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22 / 9 / 2017

Jenseits von Nürnberg

Wie NS-Verbrechen in Europa verfolgt wurden

Das Thema ist schwer und liegt 70 Jahre zurück: Der Strafverfolgung von Verbrechen der Nationalsozialisten in Europa. Dennoch sind, das zeigt die Vortragsreihe „Jenseits von Nürnberg“ im Memorium Nürnberger Prozesse, die Parallelen zur Gegenwart aktuell wie nie. „Wie gehen wir mit den Verbrechen einer Diktatur um, wenn das Regime gefallen ist?“, sagt Andreas Mix. Er denkt an den Mauerfall, an Libyen oder auch an Syrien.

Als wissenschaftlicher Mitarbeiter am Memorium hat Andreas Mix die Reihe konzipiert und organisiert. In insgesamt acht Vorträgen berichten Historiker seit Februar von ihrer Forschung. Im Fokus der monatlichen Veranstaltungen stehen Frankreich, Polen, Italien und die Sowjetunion, aber auch der Umgang mit den NS-Verbrechen in Norwegen, Jugoslawien und Österreich werden beleuchtet. Das Interesse ist beachtlich: Zwischen 40 und 70 Zuhörer kamen bisher zu jeder Veranstaltung, die Reihe wird auch auf politischer Ebene – etwa von den Konsulaten – wahrgenommen.

Andreas Mix, wissenschaftlicher Mitarbeiter im Memorium Nürnberger Prozesse

Aufarbeitung als große Leistung

Gibt es Staaten, die besonders gut oder vorbildhaft vorgegangen sind? „Das sind nicht die Kategorien, die ich anlegen würde“, sagt Andreas Mix. Als Historiker fragt er eher nach den jeweiligen Bedingungen, die in den Staaten herrschten. „Es ist eine große Leistung, dass viele Staaten die juristische Aufarbeitung gesucht haben“, urteilt Mix. Er selbst hat die Strafprozesse gegen NS-Täter in Polen untersucht. Das Land war nach dem Zweiten Weltkrieg total zerstört, es hatte durch Krieg, Völkermord und Vertreibung seine Minderheiten verloren und  bis Ende der 1940er Jahre kämpften Kommunisten und Vertreter der Exilregierung in einem Bürgerkrieg um die Macht im Land. Trotz dieser Umstände bemühte sich Polen darum, die NS-Verbrechen nicht mir Rache zu vergelten, sondern Strafprozesse durchzuführen.

Der Generalkonsul der Republik Polen in München Andrzej Osiak hielt ein Grußwort beim Vortrag über die Strafverfolgung von NS-Verbrechen in Polen.

Auch in Jugoslawien herrschte noch Bürgerkrieg, während die westlichen Staaten schon bald und relativ bruchlos an die Vorkriegszeit anknüpfen konnten. Personell, politisch und verfassungsgemäß. Dennoch orientierten sich die Staaten bei der Strafverfolgung der Täter an den wegweisenden Verfahren der Nürnberger Prozesse.

Einheimische härter bestraft als Deutsche

„Es war eine Schwierigkeit, vor der alle Staaten standen: Wie geht man mit den deutschen Verbrechern um?“, berichtet Andreas Mix. „Und wichtiger vielleicht noch: Wie geht man mit den eigenen Landsleuten um, die mit den Nazis kollaborierten?“ Die Einheimischen, so viel zeigt der Vergleich über Länder hinweg, wurden oft viel härter und konsequenter verfolgt als die Deutschen.

Dazu kam, dass sich viele Täter im und nach dem Krieg nach Deutschland abgesetzt hatten. Zwar hatten die Amerikaner anfangs viele mutmaßliche NS-Verbrecher identifiziert und an die Länder ausgeliefert, aber diese Welle ebbte schnell ab, als Deutschland ins Westbündnis eingegliedert wurde.

Aber in der Reihe „Jenseits von Nürnberg“ werden nicht nur historische Daten aufbereitet, die Referenten diskutieren auch Themen wie politische Justiz, Landesverrat und Volksgerichte. Ihre Forschungsergebnisse und Erkenntnisse sollen Impulse liefern für die geplante Erweiterung der Dauerausstellung des Memoriums.

Ein sowjetisches Militärgericht klagte im Oktober 1947 Angehörige der Lager-SS und ihre Helfer aus dem Konzentrationslager Sachsenhausen an. In dem öffentlichen Schauprozess, der im Rathaus Pankow stattfand, wurden 14 der 16 Angeklagten zu lebenslangen Haftstrafen verurteilt. Bildnachweis: Süddeutsche Zeitung Photo 00309481

Renommierte Wissenschaftler

Die Referenten also sind hochkarätig, einige kommen sogar aus dem Ausland. Besonders stolz ist Andreas Mix darauf, dass er Kim Christian Priemel aus der norwegischen Hauptstadt Oslo für den Eröffnungsvortrag „Übergangsjustiz – Wie Europa versuchte, Krieg, Besatzung und Massenverbrechen mit den Mitteln des Rechts zu begegnen“ gewinnen konnte. Der Historiker hat kürzlich ein neues Buch zu den Nürnberger Prozessen veröffentlicht, das als internationales Standardwerk gehandelt wird.

Noch drei Vorträge sind vorgesehen: Anette Homlong Storeide aus Trondheim wird sich mit der Suche nach den Landesverrätern in Norwegen befassen, Thomas Schlemmer spricht über den „Bumerang-Effekt“ in Italien und Andreas Hilger nimmt die „NS-Verbrechen vor sowjetischen Gerichten“ unter die Lupe.

Informationen zum Vortrag von Anette Homlong Storeide
Informationen zum Vortrag von Thomas Schlemmer
Informationen zum Vortrag von Andreas Hilger

Die Strahlkraft von Nürnberg

Welche Lehren man aus dem Umgang mit den Kriegsverbreche(r)n ziehen kann? „Ich wäre vorsichtig“, sagt Andreas Mix. Auch wenn er den Nürnberger Prozessen eine große Strahlkraft attestiert und im Memorium ihr Vermächtnis pflegt, seien doch jeder Fall und die jeweiligen Ausgangsbedingungen immer ganz unterschiedlich. „Was die zeitlose Gültigkeit historischer Lehren betrifft, bin ich sehr skeptisch. Die Bewertung verändert sich.“

Die Euphorie gemeinsamer Werte und Grundsätze etwa, die den Strafgerichtshof von Den Haag anfangs trug, verfliegt gerade. Nationale Interessen rücken in den Vordergrund, Auseinandersetzungen werden zunehmend mit Gewalt ausgetragen und die internationale Staatengemeinschaft zerfällt… Vielleicht wäre es höchste Zeit, zurück zu schauen, wie die Frage von Recht und Unrecht, von Schuld und Strafe nach 1945 verhandelt wurden.

 

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