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29 / 6 / 2017

Zurück auf Los

Nürnberg und das Spear-Spielearchiv

Manchmal schließen sich Kreise im Leben. Menschen und Dinge kehren nach langer Zeit und vielen Umwegen dorthin zurück, wo sie ihren Ursprung genommen haben. Daran musste ich denken, als sich an einem sonnigen und windigen Tag im Juni 2017 die Tür eines großen weißen Lastwagens schloss. Inhalt: das Spear’s Games Archive. Ort: Roughground House, das ländliche Anwesen von Francis und Hazel Spear in Hertfordshire, England. Ziel: das Deutsche Spielearchiv im Pellerhaus am Nürnberger Egidienberg.

Transportlastwagen vor dem Spear-Spielearchiv im Hof von Roughground House, 7. Juni 2017. Bildnachweis: Helmut Schwarz

Das gelbe Band

Fast auf den Tag genau, am 17. Juni 1996, war ich das erste Mal an dieser Stelle gestanden. Francis und Hazel Spear hatten mich als Leiter des Nürnberger Spielzeugmuseums eingeladen, das gelbe Seidenband zu durchschneiden, das symbolisch den Zugang zum Spear-Spielearchiv verwehrte. Trommelwirbel: „I hereby solemnly declare this archive open!“ Tusch, Beifall, Hochrufe und vielstimmiges Lachen.

Aus aller Welt waren Gäste gekommen, um Francis Spear zu seinem 65. Geburtstag zu gratulieren. Und sie waren neugierig auf das Archiv, das er sich und der ganzen Spielewelt an diesem Tag zum Geschenk gemacht hatte. Hier lagen sie, übersichtlich ausgebreitet und nach Kategorien geordnet, all die Schätze einer langen Unternehmensgeschichte, die Jacob Wolf Spear mit der Gründung eines „Import- und Exportgeschäfts mit Kurzwaren“ 1879 in Fürth begonnen hatte: prächtige Gesellschafts- und Kartenspiele, kindgerechte Bilder- und Malbücher, knifflige Geschicklichkeits- und Beschäftigungsspiele, unterhaltsame Bastel- und Zauberkästen. Hier warteten gute Bekannte aus Kinder- und Erwachsenentagen: „Die fliegenden Hüte“, „Das magnetische Angelspiel“, „Denk fix!“ und natürlich der Weltbestseller „Scrabble“.

Seltener Schatz: Francis Spear in seinem Spielearchiv mit einem Musterbuch der Nürnberger Holzspielwarenfabrik C. Baudenbacher von etwa 1870. Die Firma wurde 1919 von Spear übernommen. Rechts an der Wand: Porträt von Hermann Spear. Bildnachweis: Helmut Schwarz

Vier Generationen Spear

Über allem wachten die Porträts des Firmengründers und seiner Söhne und Enkel, die anfangs in Fürth, dann in Nürnberg und seit 1930 auch in Enfield bei London den Namen Spear zu einem weltweiten Begriff für qualitätvolle Spiele gemacht hatten. Unter ihnen auch Hermann Spear, der – wie elf weitere Mitglieder der weit verzweigten Spear-Familien – dem Rassenwahn der Nazis zum Opfer gefallen war. Während sein Cousin Richard, Direktor der englischen Spear-Spielefabrik, geflüchtete Familienmitglieder bei sich aufnahm, wandelte im feindlichen Nürnberg Fotokönig Hanns Porst den Betrieb zur Porst-Spielefabrik um. Er hatte sich im Zuge der „Arisierungen“ eine Weltfirma zum Nulltarif unter den Nagel gerissen. Und schickte den Enteigneten und Vertriebenen dann noch perfide Spiele wie „Bomben auf England“ hinterher …

Vor diesem Hintergund war es alles andere als eine Selbstverständlichkeit, dass die Spear-Spielefabrik nach Kriegsende und der Rückgabe an die rechtmäßigen Eigentümer wieder an alter Stelle fortgeführt wurde. Nach der Produktionseinstellung 1984 wanderte ein großer Teil der im Nürnberger Firmenarchiv aufbewahrten Spiele nach Enfield. Es ist das Verdienst des geschichts- und familienbewussten Francis Spear, diesen Schatz zusammen mit dem großen Fundus aus der britischen Spear-Produktion in seinem Spielearchiv so vorbildlich für die Nachwelt bewahrt zu haben. Zwei Jahrzehnte lang stand das Archiv, dessen offizieller Träger die Spear-Stiftung war, interessierten Besucher offen. Gerne erklärte Francis seinen Gästen aus Nah und Fern die Besonderheiten und Hintergründe der Spiele. Sammler, Museumsleute und Journalisten hatten Gelegenheit, vor Ort ihre Studien zu betreiben, während Hazel mit Sandwiches, Keksen und Tee für typisch englische Wohlfühlatmosphäre sorgte.

Im Winter 1997/98 zeigte das Spielzeugmuseum Nürnberg eine Ausstellung über die Firma Spear mit vielen Leihgaben aus dem Spear’s Games Archive. Im Bild Francis Spear und Restaurator Urs Latus bei der Rückgabe der entliehenen Objekte im April 1998. Bildnachweis: Helmut Schwarz

Zurück in die Zukunft

Das Spear’s Games Archive ist Vergangenheit. Aus gesundheitlichen Gründen kann Francis Spear es nicht mehr länger betreuen. Dank der langjährigen freundschaftlichen Beziehungen zum Nürnberger Spielzeugmuseum war es ihm und den anderen Mitgliedern der Spear-Stiftung ein Herzensanliegen, das Archiv mit allen Spielen, Bildern und sonstigen Dokumenten geschlossen nach Nürnberg abzugeben. Als Geschenk an die Stadt, mit der das Familienunternehmen über Jahrzehnte in guten wie in schlechten Zeiten eng verbunden war. So kehren die Spiele zurück an ihren Ursprungsort. Im Deutschen Spielearchiv finden sie eine neue, dauerhafte Heimat. Und während sich die Tür eines großen weißen Lastwagens schließt, denke ich mit etwas Wehmut an den noch einigermaßen jungen Mann zurück, der seinerzeit das gelbe Band durchschnitt. Und freue mich zugleich auf das, was im Pellerhaus aus diesem weltweit einmaligen Schatz der Spielekultur entstehen wird.

Thank you so much, Francis & Hazel!

Literaturhinweis
Helmut Schwarz/ Marion Faber: Die Spielmacher. J. W. Spear & Söhne – Geschichte einer Spielefabrik, Nürnberg 1997 (= Schriften des Spielzeugmuseums Nürnberg, Bd. 2)

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