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5 / 4 / 2018

Friedensmacher

Das Memorium Nürnberger Prozesse erinnert an das Ende des Ersten Weltkriegs vor 100 Jahren

Wie werden Kriege beendet? Was ist ein gerechter Frieden? Wie können die Folgen von Kriegen politisch, sozial und ökonomisch bewältigt und der Frieden dauerhaft gesichert werden? Auf diese Fragen, die in Anbetracht der anhaltenden Konflikte in Syrien oder der Ukraine aktueller denn je sind, mussten die Siegermächte des Ersten Weltkriegs vor 100 Jahren Antworten finden.

Mehr als vier Jahre Krieg hatten Europa ausgelaugt. Millionen Soldaten waren tot, verwundet oder in Gefangenschaft. Weite Teile der Zivilbevölkerung litten Hunger und unter der Gewalt des „Großen Krieges“, der immer totaler wurde und die Volkswirtschaften der europäischen Imperien und Kolonialmächte ruinierte. Die immensen demografischen und materiellen Verluste verhinderten einen Verständigungsfrieden in dem Konflikt, den bereits ab Spätsommer 1914 keiner der beteiligten Staaten allein militärisch entscheiden konnte. Sollten die Opfer umsonst gewesen sein? Das wollte keine Regierung, kein Staatsoberhaupt und kein Militär verantworten.

Zusammenbruch und Revolution

Für die deutsche Öffentlichkeit kam die Niederlage im Herbst 1918 überraschend. Infolge der Revolution war Russland aus dem gegnerischen Bündnis ausgeschieden. Der im März 1918 erzwungene Frieden von Brest-Litowsk sicherte die deutsche Herrschaft über Osteuropa und setzte Kräfte für die vermeintlich entscheidende Offensive im Westen frei. Nach ihrem Scheitern im Sommer 1918 fürchtete die Oberste Heeresleitung den Zusammenbruch der deutschen Streitkräfte und drängte die Reichsregierung auf einen raschen Waffenstillstand. Mit innenpolitischen Reformen und diplomatischem Geschick hoffte sie auf einen Ausgleich mit den Gegnern. Doch die politischen Entwicklungen gewannen ab Oktober eine Dynamik, die nicht mehr zu steuern war. Mit Bulgarien, dem Osmanischen Reich und Österreich-Ungarn schieden nach und nach sämtliche Verbündete des Deutschen Reichs aus dem Krieg aus. Im Inneren führten Streiks und Meutereien zu einer Revolution; die herrschenden Monarchen dankten ab. So musste die junge Republik den vom Kaiserreich geerbten Krieg liquidieren.

Postkarte zur Gruendung des Völkerbundes. Bildnachweis: Deutsches Historisches Museum, Berlin, PK 96/537. Die amerikanische Postkarte feiert den Völkerbund mit biblischen Motiven. Die zusammenstürzende, brennende alte Welt auf der einen Bildseite wird mit der leuchtenden Stadt auf einem Hügel kontrastiert. Das Neugeborene in der Krippe, hinter dem führende Staatsmänner und Militärs stehen, symbolisiert den Völkerbund, der zur dauerhaften Friedenssicherung auf der Pariser Konferenz 1919 gegründet wurde.

Widerstreitende Interessen der Sieger

Bereits der am 11. November 1918 in Compiègne geschlossene Waffenstillstand verdeutlichte, dass die Entente keinen Ausgleich mit den Mittelmächten anstrebte. Besonders Frankreich drängte auf eine symbolische Demütigung Deutschlands. Anders als bei den vorherigen großen europäischen Friedenskonferenzen wie dem Wiener Kongress von 1814/15 schlossen die Siegermächte des Ersten Weltkriegs die Verlierer von den Verhandlungen aus. Sie fanden nicht im Arkanum der Diplomatie statt. Massenmedien, Parteien, Interessenverbände und nicht zuletzt die Kriegspropaganda hatten die Öffentlichkeit in den europäischen Staaten politisch mobilisiert. Die Herausforderungen, mit denen sich die Konferenzteilnehmer konfrontiert sahen, waren ebenso riesig wie widersprüchlich: Die USA wollten die „Welt sicher machen für die Demokratie“ und den Völkern Europas das Selbstbestimmungsrecht garantieren. Großbritannien wollte sein Empire sichern und mittelfristig das Gleichgewicht der Mächte auf dem Kontinent wiederherstellen. Frankreich wollte das Deutsche Reich territorial, militärisch und ökonomisch dauerhaft schwächen, um sich vor einer erneuten Aggression zu schützen. Andere Siegermächte wie Italien oder Japan waren bestrebt, ihre Gebietsansprüche durchzusetzen, die ihnen vor ihrem Kriegseintritt von der Entente zugesichert worden waren.

Postkarte gegen den Versailler Vertrag. Bildnachweis: Deutsches Historisches Museum, Berlin, PK 96/235
Broschüren, Flugblätter, Plakate und andere Druckerzeugnisse, die gegen die Bestimmungen des Friedensschlusses polemisierten, waren in Deutschland weit verbreitet. Auf dieser Postkarte ist die Germania, Symbolfigur Deutschlands, wehrlos und geschändet am Marterpfahl gefesselt. Doch das durch die Wolken brechende Licht verspricht eine hellere Zukunft – die Revision des Versailler Vertrags.

Das Stigma der Schuld

Die Friedensverträge, die mit den Kriegsverlierern jeweils einzeln geschlossen wurden, ordneten die politische Landkarte Europas und des Nahen Ostens grundlegend neu, brachten aber keine Aussöhnung, sondern führten vielmehr zu Verbitterung und fortdauernden Konflikten. Stärker noch als territoriale Verluste und Reparationsforderungen empörte die deutsche Öffentlichkeit, dass die Siegermächte dem Deutschen Reich die Kriegsschuld zuschrieben. Diese moralische Stigmatisierung der Kriegsverlierer war historisch beispiellos und verlieh den Pariser Friedensschlüssen eine neue Qualität. Der Kampf gegen die „Kriegsschuldlüge“ und den „Schandfrieden von Versailles“ vereinte verfeindete politische Lager und wurde zur außenpolitischen Konstante in der Weimarer Republik.

Demonstration gegen den Versailler Vertrag vor dem Brandenburger Tor in Berlin. Bildnachweis: Deutsches Historisches Museum, Berlin, BA 98/79
Die Forderungen der Siegermächte auf der Pariser Friedenskonferenz mobilisierten die deutsche Öffentlichkeit. Unter Bezug auf das vom US-Präsidenten Woodrow Wilson proklamierte Selbstbestimmungsrecht der Völker demonstrierten im Mai 1919 in Berlin Bewohner aus den Gebieten, die gemäß dem Versailler Vertrag vom Deutschen Reich abgetrennt werden sollten.

Zwischen Trauma und Triumph

Die Erinnerung an das Kriegsende und die Friedensschlüsse waren in den Verliererstaaten ein Trauma, das politisch instrumentalisiert wurde. Versailles oder Trianon galten als Chiffren für Gebietsverluste und nationale Schmach. Zahlreiche Nationen in Mittel- und Osteuropa feierten hingegen das Kriegsende und die Friedensschlüsse, weil sie zum Neu- oder Wiedergewinn der eigenen Staatlichkeit führten. Entsprechend konträr fallen in Europa bis heute die Bewertungen der Ereignisse aus.

Das Kriegsende vor 100 Jahren nimmt das Memorium Nürnberger Prozesse zum Anlass für eine Veranstaltungsreihe. International renommierte Historiker beleuchten die Bedeutung und Folgen der Friedensschlüsse. Wie werden sie heute in Europa erinnert? Welche Rolle spielte die Pariser Friedenskonferenz für die Entwicklung des internationalen Rechts? Warum scheiterte die von den Siegern geschaffene Nachkriegsordnung? Diesen und weiteren Fragen widmen sich die Referenten in ihren Vorträgen. Ergänzt wird das Programm mit Stadtrundgängen zum Kriegsende und zur Revolution in Nürnberg, Sonderführungen durch die Ausstellung und einer szenischen Lesung im Schwurgerichtssaal zum Jahrestag des Waffenstillstands am 11. November.

Die Veranstaltungsreihe eröffnet Gerd Krumeich, emeritierter Professor an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf, mit seinem Vortrag am 12. April. Seine zahlreichen Publikationen zum Ersten Weltkrieg sind internationale Standardwerke.

Informationen zur Veranstaltungsreihe „Der Preis des Friedens“

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