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21 / 2 / 2019

Anker der Alltagskultur

Die Ausstellung „Aufgehängt und abgehakt“ rückt den Kleiderbügel ins Licht von Technik- und Konsumgeschichte

Das Kuriose liegt Matthias Dülp im Blut, die Sammelleidenschaft in den Genen: Rund 3500 Kleiderbügel umfasst seine Sammlung. Die interessantesten Exemplare stellt das Museum Industriekultur „Aufgehängt und abgehakt“ vom 21. Februar bis 28. April 2019 aus und eröffnet aus ungewöhnlicher Perspektive den Blick auf Technik-, Wirtschafts- und Sozialgeschichte, auf Alltagskultur und Modeströmungen.

Herr Dülp, wie sind Sie auf den Bügel gekommen?

Als Jugendlicher habe ich mal Säbel gesammelt, Kaffeelöffel mit Aufschriften, später Blechspielzeug und dann Ansichtskarten, Wandertagsabzeichen und Bier- und Pfandmarken. Der Kleiderbügel passt in diese Richtung: Er ist ein Alltagsgegenstand, der nicht geschätzt wird – und der eine Vielfalt von Themen eröffnet.

Matthias Dülp sammelt mit Leidenschaft Kleiderbügel. Bildnachweis: Berny Meyer

Wie zum Beispiel?

Das Material zum Beispiel. Holzbügel waren die ersten, die den Kleiderrechen ablösten. Der einfache Drahtbügel, den wir kennen, wurde erst 1903 patentiert. Heute verwenden wir hauptsächlich Plastikbügel. Dann wurde viel erfunden, um das Abrutschen der Kleidung zu verhindern: Beschichtungen, textile Überzüge, eingelassene Gummirippen, Klammern und so weiter.

Oder die Herkunft: Stammen die Bügel aus Bekleidungshäusern, aus der Chemischen Reinigung, aus Firmeninventar oder vielleicht aus Hotels und Gasthöfen? Bügel wurden ja mit großer Leidenschaft geklaut. Wobei Aufschriften wie „Bitte lass mich hängen“ meiner Meinung nach ein augenzwinkerndes Werbegeschenk waren: Jedes Mal, wenn man den Bügel später aus dem eigenen Schrank und in die Hand nahm, erinnerte er einen doch an den schönen Aufenthalt.

Bitte lass mich hängen! Der hilflose Versuch, dem „Kleiderbügelschwund“ in Hotelschränken vorzubeugen. Foto: Erika Moisan

Apropos schön: Wie wichtig ist die Ästhetik für einen Kleiderbügel?

Er muss vor allem funktional sein. Die ersten, die Kleiderbügel verwendeten, waren Adel, Klerus und Militär. Man kann eine Offiziersuniform mit Epauletten nicht einfach in eine Kiste stecken, das tut ihr nicht gut! Das Gleiche gilt für die Chorgewänder der Kirche mit ihren Metallapplikationen. In der Ausstellung wird der Schönborn’sche Mantel – eine Leihgabe aus Bamberg – zu sehen sein, drapiert auf einem Bügel, der an der Basis zwei Meter breit und 1,65 Meter hoch ist. Kürschner brauchten wegen der ausladenden Krägen Bügel mit passend geformten Aufhängern. Oder ein Bügel von Hugo Boss, der einen teuren Anzug trägt, der ist groß, dick und schwer wie nur was.

Pluviale aus dem Ornat des Fürstbischofs Friedrich Carl von Schönborn aus dem Jahr 1731 auf einem historischen Paramentenbügel. Foto: Erika Moisan

Für alle anderen gilt: Die Schönheit liegt im Auge des Betrachters. Mir gefallen auch schrille, abgefahrene oder geschmacklich zweifelhafte Exemplare, die oft sehr gut den Zeitgeist spiegeln. Deswegen finde ich zum Beispiel auch die Garderobenbügel der 1970er Jahre mit Brokatüberzug gut, die zur Haube für das Telefon passten.

Gibt es einen Kleiderbügel, den Sie besonders schätzen?

Es ist ein alter Holzbügel, der aussieht, als wäre er mit der Hand gesägt. Der Steg, also die Querstange, ist geschnitzt und wo er gebrochen war, wieder zusammengenagelt worden. Der Haken besteht aus einer schlichten Ringschraube. Ich liebe ihn deswegen so heiß und innig, weil er Vergangenheit bewahrt. „Der tut’s doch noch!“ – das widerspricht unserer heutigen Wegwerfmentalität. Nur ein kleiner Teil der Plastikbügel wird recycelt, der Rest landet auf dem Müll und am Ende in den Ozeanen. Oder die Holzbügel: Das Holz wird im Spessart geschlagen, nach China verschifft und dort zu Bügeln geformt und die dann bei uns verkauft… Vorbildhaft sind da ein Pappbügel aus Frankreich, der aus dickem Karton gestanzt ist, oder ein Hartfaserbügel von einem Öko-Label. Sie sehen: wieder ein Thema, das am Bügel hängt.

Schwimmbad-Impressionen mit Spezialbügeln in der aktuellen Ausstellung im Museum Industriekultur. Foto: Erika Moisan

Aktuell sind Hoodies und Daunenjacken in Mode, die jedes Knautschen verzeihen. Wird der Kleiderbügel aussterben?

Das kann ich mir schwer vorstellen. Der Mensch braucht Bekleidung und wenn er mehr Kleider hat, als er auf einmal anziehen kann, muss er sie ja irgendwie aufheben. Am besten eignet sich dazu ein Gegenstand, der der menschlichen Anatomie nachgebildet ist: der Kleiderbügel.

Sie wissen so viel über Bügel, sind da noch Fragen offen?

Aktuell beschäftigt mich diese: Wie hängt man einen Raumanzug ins irdische Depot? Ich habe schon bei der Europäischen Raumfahrtbehörde ESA angefragt…

Informationen Ausstellung „Aufgehängt und abgehakt“
Foto-Wettbewerb zur Ausstellung
Ein Beitrag zur Ausstellung in der Mediathek der Frankenschau

 

Ein Kommentar zu “Anker der Alltagskultur

  • Runhild Laubmann
    1 / 5 / 2019 | 11:40

    In welchem Film wurde einmal ein Mann im Anzug auf dem Bügel in den Schrank gehängt? Ich kann mich nicht mehr erinnern…

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