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21 / 8 / 2018

Wie zu Dürers Zeiten

Die Werkstatt des Meisters im Albrecht-Dürer-Haus ist in Betrieb

Wie arbeitet ein Kupferstecher? Was macht der Bengel? Warum liegen heute Metallplatten in der Druckerpresse statt eines Holzstocks? All diese Fragen darf man im Albrecht-Dürer-Haus stellen und bekommt die Antwort, mit etwas Glück, sogar den Druck vorgeführt. Jeweils am Donnerstagabend demonstrieren die Kupferstecherin Sofia Fränkl und die Druckerinnen Gisela Brandstätter und Michaela Uebler die überlieferten Techniken am historischen Ort.

Um es gleich zu sagen: Die Werkstatt ist fest in Frauenhand. Aber das erzählt man sich ja auch über Dürer und seine Kunst, die von seinem Weib geschickt vermarktet worden sein soll. Seit 20 Jahren schon schlüpft Gisela Brandstätter in die Rolle der resoluten Agnes und lässt Wissen über den berühmten Künstler und seine Zeit ganz beiläufig einfließen. Sie erzählt zum Beispiel, dass Albrecht Dürer (1471-1528) sich für den Kupferstich interessierte und zur Werkstatt der Gebrüder Schongauer nach Colmar reiste. Doch er kam zu spät: Der berühmte Maler und Kupferstecher Martin Schongauer war im Jahr zuvor wahrscheinlich an der Pest gestorben.

Nur Punkte und Linien

Mit welcher Leidenschaft Dürer, der gelernte Goldschmied, sich die Technik angeeignet haben muss und zu welcher Meisterschaft er gelangte, kann Sofia Fränkl nachempfinden. Die Künstlerin arbeitet regelmäßig in der Werkstatt im 2. Obergeschoss des Dürerhauses. Sie beugt sich über den Tisch, fasst den Stichel mit beiden Händen und führt ihn hochkonzentriert in die weiche Kupferplatte. „Ich habe nur Punkte und Linien, um ein Bild zu schaffen“, sagt sie, „und ich kann nichts korrigieren.“ Gar nichts. Maximal eine Stunde könne sie arbeiten, dann streikt das Handgelenk und das Gefühl in der Hand lässt nach. „Ich muss das aber spüren: Je tiefer die Linie, desto dunkler wird sie im Druck.“

Sofia Fränkl orientiert sich in ihrem Schaffen im Albrecht-Dürer-Haus an den Werken des Meisters. Der Hase, das Nashorn, das Selbstbildnis oder die kleine Eule hat sie nach seinen Vorbildern gestochen – gedruckt wird wie zu Dürers Zeiten. Also fast. Sobald die Kupferplatte eingefärbt ist, das tropfnasse Büttenpapier abgetupft und aufgelegt und mit Filzmatten bedeckt ist, wird gekurbelt.

Die meiste Arbeit nimmt der Künstlerin heutzutage aber die Hydraulik ab, die zwei Tonnen Druck erzeugt. „Die bringen’s!“, sagt Gisela Brandstätter, die Graphik und Design studiert hat und dem Thema nah ist. Denn beim Tiefdruck wird die Farbe aus den Vertiefungen im Material ins Papier gepresst und von diesem aufgesogen. Rund um den Originaldruck entsteht ein Rand, der die Echtheit beweist.

Michaela Uebler an der großen Druckerpresse. Foto: Gabriele Koenig

Ehrfurcht vor dem Meister

Etwa fünf Stunden, schätzt Sofia Fränkl, habe sie an der kleinen Eule gearbeitet. Für genauere, feinere und größere Stiche benötigt sie länger. Die Ehrfurcht vor Dürer wächst: Hat er doch jeden seiner 106 Kupferstiche eigenhändig gestochen und gedruckt. Ein Kupferstich bringt 200 bis 300 gute Drucke, das „Nachschneiden“ macht vielleicht noch einmal so viele Blätter möglich.

Dazu kommen an die 250 Holzschnitte, die nach Dürers Entwurf und oft von Holzschneidern ausgearbeitet wurden. Wie ein solcher Druck funktioniert, kann nebenan beobachtet werden. Allerdings benutzt Michaela Uebler, die heute Druckerin ist, keinen Holzstock sondern Metallplatten mit Dürers Nashorn und seinem Porträt Kaiser Maximilians. Eine Frage der Effizienz: „Wir drucken jede Woche 300 bis 400 Exemplare, die wir verschenken. Von einem Holzschnitt lassen sich 800 bis 1000 Blätter drucken, je nach Kompliziertheit des Motivs auch einmal mehr.“

Schwarz aus Ruß und Leinöl

Der Druck selbst ist im Nu erledigt. Hier heißt er Hochdruck, weil die erhabenen Teile der Vorlage drucken. Michaela Uebler streicht die Farbe – eine Mischung aus Ruß und Leinöl – auf eine ebene Fläche, rollt zunächst mit einer Walze darüber, bis es schmatzt. „Zu Dürers Zeit hat man dafür Ballen aus Hundeleder benutzt“, erklärt Gisela Brandstätter, „denn der Hund schwitzt über Zunge und Pfoten, die Haut am Rücken ist sehr feinporig.“ Mit der Walze fährt die Druckerin über das Konterfei Maximilians, spannt Papier ein und schiebt den Wagen unter den Tiegel.

Dann muss der Bengel, ein langes rundes Holz, herhalten und wird in die Spindel der Presse geschoben. „Das ist jetzt Frauenpower“, schmunzelt die Agnes, als Michaela Uebler mit Kraft und ganzem Gewicht an dem Holz zieht. Eine Tonne Druck erzeugt sie so – und bald darauf hält die Agnes ein messerscharfes Porträt des Kaisers in der Hand. Zum Trocknen wird es mit Klammern an einer Leine befestigt.

Gisela Brandstätter in ihrer Rolle als Agnes Dürer zeigt den Druck mit dem Porträt Kaiser Maximilians. Foto: Gabriele Koenig

Konzentration? Kein Problem!

Die Presse übrigens gleicht derjenigen, die Dürer selbst gezeichnet hat, aufs Haar. MAN-Lehrlinge bauten sie 1971, im Jahr der großen Dürerausstellung, nach – und kommen, inzwischen selbst Rentner, ihr Werk gelegentlich besuchen. Wie viel Eindruck die Presse macht, erleben die Druckerinnen bei Schulklassen. „Die Kinder sind so interessiert und so brav, wenn sie drucken dürfen!“

Mehrere Schüler-Generationen schon haben die Dürer-Werkstätten erlebt. Die frühere Leiterin Jutta Tschoeke hatte sie vor 20 Jahren aus dem Wunsch heraus eingerichtet, das Dürerhaus zu beleben. Zur kurzweiligen Demonstration hergebrachter Techniken kam 2009, als Thomas Schauerte die Leitung des Albrecht-Dürer-Hauses übernahm, der verstärkte wissenschaftliche Anspruch in der Vermittlung. Die Künstlerin sowie die Druckerinnen und die Agnes-Darstellerinnen dürfen nicht nach Lust und Laune ausschmücken, sie sollen – soweit sich das 500 Jahre später noch belegen lässt – historisch korrekt berichten.

Die Arbeitszeit der Kupferstecherin Sofia Fränkl ist nicht genau festgelegt. In der Regel kann man ihr an Wochentagen nachmittags bei der Arbeit in Dürers Werkstatt über die Schulter schauen.

Informationen zur Kostümführung mit Agnes Dürer

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