmenbiografien und treffende Worte. Themen und Texte unter www.peterbudig.de

Ein Kommentar zu “Das Dokuzentrum erhält ein neues Geschoss

  • Gisela Lienhardt
    1 / 11 / 2019 | 15:57

    Ich war schon mehrmals im Dokuzentrum und bin immer wieder beeindruckt. Der Umbau erfordert viel Engagement von allen Beteiligten. Es ist der richtige Weg. Die Vergangenheit darf nicht vergessen werden.

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